Vom „Back-to-school“-Feeling und Büroarbeit

Was genau machst du eigentlich in Hanoi? Was arbeitest du überhaupt? Wie gefällt dir deine Arbeit? Wie sieht dein Alltag aus?

Diese Fragen wurde mir schon einige Male gestellt, und um sie einmal für alle zu beantworten, möchte ich sie hier beantworten und einen typischen Tag in meiner Einsatzstelle beschreiben (An alle, die sich für einen Freiwilligendienst mit kulturweit interessieren, aufgepasst: So lautet auch eine Frage des umfangreichen Bewerbungsbogens!). Es gibt zwei verschiedene „Arten“ von typischen Tagen in meinem Alltag hier, an dreieinhalb Tagen die Woche arbeite ich als Praktikantin am Goethe-Institut und an einem Nachmittag, einem ganzen Tag und am Samstagvormittag arbeite ich an PASCH-Schulen.

Meine Arbeitszeit am Goethe geht von 9 – 18 Uhr und da ich glücklicherweise einen kurzen Arbeitsweg habe, reicht es, wenn ich um dreiviertel acht aufstehe (für alle Nicht-Süddeutschen, die solche Zeitangaben nicht verstehen: Das heißt 7.45). Eine Stunde sollte eigentlich reichen zum Aufstehen, Sport machen, duschen und frühstücken, aber komischerweise bin ich trotzdem häufig knapp dran und der Weg zum Goethe-Institut wird zu einem zweiten Workout in Form eines zügigen Hindernis-Laufes über Stock und Stein und holpriges Kopfsteinpflaster im Slalom durch parkende Motorroller und Straßenküchen. Normalerweise schaffe ich es dann doch noch pünktlich. Im Institut geselle ich mich zu meinen Mitpraktikantinnen Ada und Britta in unser „Büro“, einem momentan meistens ungenutzten Klassenraum. Auf meinem Laptop warten meistens schon Arbeitsaufträge auf mich, von denem sich viele als typische Praktikantentätigkeiten bezeichnen lassen. Ich habe verschiedene Aufgaben, vom Erstellen von Listen, Texten und Arbeitsblättern über das Verpacken und Verschicken von Werbematerialien und Büchern bis hin zu Inventur und Hausaufgabenbetreuung in der hauseigenen Bibliothek und ich bereite meine Deutschklubs vor, die auch zu meinen Aufgaben gehören. Wir Praktikantinnen sind zur Zeit für drei Projekte mitverantwortlich, das war zum einen die Unterstützung bei der Organisation der Tour der deutschen Band „Der Ringer“ und deren Betreuung in Hanoi, die Gestaltung eines Deutschraumes am Tag der Europäischen Sprachen (EUNIC) im Goethe-Institut und die Organisation und Durchführung eines Schreibwettbewerbs zum Thema Wasser. Hier hatten wir zeitweise sehr viel zu tun, da diese Projekte fast parallel liefen.

In einer Stunde Mittagspause genießen wir je nach Laune entweder Sommerrollen, die wir uns selbst zusammenstellen können („Banh xéo“), veganes Essen in einem buddhistischen Tempel in der Nähe, leckere Pho in der nächsten Straßenküche, wo uns die Leute schon kennen, Glasnudeln („Miên“), koreanisches Essen im Restaurant nebenan, frittierte oder frische Frühlingsrollen oder gebratenen Fisch („Bùn nem“ oder „Bùn cá“) mit Reisnudeln oder etwas anderes Gutes (man sieht, vom Essen hier bin ich begeistert!). Zum Nachtisch gibts häufig einen „sữa chua cà phê“, eine Art Smoothie aus Kaffee und Joghurt im Straßencafé einer Vietnamesin, die sogar deutsch spricht und sich jedes Mal sehr freut, wenn sie das zeigen kann. Unsere Unterhaltungen in ihrem gebrochenen Deutsch und mit meinem gebrochenen Vietnamesisch sind immer sehr nett. Leider habe ich noch nicht herausgefunden wieso sie deutsch sprechen kann…

Wenn ich um 18 Uhr das Goethe-Institut verlasse, ist die Sonne meistens schon untergegangen und ich gehe mit meinen Mitbewohnerinnen Sophie und Nour oder auch mit Lehrerinnen vom Goethe-Institut zu Abend essen. An manchen Tagen raffen wir uns noch zu verschiedenen Events auf, wie zum Beispiel dem wöchentlich stattfindenden Deutsch-Stammtisch, bei dem sich Muttersprachler und Deutschlernende austauschen können, einer Filmvorführung im Goethe-Institut, einem Bummel durch die Altstadt oder einem Story-Slam in einem eher abgelegenen Café auf. Nach einem ausgefüllten Tag falle ich dann müde in mein Bett mit der knapp 10 cm dicken Matratze, die mir dann sogar bequem vorkommt und lausche der immer noch geschäftigen Straßenküche unsrer Nachbarn.

