Ungarn und Europa. Ungarn und Europa?

Sonnenschein, warme Luft, Freitagmittag: Eiszeit.
Der perfekt unperfekte Moment, um über Politik zu sprechen.

Oft bereits wurde mir als einer deutschen Freiwilligen, die für ein Jahr in Ungarn lebt, die Frage gestellt, wie die Einstellung der ungarischen Bürger zu Europa ist. Ich selber habe mich mittlerweile viel mit dieser Frage beschäftigt. Es liegt mir sehr am Herzen, diese Frage so gut und so fair, wie es mir möglich ist, zu beantworten.

Im Folgenden möchte ich auf drei Punkte eingehen:

  1. Wie ist die Einstellung der Ungarn zu Europa?
  2. Welche Maßnahmen ergreift Orbán, und wie arbeitet er?
    Wie findet das Volk ihn, seine Partei und deren politische Richtung?
  3. Was denken Ungarn über die Flüchtlingsproblematik?

Zuvor ist es mir noch wichtig, darauf hinzuweisen, dass alle hier geschilderten Erfahrungen, Meinungen o.ä. ausschließlich auf meinen eigenen Erlebnissen basieren und dieser Bericht außerdem, besonders aufgrund der Tatsache, dass ich mich zumeist in einer einzelnen Gesellschaftsschicht – dem Bildungsbürgertum – bewege, nur ein unvollständiges Bild voller Lücken und offen bleibender Fragen zeichnen kann. Ebenso wenig wie „den Deutschen“ oder „die Deutschen“ gibt es schließlich „den Ungarn“ oder „die Ungarn“ – alles, was ich im Folgenden schreibe, sind notwendigerweise Verallgemeinerungen, die weder dem einzelnen Menschen noch der komplexen Situation wirklich gerecht werden können.

Dennoch ist es meiner Meinung nach essentiell, einen Eindruck von der aktuellen Situation in Ungarn und der ungarischen Mentalität zu bekommen, um die Gedanken und Gefühle der Menschen hier nachvollziehen zu können.

Im Allgemeinen handelt es sich bei Ungarn um ausgesprochen fröhliche, gastfreundliche und hilfsbereite Menschen, die es jedoch in der Geschichte wie auch heutzutage nicht immer leicht hatten/haben. Sie sind – vermutlich aufgrund einer Vergangenheit, in der Ungarn regelmäßig als Spielball zwischen verschiedenen Mächten diente; oft ungerecht behandelt und zerrissen wurde – auf ihre Identität als Ungarn und somit ihre Nationalität stolz und sehr traditionsbewusst.

Die Familie hat in Ungarn eine zentrale Bedeutung, und die Kleinheit des Landes schützt die Menschen davor, sich aus den Augen zu verlieren. Auch Leistung ist wichtig, ist sie doch der Schlüssel zu einer besseren Zukunft. Aufgrund dessen stellen in den Schulen wie auch auf den Universitäten regelmäßige Wettbewerbe einen Grundbestandteil der Ausbildung dar. Junge Ungarn blicken oft eher desillusioniert in die Zukunft, konzentrieren sich mehr auf messbare Erfolge und Ergebnisse, nicht so sehr auf Träume. Sie entscheiden sich für Sicherheit und gegen Risiken – der klassische Zukunftstraum: ein guter Beruf und ein schönes Haus, um der kleinen Familie ein gutes Leben bieten zu können. Hierzu werden sie durch Eltern und Großeltern, auch aufgrund deren eigener Erfahrungen, ermutigt. Gerade die ältere Generation verfügt oft nur über geringe Mittel, vielfach zu gering zum Leben – die Renten sind niedrig und die Unterstützung durch den Staat nur in Maßen, wenn überhaupt, gewährleistet.

