Alltagsabenteuer

Nach dem Abenteuer Wohnungssuche, das wir letzten Samstag erfolgreich durch das Unterschreiben eines Vertrags über 5 Monate beendet haben – ja mein Freiwilligendienst geht nur noch 5 Monate, bis Ende Februar – begann das Abenteuer Alltag. Mit dem Einzug in unser neues Heim, ein dreistöckiges Haus mit Dachterrasse und Waschmaschine, die mit Heißwasser wäscht (eine Seltenheit hier in Hanoi), stellte sich auch das Gefühl, endgültig angekommen zu sein und ein halbes Jahr hier zu wohnen, ein und damit auch ein kleines bisschen Heimweh. Mein Bett daheim ist schon ein bisschen bequemer als die 10 cm dicke Matratze hier.

Eingangsbereich und Küche unsres neuen Heims – hier spielte sich auch Alltagsabenteuer Nr. 1 ab.

Aber besonders viel Zeit für Heimweh blieb mir nicht, denn beim Arbeiten war ich schon am ersten Wochenende voll eingespannt, da ich am Samstag einen Deutschklub in einer Schule am Stadtrand betreute und am Sonntag bei einem Filmworkshop des Projekts ‚EinBlick‘ mithalf. Zwei Gruppen von ca. 10 Schülern drehten 10-minütige Kurzfilme über selbstgewählte Themen, die etwas mit ihrer Heimat Hanoi bzw. Vietnam zu tun haben sollten. Kerstin und Silke, die Leiterinnen dieses Projekts nehmen diese Filme mit nach Kirgisistan und Island an Schulen in denen Deutsch gelernt wird und so können die Schüler sich durch die gemeinsame Sprache Deutsch austauschen. Ein Blick auf die Seite EinBlick (http://blog.pasch-net.de/einblick/archives/111-UEber-das-Hanoi-unserer-Grossmuetter-und-die-Luftverschmutzung.html) lohnt sich auf jeden Fall! Die entstandenen Videos über das traditionelle und moderne Hanoi und Luftverschmutzung sind leider noch nicht öffentlich, da die Schüler in Kirgisistan und Island sie noch nicht sehen sollen – sobald sie öffentlich sind, werde ich sie hier verlinken.

 

Zurück zu meinem Alltag und seinen Abenteuern.

In der zweiten Nacht in der neuen Wohnung lag ich in meinem Bett und versuchte, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dieses noch etwas karge Zimmer als mein Zuhause anzusehen. Ich lauschte auf das leise Summen der Klimaanlage (die ich später ausschalten werde, um nicht zu viel Strom zu verbrauchen, ich bin ja ein sparsamer Schwabe), auf das Hupen und Rauschen der Autos und Mopeds auf der nicht weit entfernten Straße, das Klappern des Geschirrs in der Küche… Stopp! Was ist das? Geschirrklappern in der Küche, in unserer neuen, eigenen Küche? Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht meine zwei neuen Mitbewohnerinnen, Nour und Sophie waren, weil die vorher genauso müde wie ich in ihre Zimmer im zweiten Stock (also über mir) gestolpert sind. Auf meinem Stock ist nur eine weitere verschlossene Tür, hinter der sich laut unserer freundlichen Vermieterin eine andere Wohnung verbirgt, die aber einen extra Zugang hat und in der momentan niemand wohnt. Etwas irritiert über das Rumoren in der Küche steige ich also die Treppe hinunter – und treffe eine fremde vietnamesische Frau, die in meiner Küche steht und Geschirr spült und mich freundlich anlächelt, als wär das selbstverständlich. Sie versteht leider kein Englisch und kann mir also nicht verraten, was sie in meiner Küche macht. Auf den ersten Blick (und ohne Brille) sieht sie Anna, der Vermieterin, sehr ähnlich und auf die Frage, ob sie Annas Mutter sei (von der Anna angekündigt hat, dass sie am nächsten Tag helfen würde, die Dachterrasse aufzuräumen) nickt die fremde Frau. Sehr irritiert gehe ich zurück in mein zum Glück abschließbares Zimmer und schreibe der Vermieterin eine Nachricht. Der Schock darüber, womöglich eine menschliche Mitbewohnerin (einige tierische haben wir leider: Wir teilen uns die Wohnung mit Eidechsen und Fruchtfliegen) zu haben, von der niemals die Rede war, überdeckt sogar den Schock über das Wahlergebnis der Bundestagswahl (und das soll was heißen).

Am nächsten Tag folgte die Auflösung: Annas Mutter (ja, ich Detektiv habe das richtig rausgefunden) wird hier nur wohnen bis das Haus fertig aufgeräumt ist. Alles klar, Alltagsabenteuer Nr. 1 überstanden.

