Siebzehntes Türchen – Ich glaube an…

„Ich glaube …“

das ist der Anfang einer Satzes, in dem es um vieles gehen kann.

… dass es dieses Jahr in Hanoi schneien wird.
… ich viele Weihnachtsgeschenke bekommen werde.
… dass die Klausur extrem gut gelaufen ist.
… ich beim Lotto Millionärin werde.

Glauben kann man fast alles. Ob es stimmt, ist dann etwas anderes. Wie sagt man so schön „Wer’s glaubt, wird seelig!“

Mit diesem Satzanfang kann man aber nicht nur eine Vielleicht/Wahrscheinlich/Eventuell-Aussage machen, sondern auch seinen Glauben bekennen.

„Ich glaube an…“

Aber woran glauben eigentlich die Vietnamesen? Genau darum soll es heute im siebzehnten Türchen gehen. Religion und Glauben.

Sonderlich religiös ist ein großer Teil der Bevölkerung nicht. Laut einer Umfrage zur Gretchenfrage (ja, ich habe in Deutsch bei „Faust“ von Goethe bestens aufgepasst!) bezeichnen sich nämlich nur 20% der Vietnamesen als gläubig.

Hauptsächlich von den Strömungen Chinas ist die Religion Vietnams beeinflusst. Dazu dürfen Mahayana-Buddhismus, der Taoismus (auch Daoismus genannt) und der Konfuzianismus gezählt werden. Nicht zu vergessen, wenn auch kleiner, ist die indische Prägung, die man vor allem im Süden des Lander vorfinden kann. Und das sind: der Hinduismus, der Thereavada-Buddhismus und der Islam.
Mitspielen dürfen seit dem 15. Jahrhundert aber auch westliche Geistesströmungen. So kamen der Katholizismus und einige Zeit später auch der Protestantismus mit.
Allein vietnamesisch und neu entstanden sind Anfang des 20. Jahrhunderts wegen politischer und sozialer Unruhen außerdem noch der Caodaismus sowie der Hoa Hao-Buddhismus.

Mit einigen wirst du vermutlich nicht viel anfangen können. Ich muss zugeben, das konnte ich vor dem Verfassen dieses Blogartikels auch nicht wirklich. Ich versuche dir, aber so knapp wie möglich, aber (hoffentlich) verständlich zu erklären, worum es sich bei allen handelt. Ich glaube… jetzt kann’s losgehen!

Buddhismus

Die wenigsten Vietnamesen leben allein den Buddhismus rein aus. Neben Buddha werden oft noch andere Gottheiten verehrt, Geister angebetet und Ahnen verehrt. Deshalb kann man schon fast sagen, dass der Buddhismus eine Art Volksreligion ist, die sich mit vielen verschiedenen Strömungen vermixt hat. Diese Volksreligion hat alle anderen wichtigen religiösen Strömungen aufgenommen. Aus diesem Grund lassen sich in den buddhistischen Tempeln oft auch andere Götter finden.
In Vietnam herrscht insgesamt die Schule des Mahayana-Buddhismus (Dai Thua oder Bac Tong, was so viel wie „aus dem Norden“ bedeutet) vor. Vor allem der Zen-Buddhismus (Dhyana oder Thien) ist als Strömung des Mahayana im Land dominant. Der Begriff Zen bedeutet „Zustand der meditativen Versenkung“, deshalb ist es nicht verwunderlich, dass man von „Meditationsbuddhismus“ spricht. Eine andere besondere Strömung ist Dao Trang, die Schule des Reinen Landes, welche hauptsächlich im Süden vorzufinden ist.
Nur noch im Süden Vietnams bei einer ethnischen Minderheit, den Khmer, wird der Theravada-Buddhismus aktiv praktiziert.

