Der Alltag – Die Verwandlung

Ich wurde gebeten über den Alltag zu schreiben – Bitte: Auch das kann ich.
Was erlebe ich also, in meinem Prager Alltag? Doppelpunkt. Die Erzählung beginnt.

Als ich eines Morgens aus ruhigen Träumen erwachte, fand ich mich in einem fremden Bett, in einer fremden Stadt wieder. Kiel wurde ausgetauscht – mit Prag?
Ein kurzer Traum – war dort nicht ein See? Ein altes Jugendlager? Und vor allem: So viele lärmende Gedanken?
Waren da nicht „Trainer*Innen“ und „Homezones“. Und „Workshops“ und „Seminare“? Der Traum scheint erst vor kurzem geträumt, doch sein Geräusch ist längst verklungen. Nur die Kartoffeln schmecken noch nach.

„Was ist mit mir geschehen?“, frage ich mich. Es war kein Traum. Mein Zimmer, ein fremdes, ein großes Zimmer, welches ruhig zwischen mir vier unbekannten Wänden liegt.
Ein Tisch, mit meinen bekannten Büchern und nutzlos vielen Kleinigkeiten.
Wie immer, die Kamera. Wie sonst nie, ein Kalender und wie ungewöhnlich, ein Stadtplan. Es scheint zu stimmen: Ich bin in Prag.

Über meinem Tisch hängen die Bilder, welche meine Vermieterin wohl nie aus einer Zeitschrift geschnitten hat. Die Bilder sind – nicht in einem goldenen – sondern in einem blauen Rahmen untergebracht. Doch zeigen sie auch – blasse Erinnerungen – Damen, mit Blumen geschmückten Haar auf weiten Wiesen und lichten Wäldern. Es flüstert: Alfons Mucha in meinem Kopf.

Ich richte meinen Blick zum Fenster, und der Herbst strahlt golden auf die schmale Straße – keine Regentropfen sondern das fallende Laub, welches auf das Fensterblech aufschlägt. Wenn Laub denn aufschlagen kann. Viel zu leicht, viel zu behände fliegt es durch die Luft.

»Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße«, denke ich, aber das ist gänzlich undurchführbar, denn ich bin gewohnt, an der Förde, mit dem Geschrei der Möwen aufzuwachen und hier – fern vom Meer, im Binnenland Tschechien, scheinen die Möwen nicht ganz so laut zu schreien.
Deshalb richte ich meine Gedanken dem Aufstehen gewandt. Prag, ich spüre den Klang der Stadt auf meiner Zunge. Sie schmeckt süßlich, doch auch bitter. Was ein Widerspruch. Und – nach Bier. Überall schmeckt Prag nach Bier. Selbst im Café. Selbst das einzige Geschäft auf dem Petřín schenkt: Bier.
Die lärmende Tram reißt mich aus meinen Gedanken.
»Dies frühzeitige Aufstehen«, denke ich – dann wieder, »macht mich ganz blödsinnig. Der Mensch muß seinen Schlaf haben. Vorläufig allerdings muß ich aufstehen, denn das Goethe Institut öffnet um 08 Uhr.«
Ich blicke zum Handy, welches auf dem Beitisch liegt. »Ježišmarja!« denke ich – ganz stolz, da ich bereits in der Landessprache fluche. Doch all dies bringt nichts. Es ist gegen halb acht, und die Zeiger der digitalen Uhr gehen ruhig vorwärts.
Sollte der Wecker nicht geläutet haben? Bin ich vielleicht zu lange durch das nächtliche Prag flaniert?
Gestern erst bewunderte ich den Stadtteil Vysehrad – meine neue Liebe. So entspannt und unaufdringlich schön.

Doch zurück zu meinen Gedanken – warum nun habe ich verschlafen? Vielleicht liegt es auch an Kafkas Schatten? Er verfolgt mich durch die Stadt. Sowohl der wahre Kafka, mit seinen Spuren und Geschichten, als auch sein Abbild, welches lärmende Touristen und schweigende Bewunderer durch Josefov führt. Ach, so authentisch, da er auf Englisch und mit alten Klamotten „sein Viertel“ erklärt.
Doch – warum lästere ich über Authentizität? Schließlich ist das Leben eine (die) Verwandlung.

4 Gedanken zu „Der Alltag – Die Verwandlung

  1. Danielle Schmidt

    Ahoj Andre,
    du schreibst tolle Texte, ich lese deine Blogeinträge sehr gerne! 🙂
    Ich wünsche dir noch eine schöne Zeit in Prag.
    Wir sehen uns dann auf dem Zwischenseminar in der Slowakei,
    Liebe Grüße und bis bald,
    Dani

    Antworten
    1. Andre Rodewald Beitragsautor

      Ahoj Dani,

      und herzlichen Dank. Wobei ich nicht verschweigen möchte, dass der gute Kafka seine Finger oder eher seine Worte in diesem Spiel (oder eher Text) ganz arg verstrickt hat.
      Ich wünsche dir weiterhin eine schöne Zeit in Michalovce (auch ich lese deinen Blog fleißig und sehr gerne) und freue mich auf das baldige Wiedersehen!

      Grüße,
      Andre

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