Auch der arbeitsfähige Teil der Bevölkerung hat keine Möglichkeit, etwa beim Verlust des Arbeitsplatzes Unterstützung zu bekommen: Ein Arbeitsloser ist – nach wenigen Monaten, in denen er Arbeitslosengeld erhält, jedoch oft kaum eine neue Anstellung finden kann – auf sich allein gestellt. In Ungarn herrscht teils, besonders auf dem Lande, noch immer große Armut; Häuser sind baufällig, Kinder schwänzen die Schule, und es mangelt an so Essenziellem wie ausreichenden Lebensmitteln. Das wenige Vorhandene wird aber stets großzügig und stolz geteilt. Auch Neues wird in Ungarn freundschaftlich und interessiert, allerdings eher leicht distanziert aufgenommen.

  1. Wie ist die Einstellung der Ungarn zu Europa?

Wie in jedem Land gilt auch hier: Verschiedene Leute, unterschiedliche Meinungen. Allgemein aber sieht vor allem die jüngere Generation Europa zumeist positiv und als eine wunderbare Chance, eine Gemeinschaft voller Möglichkeiten, deren Erhalt wichtig ist. Dass Ungarn an einem Austritt aus der EU interessiert ist, ist nicht mein Eindruck – der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit der einzelnen Länder im Rahmen der EU ist zwar spürbar und wird auch von der Regierung propagiert. Die Vorteile der EU liegen aber auf der Hand; gerade für die schwächeren Mitgliedsländer, und dies ist auch den meisten Ungarn deutlich bewusst. Woher rührt also diese Angst vor gemeinsamen Entscheidungen, vor Autonomieverlust? Die Antwort liegt vermutlich in der Geschichte des Landes; wachgerufen wurden das Misstrauen gegenüber Europa und die Abwendung von gemeinsam beschlossenen Maßnahmen durch die Flüchtlingsproblematik (siehe Punkt drei).

  1. Welche Maßnahmen ergreift Orbán und wie arbeitet er?
    Wie findet das Volk ihn, seine Partei und ihre politische Richtung?

Orbán Viktor ist der Parteivorstand der konservativen, jedoch nicht rechtsextremen Partei Fidesz und seit 2010 erneut Ministerpräsident Ungarns. Zuerst ist es mir wichtig, zu betonen, dass die deutsche Berichterstattung zumeist spürbar voreingenommen über die ungarische Politik berichtet, wie auch im Gegenzug die ungarische Berichterstattung über die europäische und besonders die deutsche Politik. Eine deutliche Beeinflussung der Bürger beider Länder durch die jeweiligen Medien ist in Bezug auf diese Thematik in beiden Ländern gegeben, was es schwer macht, objektive Informationen zu erhalten. Bei den ungarischen Bürgern hat dies zwei deutlich wahrnehmbare Konsequenzen: Einerseits ist da ein Gefühl der ungerechten Behandlung, der Stigmatisierung und des Nicht-Verstanden-Werdens durch die (west-)europäischen Nachbarn im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen, was den perfekten Nährboden für eine Abneigung gegenüber der EU und das Driften in eine rechtsextreme Richtung bietet. Andererseits führt die einseitige Berichterstattung in Kombination mit der rechten Propaganda der Regierung unter einem großen Teil der Bevölkerung zu einer sich festsetzenden, von Vorurteilen und Falschinformationen geprägten Meinung. So wird vielfach etwa angenommen, dass sich in Deutschland die Missstände mehren und – salopp formuliert – das Land aufgrund der vielen dort aufgenommenen Flüchtlinge langsam im Chaos versinkt.