 

Taoismus

Etwa um Christi Geburt, während die chinesische Besatzung Vietnam belagerte, kam der Taoismus (der auch oft Daoismus genannt wird) ins Land. Entstanden ist er in China und er gründet auf Laotses („Der Alte“), welcher im 6. Jahrhundert vor Christus das dem Taoismus zugrunde liegende Buch Tao-te Ching geschrieben hat.
So wirklich einfach zu verstehen ist diese Religion beim besten Willen nicht. Es gibt nämlich eine Vielzahl an Göttern in verschiedenen Rängen. Außerdem komplexe Rituale, mit denen eine Art Dualität im Gleichgewicht gehalten werden soll. Innere Einkehr und Einfachheit sind bei dieser Philosophie die wichtigsten Prinzipien. Sie sind auf Tao, den Weg oder die Essenz, aus dem alles besteht und entstand, begründet. Am und duong, welche im Chinesischen als Ying und Yang bekannt sind, sind besonders wichtig.

Konfuzianismus

Nicht so sehr als richtige Religion, sondern eher als Philosophie kann der Konfuzianismus (Nho Giao oder Khong Giao) gesehen werden. Entscheidend war er seit jeher für das Gemeinschaftswesen Vietnams, das Leben und den Glauben des Volkes.
Im Jahr 550 vor Christus wurde Konfuzius (Khong Tu) geboren. Mit seinen Ethikregeln entwickelte er einen Katalog für die Pflichten des Einzelnen bezüglich Familie, Gesellschaft und Staat. Bis heute bilden Prinzipien wie Angepasstheit und Pflichterfüllung das Fundament der vietnamesischen Gesellschaft.

Caodaismus

Eine originär vietnamesische Religion ist der Caodismus. Er entstand 1925 im Süden Vietnams und es werden dabei religiöse Philosophien von West und Ost verbunden. Neben Jeanne d’Arc, William Shakesppeare und Victor Hugo, die im Hinblick auf Religion vielleicht etwas fehl am Platz wirken, spielen auch Buddha, Konfuzius, Jesus, Moses und Mohammed als Propheten in diese Religion. Diesen kann man übrigens versiegelte Briefe schreiben oder mit Hile einer menschlichen Mediums in Kontakt mit ihnen treten.
Die Rituale des Caodismus entstammen dem Taoismus und Buddhismus, deshalb gibt es oft Seancen und Meditation.
Heute gibt es ungefähr zwei bis drei Millionen Anhänger in Vietnam. In Tay Ninh, nordwestlich von Saigon kann man – habe ich übrigens auch schon gemacht – den wunderschönen, farbenfrohen Hauptsitz des Caodismus bewundern.

Hao Hoa-Buddhismus

Im Jahre 1939 entdeckte der Mystiker Huynh Phu So im Mekong-Delta während einer Art Trance-Schlaf, wie man den Buddhismus richtig leben soll, übersetzt bedeutet es so viel wie „Friede und Freundlichkeit“. Nicht verwunderlich ist dann auch, dass die Gläubigen durch einfache Mittel wie Meditation, Fasten und Beten die Erleuchtung erhalten. Heilige oder Mittler werden nicht benötigt. Außerdem kann man ganz entspannt Zuhause beten und muss nicht ins Kloster.
Seiner Ansicht nach sind verschiedene Prinzipien besonders wichtig: die Hochachtung der Eltern durch ihre Kinder (Grüße an Mama und Papa, ich hoffe, das klappt meistens!?), der Verzicht auf Alkohol, Opium und Glücksspiel. Dieser Prinzipien sollte sich doch wirklich jeder mal annehmen, oder?

Christentum

Nachdem Missionare im 16. Jahrhundert ausgesprochen erfolgreich das Christentum in Vietnam eingeführt haben, lebt in Vietnam nach den Phillippinen die zweitgrößte Gemeinde südostasiatischer Christen. Circa acht bis zehn Prozent aller Vietnamesen sind katholisch. Aus diesem Grund findet man heute neben den vielen Tempeln und Pagoden in Hanoi auch einige Kirchen und darf – wenn auch selten oder durch das Hupen der Autos – leise mal das Läuten von Kirchenglocken genießen.
Übrigens gibt es seit 1911 auch den Protestantisms. Die Mehrzahl der circa 200.000 Anhänger ist die Bevölkerung von Bergvölkern im zentralen Hochland.

