About (not) taking a risk

Warnung: Dieser Beitrag ist sehr lang. (Dafür gibt es aber viele Fotos. 🙂 )

Did you ever take a risk? Das war die Leitfrage eines Story-Slams, den Nour und ich letzten Mittwoch besuchten. Ein Story Slam ist eine Veranstaltung, bei der verschiedene Personen, sogenannte Slammer eine Geschichte zu einem vorgegebenen Thema vor dem Publikum in einem Café erzählen. Die einzigen Vorgaben sind, dass die Geschichten zum Thema passen, wahr sein und frei vorgetragen werden müssen. Im Anschluss werden sie von einer Jury bewertet und es gibt verschiedene attraktive Preise zu gewinnen. An diesem Abend war der Hauptpreis zum Beispiel zwei Tickets für das bekannte Quest-Festival im Norden Vietnams. Das Thema dieses Story Slams war das Risiko – 8 junge Leute haben uns von Situationen erzählt, in denen sie ein Risiko eingegangen sind. Wir hörten spannende, verrückte und bewegende Geschichten, von einem Backpacker, der mit einer Familie zusammen deren tote Großmutter über die Grenze von Mosambik geschmuggelt hat, von einem jungen Mädchen, das ihren Vater auf dessen Homosexualität angesprochen hat, von einem Amerikaner, der als Junge in eine Sporthalle eingestiegen ist und mit seinen Freunden dort feierte und unglücklicherweise auch erwischt wurde, von einem ehemaligen Drogenjunkie der früher einmal in der Woche Drogen aus Mexiko nach San Diego, Kalifornien, geschmuggelt hat, von einer Frau, die in Hanoi das Fahrradfahren lernen wollte, aber stattdessen die Liebe fand.

Beim Hören dieser Geschichten kam ich ins Grübeln: Kann ich auch so eine spannende Geschichte aus meinem Leben erzählen? Habe ich auch schon einmal ein erzählenswertes Risiko auf mich genommen? Erst fiel mir nichts ein, aber dann erinnerte ich mich an eine Geschichte, die gar nicht lange her ist und in gewisser Weise zu diesem Thema passt. Am Wochenende vorher waren meine Mitbewohnerinnen Sophie, Nour und ich in Ha Giang, einer Stadt nahe der Grenze zu China, und versuchten, eben kein Risiko einzugehen.

Ha Giang im Norden Vietnams

Die Idee zu diesem Wochenendtrip kam von unserer Vermieterin Anna, die uns vorschlug mit ihr zum Blumenfest nach Ha Giang zu fahren – sie wollte unsere Touristenführerin sein. Tolle Idee, dachten wir, eine geführte Tour in eine Stadt im Norden, in die Natur, in der der Tourismus erst beginnt. Und das Ganze nicht über eine teure Reiseagentur gebucht, sondern mit unserer Vermieterin, die – bis auf die Tatsache, dass sie nicht wie angekündigt nur ab und zu in dem zusätzlichen Zimmer wohnt, sondern fast jeden Tag – ganz nett zu sein scheint. Kein Risiko also, sondern ein Schnäppchen.

In der Woche vor dem Ausflug trafen wir uns mit Anna in einem Café in der Nähe (obwohl wir das eigentlich auch in unserer Wohnung hätten machen, sie lebt ja auch dort, auch wenn sie es uns zu verheimlichen versucht) um zu planen. Naja, es war nicht die Art von Wochenend-Planung, die wir erwartet haben, wir haben eigentlich nur besprochen, wann und wo der Nachtbus abfährt und dass wir die Tage spontan gestalten. Anna hatte den vagen Plan, nach Ankunft ein sogenanntes Homestay, eine Unterkunft, in der man mit örtlichen Familien zusammenwohnt, zu suchen und dann vielleicht ein Motorrad mieten, um zu den berühmten Blumenfeldern zu fahren oder so. Die Straßen seien gut und das Motorradfahren kein Problem, auch für Anfänger nicht.

Das Programm unserer Reise war also überhaupt nicht ausgereift, aber Anna wird schon wissen, was man in Ha Giang Schönes unternehmen kann, wenn sie es uns zeigen möchte. Dachten wir.

