Nachtfahrt

Man nehme eine tiefschwarze Nacht und einen Reisenden im Zug voller Ruhe.
Von Kraków über Myslowice nach Bohumin, über Ostrava nach Pardubitz zum gesetzten Ziel: Praha.
Es bleiben noch vierundvierzig Tage, sagte ich mir vor vier Tagen, als ich im Nachtzug saß und hinausblickte.
Die immer gleiche Kulisse zog an mir vorbei. Nächtliche Städte folgten auf spärlich beleuchtete Dörfer. Wälder, endlose, von Schienen durchzogene, Wälder, Felder, Dörfer und wieder Städte.
Immer wenn wir langsamer wurden, der Auftritt alter Bahnwärter die aus verschlafenen Baracken blickten, die Mütze auf dem Kopf, um erkannt zu werden, dabei sich den Schlaf aus den Augen reibend und die Pfeife trillernd.
Das schrillen der Pfeife nahm ich als Anlass mein Ziel zu überprüfen:

Bin ich doch vor vier Monaten aus dem Kieler Umland losgefahren und seitdem auf meiner Reise.
Im gehen rief eine Kollegin noch hinterher: „Sprieß schön!“
Doch – wie verläuft meine Reise nun? Mit Komplikationen oder ganz ohne Umstieg?
Hat ein Wind die Gleise verweht und den Weg gedreht zum neuen Ziel?
Ich kann es kaum sagen, denn die Landschaft da draußen ist noch immer sehr dunkel. Bei vierzig Tagen vermute ich jedoch, dass wir bald im Morgengrauen weiterreisen.
Schatten wachsen aus der Ferne und ich erahne Umrisse. Doch bisher fühle ich mich sehr gut. Prag ist ein wundervoller Ort, ich darf mit vielen tollen Menschen Zeit verbringen und zusammenarbeiten und spüre, dass einer der müden Bahnschaffner plötzlich die Gleise umgestellt hat. Es wachsen neue Ziele und Ideen, auf der Anzeigetafel steht, dass der Zug vielleicht Verspätung hat, doch das dies niemanden stört.

Vierzig Tage noch, denke ich heute Abend, und komme langsam dem Ziel näher. Ich denke an die Heimat, an viele wundervolle Menschen und meine Freude alle wiederzusehen.
Vierzig Tage, da denke ich auch an die vielen tollen Menschen in Prag und Umgebung. Ich bin sehr dankbar für das tägliche Lernen im Institut und der Stadt. Prag hat sich mit einem großen Punkt auf meiner Herzenslandkarte markiert.
Doch – eine Landkarte bedeutet auch, dass es andere Orte und Städte gibt, die entdeckt werden wollen. Und so blicke ich auf meine Fahrkarte und sehe: Mein Ziel ist bloß ein kurzer Halt, danach wird umgestiegen.

Na sheldanou,
Andre

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.