Wieso aber propagieren Orbán und seine Partei einen rechten Standpunkt, handelt es sich doch bei Fidesz nicht um eine rechtsextreme Partei? Orbán greift hiermit gekonnt eine sich im Land abzeichnende Stimmung auf, kommt der rechtsextremen Jobbik-Partei entgegen, hält sie somit als politischen Gegner klein und sichert sich Macht. Orbán provoziert gekonnt und kennt seine Grenzen. Im Land wird er deshalb nicht unbedingt negativ aufgenommen, jedoch auch nicht glorifiziert. Im Allgemeinen spielen sich meinem Eindruck nach die Machtspiele der Parteien eher im Hintergrund ab, das Interesse für Politik ist oft eher klein und es fehlt an ausreichender Wissensvermittlung, an Informationen. Umso sichtbarer sind im Gegenzug die Propagandamaßnahmen der Fidesz- oder der Jobbik-Partei. Zurzeit etwa sind überall Plakate mit dem Aufdruck „Stoppt Brüssel“ zu sehen. Diese beziehen sich erneut auf die Flüchtlingsproblematik. Orbán tritt durchaus für einen Verbleib in der EU ein, aber auch für mehr Autonomie der einzelnen Länder innerhalb selbiger. Besonders wirtschaftlich sieht auch er aber die Mitgliedschaft in der EU als äußerst wichtig an. Seit einigen Wochen hat sich Orbán allerdings insbesondere unter jungen Akademikern äußerst unbeliebt gemacht – mit dem Versuch, über die Einführung eines neuen Gesetzes (das Verbot ausländischer Universitäten ohne Sitz in ihrem Heimatland) die in Budapest ansässige amerikanische CEU (Central European University) zu verbieten, also zwangszuschließen. Dies wurde als ein Angriff auf die Bildungsfreiheit aufgefasst, und in wiederholten Demonstrationen gingen tausende junge Ungarn auf die Straße, um ihren Unmut und ihre Entrüstung zu zeigen.

  1. Was denken Ungarn über die Flüchtlingsproblematik?Wenden wir uns nun der Frage zu, auf die auch die vorigen Punkte letztendlich hinausliefen. In Ungarn ist tatsächlich eine große Abneigung gegenüber Flüchtlingen spürbar. Diese baut sich auf begründeten genauso wie auf unbegründeten Ängsten auf. Es ist Tatsache, dass in Ungarn verglichen etwa mit Deutschland teils noch immer große Armut herrscht, besonders Sinti und Roma sind oft schlecht ausgebildet und haben somit keine Zukunftschancen; viele sind arbeitslos und leben in schlechten Zuständen. Dies liegt auch darin begründet, dass bereits die Kinder meist schlecht ausgebildet und unzureichend gefördert werden – ein Thema für sich, aber ein wichtiges Beispiel dafür, dass das Land viele innenpolitische Probleme und Baustellen hat, die behoben werden müssen. Viele Ungarn fühlen sich daher mit der zusätzlichen Aufnahme von Flüchtlingen im Land überfordert; sie befürchten eine sich ausbreitende Unzufriedenheit unter den Aufgenommenen, die nach einer Weile feststellen würden, dass sie keine Zukunft in Ungarn haben.

Auch besteht vielfach die Angst vor einer Überfremdung, einem Verlust der ungarischen Mentalität, des ungarischen Lebensgefühls. Auch hier ist der Grund für diese Angst in der Geschichte des Landes zu suchen, einer Geschichte, die durch Fremdherrschaften geprägt ist, seien es nun die Türken, die Österreicher oder die Sowjetunion. Dabei handelt es sich bei Ungarn tatsächlich um ein zutiefst multikulturelles Land – kaum ein Ungar ohne Vorfahren oder Freunde aus einem anderen Land wie etwa Österreich, Kroatien oder der Slowakei. Allerdings sind alle diese Länder mental wie auch geographisch Ungarn „näher“. Im Allgemeinen sind Ungarn wie bereits erwähnt ausgesprochen gastfreundlich, zumindest so lange keine Angst vor Einmischung, dauerhaftem Bleiben oder auch allzu großer Fremdheit besteht. Vielleicht lässt sich Ungarn mit einer kleinen Familie vergleichen, die Gäste zwar freundlich aufnimmt, jedoch auch froh ist, sobald sie schließlich wieder fort sind und die Familie in ihren gewohnten Rhythmus und ihre vielfältigen kleinen Traditionen zurückkehren kann.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass insbesondere Deutschland und Ungarn in Bezug auf die Fragen nach einer europäischen Politik und Identität, einer nationalen Selbstbestimmung, einer Aufnahme von Flüchtlingen oder einem Einreiseverbot usw. tatsächlich recht kontroverse Einstellungen und Gefühle vertreten. Wichtig ist, zu versuchen, sich von einseitiger Berichterstattung abzuheben, zu versuchen, Verständnis für die jeweils andere Meinung aufzubringen und den offenen Dialog zu suchen. Anstatt uns über dieser Frage zu entzweien, sollten wir versuchen, gemeinsame Lösungen zu finden, den Argumenten des Gegenübers zuzuhören und uns dann auf der Basis unserer eigenen Recherchen, nicht aber auf der Basis medialer Beeinflussung, unsere eigene Meinung zu bilden.