Bis sich herausstellte, dass Anna selbst noch nie in Ha Giang war. Okay, wenigstens spricht sie Vietnamesisch und kann uns so helfen. Hofften wir.

 

Also fuhren wir los, frisch und fröhlich am Freitagabend. Ich war sehr stolz, mein Gepäck für 2 Tage in meinen 17-Liter-Rucksack bekommen zu haben und hatte so zumindest aufgrund meines Gepäcks keine Platzprobleme im Nachtbus. Die hatte ich nur wegen meiner Größe – für Menschen, die größer als 1.45 m sind ist der Nachtbus nicht unbedingt zu empfehlen, ich konnte mit meinen 1.63 m meine Beine nicht mal ansatzweise ausstrecken. Nicht so schlimm, ich konnte trotzdem schlafen.

Nach einem Halt an einer vietnamesischen Autobahnraststätte (eher eine große Straßenküche mit Stehklos) kamen wir in Ha Giang an. Im Hostel, das ich im Endeffekt doch gebucht hatte, weil Anna meinte, dass wir das doch brauchen, konnten wir leider nicht mitten in der Nacht einchecken aber durften auf Sofas im Frühstücksbereich schlafen. Der Versuch, bei der Unterkunftssuche kein Risiko einzugehen, war also nicht ganz erfolgreich. Dafür hatten wir am nächsten Morgen das Glück, gleich von der symphatischen Rezeptionistin zur Eröffnung eines nahegelegenen Dorfes eingeladen zu werden. Super, unsere spontane Programmplanung scheint ja gut zu funktionieren.

Die feierliche Eröffnung des Dorfes für seine touristische Zukunft – ab jetzt müssen die Einwohner ihr Geld nicht mehr mit dem Anbauen von Haschisch verdienen. (Hoffen sie zumindest…)

 

Wir genossen ein superleckeres Mahl, das auf dem Boden sitzend gemeinsam gegessen wurde.

In dem Dorf wurden traditionelle vietnamesische Tänze aufgeführt und Lieder gesungen, ein schöner und interessanter Anblick. Leider verstanden wir von diversen Reden nicht viel, da sie auf Vietnamesisch gehalten wurden. Wir waren neben einem anderen Pärchen auch die einzigen an der Hautfarbe erkennbaren Touristen. Schließlich wurden wir in das Dorf eingelassen, bekamen Reis in Bambusrohren serviert und durften uns umschauen. Nach einem superleckeren Mittagessen und geselligem Zusammensein mit sehr freundlichen, leider nicht englischsprachigen Dorfbewohnern kehrten wir zum Hostel zurück, wo uns eine amerikanische Work-&-Travelerin, die zeitweise im Hostel arbeitete, zu einem idyllischen Wasserfall mitnahm. An dem Schild „Deadly Danger Area“ – „Vorsicht, Todesgefahr“ ging sie zielstrebig vorbei und wir badeten im Auffangbecken des Wasserfalls. Ein Risiko, das zum Glück keine schlimmen Konsequenzen nach sich zog.

Deadly Danger Area? Nevermind…

 

Einheimische klettern den Wasserfall auch oft hoch und rutschen runter. Das war uns dann doch zu riskant.

Nach einem missglückten Versuch zur chinesischen Grenze zu gelangen (sie ist nicht wie von der Amerikanerin behauptet nur 3 km weit entfernt, sondern 15 km und hier geht die Sonne schon gegen 17.30 unter – wir wollten das Risiko im Dunkeln mitten im Nirgendwo zu stehen, nicht eingehen), endete der Tag und wir genehmigten uns im Hostel erschöpft einen leckeren Smoothie.

