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Auf dem Boden

Zwischen Plastikstühlen und fahrbaren Verkaufsständen findet in Saigon ein Großteil des Lebens auf der Straße statt. Überall sind Menschen am Plaudern oder Essen. In den hohen bunten Gassen bleibt der Duft von gebratenen Fleisch hängen.

Und auf dem Boden liegt der Müll.

Plastikbecher, Plastiktüten, Essensreste, Bierdosen und gefüllte Müllbeutel.

Später dann im braunen Fluss treibt der Müll langsam in Richtung Pazifik.

Es stinkt, wenn man den Fluss überquert. Ein Duft, den man nicht beschreiben will.

Warum?

Fehlt es an Bewusstsein, Infrastruktur oder Verantwortung?

Vietnam gehört mit China, Indonesien, Thailand und den Philippinen laut eines Berichtes der NGO „Ocean Conservatory“ zu den Ländern, die für über 60% des Mülls in den Weltmeeren verantwortlich sind.

Diese Länder sind alle in den letzten Jahren wirtschaftlich besonders schnell gewachsen.

Wachsender Wohlstand, bedeutet auch wachsender Plastikkonsum.

Kein Marktbesuch ohne Plastiktüte.

Kein Eiskaffee ohne Plastikbecher und Strohalm, zum leichteren Transport, verpackt in einer speziellen Becherplastiktüte.

Keine Mahlzeit zum mitnehmen von der Garküche ohne Besteck, Tüte und Styropordose.

Kurz verwendet, schnell entsorgt, auf der Straße, in den Fluss oder in einen Müllbeutel.

Gefüllte Müllbeutel werden jeden Tag von der städtischen Müllabfuhr abgeholt.

Also stell deinen Müll, ungetrennt, einfach auf den wenn vorhandenen Bürgersteig, hat mir meine Vermieterin am ersten Tag hier erklärt.

Warte dann auf die Ratten, die Müllabfuhr oder die ve chai.

Die ve chai, sind private Müllsammler, die etwa 20% des städtischen Mülls, besonders Plastikflaschen, Dosen und Papier, sammeln und zu privaten Recyclinganlagen bringen.

Das ist gut, besser als den Müll einfach zu vergraben oder zu verbrennen, wie es mit den anderen 80% geschieht.

Leider sind sowohl die Mülldeponien, als auch die privaten Recyclinganlagen unzureichend im Bezug auf toxische Substanzen ausgestattet.

Die Mülldeponien haben Lecks.

Die Recyclinganlagen keine Kapazitäten toxische Substanzen fachgerecht zu entsorgen.

In ländlichen Regionen ist diese Infrastruktur nur rudimentär ausgeprägt.

Nur 40-60% des Mülls werden dort tatsächlich entsorgt. Der Rest bleibt am Wegesrand liegen oder wandert mit dem Fluss in den Ozean.

Und nun?

Es gibt eine „National Waste Strategy“, die vorsieht 85% des Mülls in den Städten zu recyclen. Es gibt außerdem lokale, wie internationale Organisationen, die Müll aufsammeln und das Bewusstsein der Bevölkerung erhöhen wollen (zum Beispiel Sach&Xanh aus Saigon).

Bis 2025 steigt der Plastikkonsum in den asiatischen Ländern laut Prognosen auf über 200 Millionen Tonnen pro Jahr.

So gibt es wohl zwei Szenarien für die Zukunft.

Eins

Überall liegt Müll und es stinkt, man trägt eine Atemmaske und bahnt sich den Weg. Die Straßen sind leerer an Menschen geworden, voller an Müll. Die Fischer haben Probleme Fisch zu fangen, da es mehr Plastik als Fisch gibt im Meer und im Fluss.

Zwei

Die Lecks in den Mülldeponien sind minimiert, Müll wird in Elektrizität umgewandelt, bessere Recyclinganlagen werden gebaut und der Entsorgungsservice in den Städten, wie auf dem Land verbessert.

Das sind nach „Ocean Conservatory“ die vier notwendigen Maßnahmen, welche in Vietnam, wie auch in den anderen asiatischen wirtschaftlich stark wachsenden Ländern umgesetzt werden müssen. Dann, könnten allein diese fünf Länder (Indonesien, China, Thailand, Philippinen und Vietnam), zu einer Minimierung von über 45% des Plastikmülls, der weltweit in die Meere gelangt, beitragen.

Innovative Technologien wären notwendig und hohe Investitionen.

Und auch das Bewusstsein und Verantwortungsgefühl jedes Einzelnen müsste sich ändern.

Schon sehe ich Plakate auf den Straßen, bunt gezeichnet, die darauf verweisen, seinen Müll in den entsprechenden Müllkörben zu entsorgen.

Die Schüler freuen sich, als wir Wiederverwendbare-Plastikflaschen bemalen.

Immer mehr NGO´s und Unternehmen beschäftigen sich hier in Vietnam mit dem Thema.

Also Hoffnung?

Diskussionen beginnen.

Hier und überall auf der Welt, wo es ähnlich aussieht.
Denn auch wenn es vielleicht nicht überall stinkt, weil das Müllentsorgungssystem funktioniert, werden täglich über 3,5 Millionen Tonnen Plastik konsumiert.

Überall.

Meine Mitfreiwilligen und mich beschäftigt dieses Thema wirklich sehr.
Einen großartigen Beitrag zu dem Thema hat Leonie geschrieben:
http://www.stay-with-me.de/informationen/blog/

Meine Quellen:

https://e.vnexpress.net/projects/trash-talk-vietnam-slowly-sinking-under-mountains-of-waste-3633166/index.html

https://umvietnamstudy.wordpress.com/2013/01/06/trash-in-vietnam-a-problem-too-big-to-sweep-under-the-rug/

https://oceanconservancy.org/blog/2017/08/04/72-hours-vietnam-observations-craft-recycling-villages/

https://www.forbes.com/sites/davisbrett/2016/04/30/vietnams-littering-epidemic/#78926cf9725d

https://www.ecowatch.com/these-5-countries-account-for-60-of-plastic-pollution-in-oceans-1882107531.html

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/abfall-prognose-die-vermuellung-der-welt-a-930919.html

 

1 Kommentar

  1. Toller Bericht!
    Da soll mal einer sagen, die Jugend wäre unpolitisch und unengagiert…
    Ich bin sowieso beeindruckt, an welch scharfsinnigen Betrachtungen ich beim Lesen vieler Kulturweit-Blog-Texte teilhaben darf!

    Danke dafür!

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