In diesem Sinne wünsche ich dir und allen Menschen auf dieser Welt ein schönes Wochenende, geprägt von entspanntem Miteinander, spontanem Lachen und lieben Worten.

Grüße aus dem warmen Juniungarn

Silja

Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet

Mittlerweile gehört über die Hälfte meines Freiwilligendienstes der Vergangenheit an.

Auch wenn ich hier auf meinem Blog im letzten Artikel noch über die Weihnachtszeit berichtet habe, so sind doch auch bereits der Januar, Februar und bald der März Geschichte; ich blicke zurück auf kalte Tage, von draußen lacht die Sonne herein; es ist warm geworden. Hinter mir liegen Bandweihe und Abschlussball, auch Schwabenbälle und der Ball des französischen Klassenzuges, Gedenkfeiern, ein weiterer Nationalfeiertag – der 15. März -, ich war Juror bei Wettbewerben wie JdI (Jugend debattiert International) und dem Rezitationswettbewerb der Grundschulen, war in Szeged, Oroshaza und Budapest sowie mit einem Teil des Kollegiums auf Lehrerfahrt in Graz und vielen weiteren Orten – es ging von Ungarn nach Österreich und anschließend über Slowenien zurück nach Ungarn. Ich sah den berühmten Mohácser Karneval, trat einer englischen Improvisationstheatergruppe bei, ging weiter zum Ungarischsprachkurs und machte tatsächlich auch endlich einmal Fortschritte…  Einiges davon erlebte ich sogar gemeinsam mit Joshua, meinem Freund, denn ich hatte drei schöne Wochen lang Besuch von ihm.

Es ist nicht mehr lange hin, bis ich wieder Besuch bekomme, von Luzie, einer sehr guten Freundin aus Deutschland; dann kommen meine Eltern und später auch mein Bruder und wir fahren über Ostern an den Plattensee.

Vorher werde ich noch mit den anderen drei Freiwilligen aus Pécs nach Budapest fahren, um den Geburtstag von Milena, der Freiwilligen aus Iklad, zu feiern. Außerdem wollen wir nach der Landesrunde von JdI nach Bratislava und nächste Woche im Pécser Theater Macbeth sehen; gestern waren wir im Kino, es wurde „Wüstenblume“ auf Englisch mit ungarischen Untertiteln gezeigt, letzten Sonntag hängte ich in meinem Zimmer endlich die Fotos auf, die schon seit Januar hängen sollten, und die Wäsche vom Wochenende ist noch immer ungefaltet, da ich noch keine Zeit dazu fand – heute treffe ich einen Bekannten und habe Sprachkurs, morgen ist noch eine Nachholstunde…

Es ist also weiterhin viel los, ständig geschehen neue Dinge; da sollte man meinen, dass kaum Zeit zum Nachdenken bliebe, doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.

Mittlerweile gehört über die Hälfte meines Freiwilligendienstes der Vergangenheit an.