Blieb nur noch die eine Frage: Was machen wir am nächsten Tag? Wie sich herausstellte, konnten wir nicht zu dem Dorf fahren, wo die Blumen sind, weil man dafür mindestens 2 Tage braucht. Ansonsten könnte man ein Motorrad mieten und einen Teil des berühmten „Loops“, einer Runde durch die Berge in Ha Giang, machen. Den Loop fahren die meisten Touristen hier, aber wir wollten nicht so lange Motorrad fahren – wir sind alle noch nie am Lenker eines Motorrads gesessen und die steilen kurvigen Bergstraßen hier sind vielleicht nicht der beste Anfängerort. Ein weiterer Vorschlag des Hostels war es, eine geführte Bergtour für 20 € zu machen. Das kam uns erst sehr teuer vor, aber aus Ermangelung anderer Alternativen entschieden wir uns doch für diese Option. Auf eigene Faust eine Wanderung nur mit Hilfe aus dem Internet ausgedruckter Karten zu machen war uns ein zu großes Risiko. Die Berge von Ha Giang sind nicht so touristisch erschlossen wie die Alpen und die Wanderwege nicht so gut gekennzeichnet – bevor wir uns verirren buchen wir halt diese Tour. Mit unserer eigentlichen Touristenführerin hier, Anna, waren wir nach dieser anstrengenden kurzfristigen Planung nicht so glücklich. Ursprünglich hatte sie ja gesagt, sie möchte uns Ha Giang und das Blumenfest zeigen – da hätte sie sich ja informieren können über das Dorf, in dem die Blumen sind…

 

Am nächsten Morgen brachen wir ohne Anna, die sagte, sie sei krank, aber dafür mit einem jungen Vietnamesen namens Chuc auf. Am Anfang unserer Wanderung, die laut Planung 10 km lang sein und 4 – 5 Stunden dauern sollte, kamen wir an einem Freibad vorbei. Wenn wir das gewusst hätten! Seltsamerweise war es komplett ausgestorben. Chuc konnte uns leider nicht sagen wieso.

Seltsam, wieso ist hier keiner, dieses Schwimmbad sieht doch super aus!

Weiter ging die Wanderung, durch verschiedene Dörfer, die dem gestrigen ähnelten, auf einem breiten asphaltierten Weg. Immer bergauf, die Aussicht war atemberaubend und wir konnten die berühmten Reisterrassen bewundern, die man auf vielen Postkarten findet. Nach drei Stunden machten wir an einem idyllischen Bach Pause und aßen das Mittagessen, das in der Tour enthalten war. Banh My Trung – Weißbrot mit Omelette. Leider hatte das Weißbrot durch die Zeit in der Tasche unseres Bergführers ein bisschen gelitten und war keine Gaumenfreude mehr. Wie gut, dass ich an Papa gedacht hatte und ein bisschen „Benzin“ dabei hatte – Kekse als altbewährtes Mittel zur Motivation wandermüder Kinder (oder wahlweise auch Erwachsener und Teenager). Die Verständigung mit Chuc stellte sich als problematisch heraus: Er sprach außer wenigen Worten („I family.“ begleitet von einer Handbewegung zu einem nahegelegenen Dorf als Antwort auf die Frage, ob er aus Ha Giang komme; „3 kilometer.“ oder wahlweise „30 minutes.“ als Antwort auf die Frage, wie lange wir noch unterwegs sein werden – 3 Stunden lang) kaum Englisch. Als wir Pause machten, meinte ich jedoch mich mit ihm soweit verständigt zu haben, dass ich zu dem Schluss kam, dass wir ca. die Hälfte geschafft hatten – von der Uhrzeit her hätte das ja auch gepasst. Irrtum.

Wandern auf der Straße.

Wir wanderten weiter durch die wunderschöne Natur, das viele Grün und die frische Luft tat uns nach dem Großstadtleben in Hanoi echt gut.

Der Ausblick ist wirklich atemberaubend.

 

Da soll einer (Sophie) mal behaupten, ich könnte keine Schmetterlinge (im Flug!!) fotografieren! Ach ja, die Landschaft sieht auch ganz nett aus, oder?

Gegen 14 Uhr wunderten wir uns dann, wieso wir immer noch bergauf wanderten. Wollte Chuc uns eine buddhistische Weisheit im Sinne von „Wenn du vorwärts willst, musst du rückwärts gehen.“ oder „Wenn du runter willst, musst du hochlaufen.“ beibringen?

