Zwischenstand

Wie angekündigt folgt hier die Fortsetzung zum letzten Beitrag. Ich beantworte häufig gestellte Fragen, in diesem Beitrag zu meiner Meinung zu meinem FSJ in Hanoi (allgemein „Wie geht’s dir?“ teile ich hier in zwei Bereiche auf: Arbeit und Freizeit).

 

Wie gefällt dir deine Arbeit?

Die Arbeitsatmosphäre im Goethe-Institut ist ganz gut, weil ich mich mit meinen Mitpraktikantinnen echt gut verstehe und die meisten Aufgaben gut zu bewältigen sind. Leider sind die Arbeitszeiten sehr lang, und um den ganzen Tag in einem deutschen Institut zu sitzen und mit Deutschen deutsch zu reden, bin ich nicht hier. Wenn ich nach einem ausgefüllten Arbeitstag nach Sonnenuntergang heimkomme, fehlt mir oft die Energie – und die Zeit – rauszugehen und Menschen zu treffen. Land und Leute konnte ich so noch nicht wirklich kennenlernen.

Das Arbeiten mit den Schülern in den AG-Stunden gefällt mir recht gut, auch wenn deren nicht sehr umfangreichen Deutschkenntnisse meine Möglichkeiten einschränken. Das macht es teilweise schwierig passende Projekte zu finden. Englisch ist hier als Verständigungssprache sehr hilfreich und ich glaube, ein bisschen von Deutschland kann ich ihnen schon vermitteln. Bei der Unterrichtsassistenz habe ich jedoch phasenweise das Gefühl, wieder in der Schule in einem uninteressanten Fach meine Zeit abzusitzen, da ich dem häufig auf Vietnamesisch gehaltenen Unterricht nicht wirklich folgen kann. Wenn abends dann Vietnamesisch-Hausaufgaben folgen, wird dieses Gefühl noch verstärkt. An manchen Tagen kann ich nur noch erschöpft sagen: „Tôi mêt.“ (Ich bin müde.)

Wer sich also für so einen Freiwilligendienst interessiert, sollt sich bewusst sein, dass unter der Woche nicht viel Zeit ist, die neue Heimat auf Zeit kennenzulernen und der Berufswunsch „Lehrer*in“ sollte zumindest unter den Top 5 sein. Nichtsdestotrotz ist der Austausch mit Nicht-Muttersprachlern über die eigene Sprache sehr interessant und man macht sich viel mehr Gedanken darüber, wieso man bestimmte Dinge so sagt, wie man sie sagt. Bei manchen Fragen muss ich eine Weile überlegen, bis ich eine Regel oder Erklärung finde, obwohl ich genau weiß, wie man den Satz richtig sagt. Und wie erklärt man schwierige Wörter am besten? Bei Initiative oder Zeitverständnis bringt einen selbst die pantomimische Darstellung kaum weiter.

 

Wie gefällt dir Hanoi?

Vom Essen bin ich begeistert, wie man – denke ich – merkt. In Deutschland habe ich beim Asiaten normalerweise nach ein paar misslungenen Versuchen, mit Essstäbchen Nahrung vom Teller in meinen Mund zu befördern, aufgegeben und zu Messer und Gabel gegriffen. Hier gibt es europäisches Besteck nur in schicken, teuren, westlichen Restaurants, in denen ich eigentlich nie verkehre, also war ich gezwungen mich erneut an diesem Esswerkzeug zu versuchen und siehe da, ich bin noch nicht verhungert, also scheint es ganz gut zu klappen. Was ich mit besagten Stäbchen esse ist fast immer sehr lecker.

Auch vom Verkehr bin ich positiv überrascht. Von asiatischen Großstädten hört man ja oft, dass der Verkehr besonders chaotisch sei und es eigentlich keine Verkehrsregeln gibt, daher hatte ich mich vorher auf das Schlimmste gefasst gemacht – und wurde in meinen Erwartungen nicht bestätigt. In Hanoi werden die meisten Ampeln beachtet und es gibt viele Einbahnstraßen, die für den ungeübten Westler einfacher zu überqueren sind, da man nur in eine Richtung schauen muss. Auf den zweiten Blick sieht man auch, dass auf andere Verkehrsteilnehmer geachtet wird. Man macht sich durch lautes Hupen oder durch die Lichthupe bemerkbar und weicht (manchmal widerwillig) aus. Einen Unfall will ja keiner, besonders die weniger geschützten Mopedfahrer nicht. Ich habe bis jetzt auch erst einen schlimmeren Unfall gesehen und hatte selbst zum Glück noch keinen. Besonders toll finde ich am Verkehrssystem hier, dass einige Ampeln noch ein weiteres Feld haben, auf dem die verbleibende Zeit der Rot- bzw. Grünphase heruntergezählt wird. Die ungeduldigeren Vietnamesen auf Mopeds fahren bei Ampeln immer ganz nach vorne und drängeln sich an der Haltelinie, was diese Anzeige wie einen Countdown zum Start eines Wettrennens wirken lässt. Ich finde diese Anzeige jedoch sehr fortschrittlich: Man kann abschätzen wie lange man noch warten muss (hilft gegen Ungeduld) und viele Motorradfahrer stellen ihren Motor gegebenenfalls ab – das spart Sprit und verursacht weniger Abgase. In Deutschland hab ich so eine praktische Ampel noch nie gesehen.