Dies und auch die vielen aufgeregten ersten Blogeinträge der neu ausreisenden Freiwilligen sowie die Aussagen der Mitfreiwilligen, die wie ich bereits ein halbes Jahr hier sind und wie aus einem Munde erklären, mittlerweile sein sie wirklich angekommen – dies alles lässt mich nachdenklich werden; ich bin nicht wirklich angekommen und werde es wohl auch nicht, auch dies ist keine perfekt glückliche Zeit, auch dieses Jahr erzählt nicht die Geschichte eines Conni-Buches.

Während ich weitestgehend allein durch Ungarn spaziere, wechselnde Begleiter an der Seite, folgen mir auch meine Gedanken auf Schritt und Tritt; angespannt und konzentriert beobachte ich, lese dort, wo ich die Worte nicht verstehe, Gesichter; Gefühle stehen immer zwischen den Zeilen.

Wohin werden uns unsere Leben noch führen? Der eine stürzt sich in immer neue Erlebnisse, vielleicht auch in die Arbeit, der andere spielt sich selbst am besten vor, dass ihm nichts fehle.

Moment um Moment treibt an mir vorbei, kaum geschehen bereits vergangen, so schnell wie ein Wimpernschlag.

Worte fallen aufs Papier, leise spielt Chopin in meinen Ohren; Zeit zieht vorbei: Landschaften, Städte, Häuser, Gesichter – der Geruch nach frischgebackenem Kuchen, nebenan spielt jemand Klavier.

In diesem Zug mit unbekanntem Ziel. Zwischen Traum und Realität, Vergangenheit und Zukunft. Szenen noch so präsent wie ein altes verblasstes Foto, eine Ecke geknickt; in meinem Kopf ein Kinderlachen. Irgendwo scheppert Geschirr. Ich liebe dich; Worte so alt wie die Welt selbst. Unendlich oft gesagt und doch noch immer kraftvoll. „Den Fahrschein bitte.“ Ich erinnere mich nicht, einen gekauft zu haben, doch ich besitze einen, geschrieben auf meiner Haut.

Es geht immer weiter, immer weiter, niemals zurück.

Blende

Die Sonne lacht mir ins Gesicht, warm auf meiner Haut, die Sonne; vor mir eine Straße in Gold getaucht, einen Fuß setze ich vor den anderen, automatisch lenken mich meine Schritte, das Unterbewusstsein übernimmt die Führung. Bilder großer Abenteuer, fantastische Geschichten, Gefühle – rau in meinem Herzen – weben den Stoff, aus dem meine Träume gemacht sind.

Blende

Ich stehe an der Bushaltestelle, den Blick nach innen gerichtet. Es ist Nacht, meine Haare wippen, als ich mich anschicke, zu gehen; der Busfahrer, das große Gefährt – beinahe lebendig, erfüllt von fremden Leben – zurück auf die Straße lenkend, hebt die Hand, winkt und lächelt mir zu. Auch meine Hand hebt sich zum Gruß, ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus; wie leicht ist es doch, ein Lächeln zu schenken.

Blende

Morgens, das Bett so weich, weigert sich jede Faser meines Körpers aufzustehen. Ist es wirklich die Wärme, die uns jeden Morgen unter der Decke hält? Ist es nicht diese Chance, alles zu sein? Einige Augenblicke länger einfach die Arme auszubreiten, um zu fliegen, schwerelos?

Mittlerweile gehört über die Hälfte meines Freiwilligendienstes der Vergangenheit an.

Das Leben ist nie leicht – und doch war es noch nie leichter, hier zählt nur der Moment, was hat denn schon Konsequenzen? Ein Abenteuer, die große Chance, so heißt es oft. Doch was ist dein Leben, wenn das größte daran ist, es für ein Jahr hinter dir zu lassen? Sollte uns nicht unser ganzes Leben Abenteuer und Chance sein?