Gegen 15 Uhr begannen wir unruhig zu werden, wir wollten doch noch entspannt im Hostel duschen und vielleicht etwas von Ha Giang sehen. Und ein bisschen Ausruhen, wie es sich am Wochenende so gehört. Wir begannen den Bergführer etwas ungeduldiger und öfter als vorher zu fragen, wie lange die Wanderung noch dauern würde. Die Antworten habe ich schon oben notiert: 3 km noch oder 30 Minuten. Das behauptete er den ganzen restlichen Abstieg, den wir endlich antraten. Wir bogen von der asphaltierten Straße, auf der uns vorbeifahrende vietnamesische Motorradfahrer immer sehr seltsam angeschaut hatten („Wieso laufen die denn? Ist ihr Motorrad kaputt? Machen die das zum Spaß?!“) auf einen Feldweg ab. Endlich wandern wir richtig, dieses Asphaltwegwandern ist was für verweichlichte Touris, endlich kommt das richtige Wandern auf Trampelpfaden, das ich aus den Alpen kenne, dachte ich. Meine Freude währte jedoch nicht lange.

Endlich wandern wir richtig auf einem Trampelpfad.

Glücklich darüber, dass es endlich bergab ging realisierten wir erst gar nicht, dass wir uns sehr weit von jeglicher Zivilisation entfernten und der Trampelpfad immer weniger die Bezeichnung Trampelpfad verdiente. Unser ortskundiger Führer wirkte gar nicht mehr so ortskundig, wenn er sich bei Abzweigungen entweder spontan für eine entschied oder lange überlegte und dann unsicher eine wählte. Ein paar Mal mussten wir umdrehen und den Weg bis zur letzten Gabelung zurückgehen. Wir wollten kein Risiko eingehen und hatten eine teure Bergtour gebucht und fanden uns auf dem Rand einer dieser hübschen Reisterrassen balancierend wieder. Die erste Stunde lang war es noch amüsant und wir munterten uns gegenseitig auf. Es ist schon 16 Uhr? Ach, wir schaffen es schon vor Sonnenuntergang ins Dorf runter. Langsam merken wir die zurückgelegte Strecke in den Beinen? Ist doch gut, mal ein bisschen Bewegung.

Dann fiel Sophie eine Böschung herunter (was sehr lustig aussah) und glücklicherweise kam sie außer einem Loch in der Hose ohne Verletzung davon. Es hätte aber auch schlimmer ausgehen können – was hätten wir machen können wenn sie sich mitten im Nirgendwo eine ernste Verletzung zugezogen hätte? Bei einem Sturz aus ungefähr 2 Meter Höhe hätte das ja durchaus passieren können.

Sophie nahm ihren Sturz mit Humor, es war ja nichts passiert, aber nachdem auch Nour hingefallen war und ich den Rest des „3 Kilometer langen“ bzw. „30-minütigen“ Abstiegs mit nassen Schuhen zurücklegen durfte, weil ich in einen Bach getreten war, verging uns der Spaß. Vor allem als sich der Himmel über der spektakulären Bergkette am Horizont orange zu färben begann.

 

Wir sind hier keineswegs fern jeglicher Zivilisation: Es gibt fast überall Strom und fließend Wasser.

Erschöpft erreichten wir bei Sonnenuntergang das nächste Dorf am Fuße der Berge. Dort wartete das mit Wanderung mitgebuchte Taxi schon und brachte uns schmutzig, zerrissen und müde zurück zum Hostel.

Wir hatten laut der Schrittzähler unserer Handys 25 km statt 10 zurückgelegt und waren 9 Stunden statt 4 unterwegs gewesen – wir hatten versucht, ein Risiko zu vermeiden und waren stattdessen mit unserem abenteuerlichen Abstieg eins eingegangen.

Die Moral von der Geschicht? Auch wenn man das Risiko versucht zu vermeiden, es besteht immer die mehr oder weniger große Möglichkeit, dass etwas schief geht.

Wir haben das Abenteuer zum Glück unbeschadet überstanden und bekamen vom Hostel sogar das Geld zurückerstattet – im Nachhinein können wir darüber lachen.

Grün, grün, grün ist alles was ich sehe, grün, grün ist alles was mag!

Der Moderator wies zwischen den verschiedenen Geschichten immer wieder darauf hin, dass man sich immer noch spontan dazu entschließen konnte, eine Geschichte zu erzählen. Hätte ich von diesem Versuch, kein Risiko einzugehen, erzählen sollen?

 

Viele Grüße,

Theresa

 

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