Where the sun never sets

Im estnischen Winter gibt es ein Credo, das einen so ziemlich überall begleitet: im Sommer ist das (durch beliebige(n) Ort/Aktivität ersetzen) bestimmt sehr schön. Oder, alternativ: das mache ich im Sommer, da lohnt es sich mehr.

Das führt natürlich dazu, dass man alles auf den Sommer verschiebt und dann mit Entsetzen feststellt: der Sommer hat ja nur drei Monate! :0

Und der Sommer in Estland ist wirklich (Achtung: kitschig aber wahr) wunderbar. Vergessen sind die Tage, in denen die Bürgersteige einer Schlittschuhbahn glichen, vergessen sind die 10 Schichten, die Winterjacken, die erfrorenen Finger, die Dunkelheit.

War das schlimm? Manchmal.

Was hilft? Vitamin-C-Tabletten, schwimmen gehen, Tee, gute Freunde.

Lohnt es sich? So, so sehr. (Nicht nur, aber auch, weil danach der Sommer kommt.)

Es ist 18 Stunden hell am Tag – man weiss manchmal nicht: ist es schon oder noch hell? Ich gehe ohne Jacke aus dem Haus, ich liege in der Sonne am Strand und friere nicht, trotz Ostseewindes. Ich sehe meine Koffer drohend auf dem Schrank liegen. Natürlich sagt es jeder am Ende seines Auslandsjahres: die Zeit rennt. Aber das macht es nicht weniger wahr.

Und natürlich finde ich, genau wie jeder andere, jetzt sei gerade nicht die Zeit zu gehen. Aber das muss so sein, denke ich.

In der Schule reiht sich Festakt an Festakt, die besten Schüler werden ausgezeichnet, es wimmelt von Blumen, Schokolade und Ferienvorfreude. Mittendrin die Deutsche, die inzwischen auch irgendwie dazugehört.

Jede Zeit ist umso kürzer, je glücklicher man ist. (Credit: @Gaius_Plinius_Secundus_Maior, 23-79 n. Chr.)

Natürlich freue ich mich auch wieder auf Deutschland. Auf Kulturveranstaltungen, wo ich problemlos alles verstehe, auf neue Herausforderungen und immer und vor allem auf die Menschen.

Estland hat mir viel beigebracht, über mich selbst, andere und die Welt. Und noch bin ich hier und sehr dankbar dafür. Für den Sommer ist viel geplant. Ich werde am Wochenende nach Tartu reisen, das Jugendsängerfest und die Mittsommernacht fallen auf Ende Juni, ich möchte nach Oslo, St. Petersburg und Stockholm. Und eigentlich auch dringend nach Minsk, Budapest, Moskau, Tiflis, Brest, Pärnu, Kaunas und noch mal nach Narva. Ein Sommer ist kurz – aber das Leben geht ja weiter.

 

 

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