Ein besonders kräftiger Nordwestwind verschlug mich aus dem Herzen Schleswig-Holsteins in diese Stadt, die Stadt Pécs, hier in Ungarn. Und im verzweifelten Versuch, aus diesem Ort hier ein Zuhause zu machen, merke ich: Es funktioniert. Mit jedem neuen Tag hier lasse ich ein Stück meiner selbst in den Straßen von Pécs. Doch wird es mir nicht fehlen – in der Zukunft?

Wahr ist auch: Meine Zweifel und Fragen, Unsicherheiten und Ängste begleiten mich, wohin ich auch gehe. Ich kann sie weder in Ungarn lassen noch im Haus meiner Kindheit oder in den Armen meines Freundes – jeder muss sich selbst die Hand reichen und sich aus der eigenhändig gegrabenen Grube helfen. Immer und immer wieder.

Ein Auslandsjahr, das ist eine wirklich gute Zeit voller wunderbarer Momente und faszinierender Bekanntschaften. All die Menschen und Erlebnisse, von denen wir auf unseren Blogs berichten, erweitern unseren Horizont und fügen dem nie zu beendenden Puzzle neue Teile hinzu.

Aber ein Auslandsjahr, das ist auch: auf dem Bett sitzen und die Wand anstarren, sich fehl am Platz fühlen. Auch: Augenblicke und Begegnungen festhalten wollen. Auch: sich wünschen, Skype wäre ein magisches Portal.

Im Grunde also fast wie zuhause. Denn wir bleiben die Gleichen, wohin es uns auch verschlägt, wohin wir auch fliehen. „Umarme den Moment, nutze deine Chance, genieß diese Zeit, nie wieder wirst du so viel erleben!“ Diese und ähnliche Aussagen höre ich immer wieder; doch ich möchte nicht nur diesen, sondern alle Momente umarmen, mein Leben als Chance nutzen und jede Zeit genießen; ich hoffe, noch viel mehr zu erleben.

Notizzettel

Du trägst nicht nur deine Zweifel und Fragen, Unsicherheiten und Ängste in dir, sondern ebenso jedes Lächeln und all die Wärme, deine eigene Stärke, Hoffnung, Mut und einen bunten Rucksack voller Ideen, Träume und Liebe.

Das Karussell

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber –

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel. . .

Rainer Maria Rilke, Juni 1906, Paris

13 Mal mein Ungarn

Nachdem der vorige Beitrag sich um die Frage „Was vermisst du?“ drehte, ist es mir wichtig, an dieser Stelle einmal ganz bewusst zu betonen, dass ich hier in Ungarn glücklich bin.

Selbstverständlich – niemand ist immer glücklich, auch ich nicht; weder in Ungarn noch in Deutschland, weder auf Mallorca noch im Schlaraffenland oder meinen Träumen. Ich bin frustriert und müde, genervt oder gestresst, enttäuscht von mir selber; fühle mich allein oder unsicher. Ich bin wütend aufgrund von manch einem Zustand, traurig, wenn ich Hass oder Leid sehe. Fühle mich vielleicht hilflos.

Doch meistens geht es mir gut. Ich lache, liebe, lebe, schwebe. Ich tanze zu meinem ganz persönlichen Soundtrack durch die Stunden – schnell, dann wieder langsam.

Mir ist bewusst, dass ich viele Vorteile habe: ein leichter Start ins Leben; in der deutschen Bildungsschicht aufgewachsen, ohne materielle Probleme, eine gute Ausbildung, nun mit kulturweit ein FSJ im Ausland. Und dafür bin ich dankbar. Allerdings würde auch all dies mich nicht glücklich machen ohne Liebe.

„Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann ist glücklich“
Hermann Hesse

Und lieben können wir alle:
selbstverständlich Menschen, aber auch Dinge oder Orte; Gerüche, Geräusche, Gefühle, Gedanken und so vieles mehr. Schönheit finden wir überall.