Die Infrastruktur ist auch gut: Es gibt überall Strom, Wasser und WLAN, in jeder zweiten Straße findet man einen kleinen Supermarkt und am Straßenrand stehen viele Mülltonnen, die regelmäßig geleert werden. An verschiedenen Straßenecken sind Polizeihäuschen, von denen aus Polizisten Verkehrsteilnehmer kontrollieren und es gibt sehr viele Cafés, Bücherläden, Galerien, Restaurants und Kleiderläden. Einige davon sind mit „Made in Vietnam“ betitelt und haben ein tolles Sortiment zu guten Preisen, das sogar im Land produziert wird.

Leider ist meine Kenntnis der Stadt eher oberflächlich, da ich noch nicht viel Gelegenheit hatte, sie zu erkunden.

 

Abschließend kann ich sagen, dass es mir gut geht und mir meine neue Umgebung an sich gut gefällt, ich aber nicht genug Zeit hatte, um mich hier wirklich zuhause zu fühlen. Ich lerne hier weniger als erhofft eine fremde Stadt und Land und Leute kennen, dafür aber mehr das Arbeitsleben im Goethe-Institut.

Ich habe zwar einige vietnamesische Bekanntschaften, aber keine, die ich schon als Freunde bezeichnen würde. Unter der Woche kann ich mich ja schlecht mit ihnen treffen und die Bekanntschaft vertiefen, da ich den ganzen Tag arbeite, und am Wochenende steht neben Ausflügen, der Besichtigung von Sehenswürdigkeiten und Bummeln durch die Altstadt leider auch Hausarbeit an – und manchmal auch Arbeit im Goethe-Institut. Dafür verstehe ich mich mit meinen Mitbewohnerinnen Nour und Sophie (die auch in einem Blog über ihre Erlebnisse in Hanoi berichtet – in Form eines Adventskalenders: https://kulturweit-blog.de/sophiegoeshanoi/2017/12/01/mein-persoenlicher-adventskalender/) super und wir verbringen viel Zeit miteinander.

 

Im Großen und Ganzen empfehle ich jedem, der die Chance zu einem FSJ im Ausland hat, diese auch zu nutzen. Man lernt viel über sich selbst, wenn man (zum ersten Mal) in einer komplett neuen Umgebung auf sich allein gestellt ist und selbst wenn man eher wenig Gelegenheit hat, die neue Kultur kennenzulernen, lohnt es sich meiner Meinung nach doch. Es gibt dafür viele Möglichkeiten, http://gapyears.de/ stellt einige vor und hilft bei der Entscheidungsfindung. Man sollte jedoch auch im Hinterkopf behalten: Es ist nicht immer wunderbar, spannend und abenteuerlich, sondern kann auch langweilig, anstrengend oder stressig sein. Aber auch negative Erfahrungen sind Erfahrungen, die dich weiterbringen können.

 

Liebe Grüße,

Theresa

Herzliche Grüße aus dem ganz und gar nicht winterlichen Vietnam! (Oh je, wie soll ich denn hier in Weihnachtsstimmung kommen?)

Ein Gedanke zu “Zwischenstand

  1. Liebe Theresa,
    ich habe Deinen Blog wieder einmal mit großem Interesse gelesen – Dein Foto finde ich sehr hübsch! Es ist richtig, Weihnachtsstimmung kommt dabei zwar nicht gerade auf, aber dafür ist es eine ganze neue Erfahrung, im Sommerkleid Weihnachten zu feiern…
    Auch wenn es vielleicht manchmal etwas mühsam ist und Du wenig freie Zeit hast, geniesse trotzdem die Monate in Hanoi! Bleib´gesund und munter,
    alles Liebe, Christine

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