Islam

Vor allem die Anhörigen des Cham-Volks, die im Süden des Landes leben, sind Muslime. Insgesamt zählt der Islam 93.000 Gläubige in Vietnam. Nachdem nur kleine Teile des Korans ins Vietnamesische übersetzt sind, kennen nur wenige Vietnamesen dkennt kaum einer den kompletten Koran. Deshalb und da an das Leben hier angepasst, beten viele Cham-Muslime nur freitags, wobei oft auch orthodoxeren muslimischen Regeln gefolgt wird. Beispielsweise nimmt man die muslimischen Regeln nicht so genau. Der Ramadan dauert keinen Monat, sondern nur 3 Tage und über das Alkoholverbot wird gerne hinweggesehen. Der Verzicht von Schweinefleisch wird aber aufrechterhalten.

Hinduismus

Heute spielt der Hinduismus nur noch für indische Einwohner von Saigon, sowie die rund 60.000 Gläubigen Cham eine Rolle. Die hinduistischen Cham wohnen wie die muslimischen Cham vor allem an der zentralen Südküste. Besonders interessant ist die hinduistische Religion, die es schon seit dem 1. Jahrhundert in Vietnam durch indische Handelsleute gibt, heute noch in My Son, einer alten Stätte der Cham zu sehen. Hier kann man Symbole von Shiva, Ganesh und Visnuh bewundern.

 

Im Jahr 1997 fand die letzte staatliche Umfrage statt. Demnach soll es in Vietnam etwa 7,6 Millionen Buddhisten geben. Mit 5 Millionen Katholiken und 400.000 Protestanten liegt das Christentum auf Platz zwei. Zu verzeichnen sind außerdem 1,1 Millionen Caodaisten sowie 1,3 Millionen Hao Hoa und 93.000 Moslems.

Jeder, der schon mal in Vietnam war, mag sich jetzt vielleicht wundern. An gefühlt jeder Straßenecke sieht man doch einen Buddha. Wie kann die Zahl an Buddhisten dann doch so gering sein? Die Zahl berücksichtigt nur Menschen, die sich der reinen Lehre von Siddhartha Gautama zugehörig fühlen. Eine Vielzahl an Vietnamesen praktiziert jedoch eine Mischung aus Buddhismus, Animismus, Taoismus und Ahnenkult. So gesehen nennen sich zwei Drittel aller Vietnamesen Buddhisten.

Innerhalb von vielen Jahrhunderten schmolzen Konfuzianismus, Taoismus und Buddismus zusammen mit dem uralten vietnamesischen Animismus und chinesischem Volksglauben zur heutigen Tam Giao (Dreierreligion) zusammen. Mit dieser identifizieren sich heute viele Vietnamesen.

 

Du merkst bestimmt gerade schon, dass es echt schwierig ist, sich das ganze zu merken. Noch schwieriger ist es jedoch, das auch noch richtig zu verstehen. Mit diesem Türchen wollte ich dir jedoch wenigstens einen kleinen Einblick geben. Ich hoffe mal, das ist gelungen.

Ich glaube… jetzt reicht’s für heute.

Viele Grüße deine an-Heilig-Abend-einen-katholischen-Gottesdienst-auf-Englisch-besuchende Sophie

2 responses to “Siebzehntes Türchen – Ich glaube an…

  1. Pingback: Weihnachtsstimmung? | 6 Monate in der "schwäbischen" Stadt Ha Nôi, Vietnam

  2. Linde Strass

    Liebe Sophie,
    das mit dem vierten Gebot hast Du verinnerlicht.

    Gut, dass Du auch in englisch aufgepasst hast und sicher das Vaterunser usw. verstehen wirst 🙂

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