An dieser Stelle eine kleine und mehr oder weniger willkürliche Auswahl der Dinge, die ich durch meinen Freiwilligendienst kennen und lieben lernen durfte:

  1. Die vielen wunderbaren Menschen, die mir begegnen: kulturweit-Freiwillige, die zu Freunden werden; meine süße Mitbewohnerin; charmante Lehrer bzw., zumindest im Deutschzweig, eher Lehrerinnen; Schüler und Schülerinnen, so verschieden wie die Farben des Regenbogens; Zufallsbekanntschaften in Pécs – über Lenau-Haus, Schwabenball oder die Uni – oder bei einer Unterhaltung im Zug oder Hostel, in Budapest auf einer Studentenparty…
  1. Die Wertschätzung von Traditionen in Ungarn – ich mag Altbekanntes, Gewohnheiten und eben auch Traditionen und empfinde Dinge wie den feierlichen Einzug der Abiturienten bei der Bandweihe als schön und wertvoll
  1. Die Tatsache, dass ich, die ich sonst gerne unpünktlich bin, noch nie meinen Bus verpasst habe, da dieser zumindest morgens genau wie ich stets treu um ein, zwei Minuten zu spät dran ist
  2. Dass mich dieses Land und seine Menschen immer wieder überraschen können – wie jener Zahnarzt, bei dem ich jeder Diskussion über die Flüchtlingsthematik lieber aus dem Weg ging, da seine Haltung dazu schon aus seiner Frage nach meiner Meinung zu dem Thema recht deutlich hervorging – und er sollte schließlich noch meinen Zahn behandeln; der mir dann aber auf die Frage, was der Zahnarztbesuch denn koste, antwortete, für mich sei er kostenlos – ich solle doch sehen, wie großzügig die Ungarn seien…
  3. Die ungarische Sprache, deren Sätze wie Zaubersprüche klingen
  4. Dass (fast) alle Post im Briefkasten für mich ist – und Briefe habe ich schon immer geliebt
  5. Den ungarischen Gentleman: ungeachtet der Tatsache, dass Frauen auch in Ungarn gleichberechtigt sind, gibt es ihn hier noch, den Gentleman alter Schule – Männer, auch schon Schüler aus der zwölften Klasse, halten die Tür auf oder bedanken sich für einen Tanz. Und auch die Grußformel „csókolom“, die frei mit „Küss die Hand“ übersetzt werden kann und nur von kleinen Kindern und von Männern Frauen gegenüber benutzt wird, würde in Deutschland wohl eher altmodisch anmuten
  1. Die unkomplizierte Freude, die hier beim Tanzen herrscht, gepaart mit der Überzeugung, dass wirklich jeder tanzen kann – mein Selbstvertrauen auf der Tanzfläche ist ungemein gewachsen; letzten Samstag führte ich zusammen mit einigen Lehrern vor der ganzen Schule eine Polka auf, und das auch noch im für mich als Norddeutsche ungewohnten Dirndl
  1. Dass die meisten Ungarn genauso gerne und viel essen wie ich
  1. Die entspannte Einstellung der Ungarn zu vielen alltäglichen Kleinigkeiten – langsam erst gewöhne ich mir ab, in jeder Kirche, jedem Museum als erstes nach dem „Fotos verboten“-Schild Ausschau zu halten und auch mein Fahrrad lehne ich mittlerweile ganz selbstverständlich überall an
  1. Das Lachen zusammen mit Schülern, wenn wir etwa ein Spiel spielen, bei dem die erste Assoziation genannt werden muss, und auf „Jesus“ der Name eines Schülers folgt; Schüler, die sich freuen, wenn ich in die Klasse komme, für jedes kleine ungarische Wort applaudieren, mir Anekdoten aus ihrem Leben erzählen, auf Facebook ein Foto mit mir posten möchten, mir eine Nachricht schicken, in der sie mich fragen, wie es mir geht, mich anlächeln oder mich fragen, ob sie mich umarmen dürfen
  1. Die Ampeln, die die Sekunden, die sie noch grün oder rot sein werden, anzeigen – das hat mir schon oft das Hetzen zu der vielleicht nur noch wenige Augenblicke grünen Ampel erspart
  2. Die große Anzahl wunderschöner Orte, die ich bereits entdeckt habe und noch entdecken werde: allen voran mein schönes Pécs, Ungarns Herz – Budapest, das Mecsek-Gebirge und viele mehr… Ungarn!