 

Hanoi ist eine aufregende Stadt, man findet alles Mögliche hier — kleine hübsche Altäre in fast jedem Haus (für den Grundstücksgeist), Kuchen, die von außen superlecker aussehen, aber dann überhaupt nicht gut und nach Zwiebel schmecken (Google-Übersetzer und ich fanden leider nicht raus, was in dem Kuchen ist, ich vermute nur anhand des Fotos, dass es sich um die berühmt-berüchtigte Stinkfrucht handelt) und 100 $ auf der Straße. Ja, richtig gelesen. Sophie kam einmal nach Hause und legte einen 100-Dollar-Schein auf den Tisch und sagte, sie hätte den gefunden. Nach genauerer Betrachtung stellte sich aber heraus, dass er leider nicht echt war. Später erfuhr ich, dass es Teil der buddhistischen Religion ist, Geld für die Armen bzw. die Toten zu verbrennen. Wahrscheinlich ist dieser Schein dem Schicksal in den Flammen entkommen. Alltagsabenteuer Nr. 2 – Es ist nicht alles Gold was glänzt.

Die Vorderseite des 100-Dollar-Scheins wirkte recht echt…


…dass auf der Rückseite aber etwas auf vietnamesisch steht, machte uns etwas stutzig.

Alltagsabenteuer Nr. 3: Weil ich Sonntag gearbeitet hatte, nahm ich mir unter der Woche einen Tag frei und stand nach einem angenehm wenig stressigen Morgen (ausschlafen kann man hier aber leider nicht, weil der Tagesrhythmus der Vietnamesen sich etwas von meinem unterscheidet: Schon um halb 6 ist sehr viel los und länger als 8 hab ich hier bis jetzt noch nie schlafen können) vor der Herausforderung der Futtersuche. Müsli zum Mittagessen ist keine Alternative, also dachte ich mir, ich gehe einfach mal raus und schau was es so in den umliegenden Straßen gibt. Hauptsächlich Kleider – ich passierte alle möglichen Bekleidungsläden, von Sportsachen über Brautmode bis hin zu Geschäften, in denen nur schwarz-weiße Kleidung angeboten wird. Imbisse oder so habe ich bis auf schmuddelige kleine Ecken, in denen ich lieber nicht essen mag, obwohl ich da gar nicht so pingelig bin, keine gefunden. Schließlich machte ich Halt und schaute mir die Auslage einer Straßenküche an: In verschiedenen Schüsseln war Eingelegtes, Gelee und Frittiertes oder so und weil der Inhalt einer dieser Schüsseln aussah wie eine superleckere Erdnusssauce, die ich in einer anderen Straßenküche gegessen habe, entschied ich mich dazu, zumindest mal zu fragen, was es hier gibt. Google-Übersetzer half dabei und antwortete: „Bedecken Sie sich.“ Irritiert schaute ich an mir herunter – ok, mein Rock geht nicht ganz bis zu den Knien – aber das war nicht die Antwort auf meine Frage, was es hier für Essen gibt. Die Frau schaute mich aber freundlich auffordernd an und daraus schloss ich, dass Google-Übersetzer den Namen des Gerichts falsch übersetzt hatte (also aufgepasst: Google-Übersetzer ist nicht die beste Alternative, wenn man eine fremde Sprache verstehen will) und setzte mich an einen der kleinen Tische. Serviert bekam ich Folgendes:

Mein Mittagessen aus dem Glas namens ‚Bedecken Sie sich‘.

Ich nahm allen Mut zusammen und stellte fest, dass es nicht so schleimig unappetitlich schmeckte wie es aussah. Es scheint sich um einen Cocktail aus eingelegtem Mais, Bohnen und ähnlichem zu handeln. Nicht schlecht, aber auch keine unglaubliche Geschmacksexplosion. Als dann aber eine Ratte aus der Ecke des Raumes gekrabbelt kam und mich neugierig anschaute, machte ich mich mit etwas flauem Gefühl im Magen auf den Heimweg. So sauber wie es auf den ersten Blick aussah, war die Garküche wohl doch nicht.

 

Zu guter Letzt noch ein Foto von einem superleckeren Mittagessen: Gebratener Reis mit Ananas in einer Ananas serviert – da soll einer sagen Ananas passt nicht in ein deftiges Essen!

 

Viele Grüße,

Theresa

 

Ein Gedanke zu “Alltagsabenteuer

  1. Liebe Theresa,
    schön, dass Du jetzt eine Wohnung gefunden hast, wenn auch mit etwas Abenteuer verbunden. Aber das gehört wohl zu einer Reise in ein Land mit einer fremden Kultur dazu… Dein Zimmer wirst Du sicher auch bald so eingerichtet haben, dass Du Dich darin richtig wohlfühlen wirst; alles braucht eben seine Zeit (und eine „Haushälterin“, die nachts die Wohnung in Ordnung hält, hat auch seine Vorteile… 🙂 )
    Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel Freude beim Entdecken, Einleben, Arbeiten, Freundschaften schließen! Lass es Dir gut gehen – ich freue mich schon auf Deinen nächsten interessanten und spannenden Bericht.
    1000 liebe Grüße,
    Christine

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