Donnerstags klingelt mein Wecker eine Stunde früher und ich muss viel zügiger das Haus verlassen, da ich eine – je nach Verkehr – 25 bis 40 minütige Mopedfahrt zu einer PASCH-Schule vor mir habe. Über die Apps „Grab“ oder „Uber“ kann man sich hier in Hanoi bequem ein (Motorrad-)Taxi bestellen. Für Ausländer, die die Sprache nicht oder nicht so gut beherrschen (so wie ich) ist das sehr praktisch, da man sein Ziel und seinen Standort eingeben kann und auch der Fahrtpreis fix ist. Während der Stoßzeiten, die eigentlich immer sind, außer mitten in der Nacht, ist es empfehlenswert, ein Motorradtaxi zu nehmen, da das erstens etwas günstiger und zweitens viel schneller im asiatischen Verkehr hier ist als ein sperriges Auto. Hier gilt nämlich die freie Spurwahl innerorts – wortwörtlich. Weiße Streifen auf der Fahrbahn sind nur zur Deko da und meistens auch ziemlich verblasst. Jeder fährt nach dem Prinzip des aktiven Anstehens, das ich beim Anstehen am Skilift auch gerne anwende: Lücken werden gesehen und genutzt und keiner hält sich an Fahrspuren oder ähnliches. Man kann diese Verkehrsregel auch poetisch sehen: „Finde deinen eigenen Weg und gehe ihn selbstbewusst!“

Nach einer solchen nicht unbedingt entspannten Fahrt (wenn mein Fahrer Abkürzungen durch schmale Gässchen und über schmale Brücken aus Holzbrettern nimmt, wird mir auch nach 2 Monaten Gewöhnungszeit an die Gegebenheiten hier mulmig), komme ich an der Lomonosov-Schule an, wo ich erst in einer achten, dann in einer neunten Klasse im Unterricht assistiere. Meistens bekomme ich von der Lehrerin auch einen Stapel Klassenarbeiten zum Korrigieren in die Hand gedrückt und verbringe so meine Zeit (und versuche die Blätter daran zu hindern im Ventilatorwind wegzufliegen).
Nach dem Mittagessen sieht die Schule vor, dass die Schüler eine Stunde Mittagsschlaf halten – ein tolles Konzept finde ich. Leider darf ich nicht mitschlafen, sondern biete für Schüler, die nicht schlafen wollen, eine Deutsch-AG an (selbiges mache ich am Samstagvormittag und Mittwochnachmittag in anderen Schulen). Hier machen wir verschiedene Projekte, um kreativ Deutsch zu lernen und Deutschland kennenzulernen. Eines davon ist das Erstellen eines Modemagazins mit Lieblingsoutfits der Schüler, ein anderes ist ein Kalender mit dem Titel „Ein Jahr in Hanoi“ und in einer Deutschlandreise lernen wir verschiedene Bundesländer kennen. Bis Weihnachten werde ich einer Gruppe auch das christliche Weihnachtsfest näherbringen.

Nachdem ich den größten Teil des Tages Deutsch gesprochen habe, folgen nun zwei Stunden, in denen ich mich wie einer der Schüler fühle, die ratlos vor einem komplett auf Deutsch geschriebenen Kursbuch sitzen.  Zusammen mit Nour und Sophie versuche ich mich in der vietnamesischen Sprache, die wirklich keinerlei Ähnlichkeit mit der Deutschen hat. Die Grammatik an sich ist nicht so schwer, die Sätze folgen streng der Struktur Subjekt – Verb – Objekt, die Verben werden nicht dekliniert und haben auch keine unterschiedlichen Zeitformen. Es gibt auch keinen Plural, Kasus oder Artikel, dafür aber Partikel, die Anzahl und Geschlecht bestimmen. Klingt gar nicht so schwierig, oder? So wie immer bei so toll klingenden Angeboten gibt es einen Haken. Der ist hier die Aussprache. Das Vietnamesische ist verwandt mit dem Chinesischen und hat sechs verschiedene Tonhöhen beziehungsweise Arten etwas auszusprechen. Wir hören es zwar (noch) nicht besonders gut, aber es ist ein riesen Unterschied, ob man ‚lá‘, là‘ oder ‚lạ‘ sagt. Den richtigen Ton zu treffen, den man nicht immer richtig hört, ist gar nicht so einfach. Mit einem Knoten im Kopf, müden Ohren und einem Haufen Hausaufgaben taumeln wir schließlich aus dem Klassenzimmer…

Donnerstage enden bei mir häufig mit einem Gefühl, als sei die Zeit um ein Jahr zurückgedreht worden: Ich sitze den ganzen Tag in der Schule und mache abends auch noch Hausaufgaben.

 

So viel zu meinem Arbeitsalltag hier, im nächsten Eintrag gebe ich meinen Senf dazu und erzähle, wie es mir gefällt. (Oder meine Sojasoße. Senf gibt es hier nicht wirklich aber dafür viel Sojasoße, „tương bần“, die für mich jede Mahlzeit verfeinert.)

 

Liebe Grüße,

Theresa

Ein Gedanke zu “Vom „Back-to-school“-Feeling und Büroarbeit

  1. Liebe Theresa,
    auf der brandneuen Seite „GapYears.de“ habe ich deinen Blog als ein Beispiel für Blogs über Soziale Jahre im Ausland ausgewählt. Ich habe dich hier verlinkt:
    http://gapyears.de/erfahrungsberichte.html

    Wenn du noch Tipps hast, was ich Interessenten an Gap Years noch mit auf den Weg geben sollte, melde dich gern mal. Vielleicht machst du sogar auf meine neue Seite aufmerksam?

    Danke und eine gute Zeit in Hanoi
    Niko

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