13 Blicke auf mein Ungarn. 13 einmal als Glückszahl. 13 der vielen kleinen und großen Dinge, die mich hier glücklich machen. Ich wünsche uns allen offene Augen und Herzen für all das, was unser Leben jeden Tag aufs Neue lebenswert macht.

Eure Silja

Jung, allein, im Ausland – was vermisst du? (English version below)

Ein guter Freund, der gerade ein Auslandsjahr in Vietnam macht, bat mich, ihm, für den ersten Artikel seines neuen Blogs, einige Zeilen über die Frage zu schreiben, was ein Freiwilliger während seines Auslandsjahres vermisst.

Runes Blog findet ihr unter: http://www.aswildaswise.com/

Auch mit euch möchte ich folgenden Text gerne teilen:

Jung, allein, im Ausland – was vermisst du?

Das gewohnte Essen, den großen Kleiderschrank, die Kinderfotos im Flur des Elternhauses
– am schmerzlichsten vermisst du jedoch selbstverständlich die Familie, den Freund oder die Freundin und alle anderen liebgewonnenen Menschen. Aber nicht nur sie fehlen, auch über Jahre gewonnene Routinen: Straßen in- und auswendig gekannt. Das Café dort an der Ecke, in das man schon mit fünf Jahren an Mamas Hand ging. Der Geruch des Waschmittels von Zuhause, das Geräusch des Windspiels über der Tür, das Bellen des Hundes im Garten. Das Klima, vielleicht den Wind oder Sonnenschein. Small Talk an einer Ampel, entspannt und ohne Sprachbarriere; ein alter Freund, auf dem Marktplatz wiedergetroffen. Die Möglichkeit, dich nicht zu verstellen, ganz du selbst und auch einmal ohne Grund schlecht gelaunt zu sein; jemand, der sieht, dass es dir nicht gut geht, auch ohne dass du darauf hinweist – eine Umarmung.

Doch auch wenn es manchmal so scheint, als wäre all dies unerreichbar, Lichtjahre entfernt, so ist es doch nur eine Erinnerung weit. Und während wir uns erinnern, schreiben wir neue Notizen in das Tagebuch unseres Lebens, ziehen weiter und bleiben doch stehen, jederzeit bereit, zurückzukehren – und wenn auch nur auf einen Kaffee und ein Stück hausgemachten Apfelkuchen in das Café dort an der Ecke.

Young, alone, abroad – what do you miss?

The food you’re used to, the big wardrobe, the kids photos in the corridor of your parents’ home – but the hardest you certainly miss your family, your boyfriend or girlfriend and all the other people you hold dear. Not only they are missing, but also the last years’ routines; the streets you know by heart. The café at the corner where you already went by your mother’s hand when you were only five; the smell of the washing powder they use at home; the sound of the wind chime above the door; the dog barking in the garden. The weather – wind or sunshine maybe. Small talk at the traffic lights, relaxed and without any language barrier; an old friend met on the town square. The possibility of no disguise, of being fully yourself, of being bad-tempered without any reason; somebody realizing you’re not well even without being told – a hug.

But even if it sometimes seems completely out of reach, lightyears away – it’s only a short memory to go. And whilst remembering we write new notes into our life’s diary, go on and stand still, always ready to return, if only for a coffee and a piece of home baked apple pie, into that café at the corner.