Unbekannt

 

„Ich war in Riga, um eine Freundin zu besuchen, angekommen. Ihr Haus, die Stadt, die Sprache waren mir unbekannt. Kein Mensch erwartete mich, es kannte mich niemand. Ich ging zwei Stunden einsam durch die Straßen. So habe ich sie nie wiedergesehen. Aus jedem Haustor schlug eine Stichflamme, jeder Eckstein stob Funken und jede Tram kam wie die Feuerwehr dahergefahren. Sie konnte ja aus dem Tore treten, um die Ecke biegen und in der Tram sitzen. Von beiden aber mußte ich, um jeden Preis, der erste werden, der den andern sieht. Denn hätte sie die Lunte ihres Blicks an mich gelegt – ich hätte wie ein Munitionslager auffliegen müssen.“

So schreibt der jüdisch-deutsche Philosoph Walter Benjamin irgendwann nach 1924 über seine ersten Eindrücke von der Stadt an der Daugava, der Düna, in die er gekommen ist, um seine geliebte Freundin Asja Lācis, ihres Zeichens lettische Schauspielerin und Theaterregisseurin, zu besuchen.

Zwei Wochen sind nun vergangen, dass ich mich aufgemacht habe, aufgemacht in die Stadt an der Daugava, um für ein halbes Jahr an der russischsprachigen 40. Mittelschule als Kulturweit-Freiwillige den Deutschunterricht zu unterstützen. Auch mir erging es in den ersten zwei Wochen nicht anders: Mein Haus und die WG in der ich wohne, die Stadt, die Sprache(n) waren mir unbekannt. Doch man erwartete mich. In dieser mit ihren alten, massiven Backsteinen wie eine Festung im Straßenbild stehenden Schule erwartete man mich. Es ist immer schwierig, „fremd“ zu sein. Sei es in einer neuen Stadt, an einer neuen Schule oder gar in einem neuen Land. Der Vorteil, den wir Kulturfreiwilligen haben, ist, dass man uns erwartet. Und so wurde ich schon vom ersten Tage an gebraucht. Zwar gab es  bis zum 17. März in Lettland noch Frühlingsferien. Jedoch bereiteten sich einige Schüler gerade auf die Wettberwerbe „Jugend debattiert“ und „Lesefüchse international“ vor. So bekam ich meine erste Aufgabe. Mit der von den Extrastunden nicht allzu begeisterten „Jugend“ debattierte ich probeweise, ob die traditionelle Schulform durch eine Online-Schule ersetzt werden sollte, und die junge Lesefüchsin erzählte mir bei einem Mocha Latte vom brennenden Wasser durch Fracking, von Cyber-Mobbing, echten Gefühlen beim Abschied auf Bahnhöfen und von ihrem absoluten Liebling – der Zeit der großen Worte. So rasten die zwei Wochen schneller als die von Benjamin beschriebene Tram an mir vorbei, und zwischen der uns durch die Sommerzeit gestohlenen Stunde und den durch in die falsche Richtung Laufen verlorenen zehn Minuten fange ich langsam an anzukommen.