Ein Erdbeben und seine Geschichte

Die Erde bebt. Aber sie bebt regelmäßig. Es hallt durch die ganze Schule. In den Gängen, in den Räumen, auf der Toilette. Dieses regelmäßige Stampfen oder Klopfen, was zum Teufel ist das? Aber ich bin die einzige, die sich darüber wundert. Alle anderen scheinen es gar nicht zu hören. Die Schüler arbeiten, die Lehrer reden. Nur ich sitze auf meinem Platz, gefangen in der Ungewissheit. Wer weiß, vielleicht geht die Welt gleich unter, und ich bin die einzige, die alles hätte retten können.

Die nächsten Tage vergehen, wie Tage in Sibirien eben vergehen. Es ist kalt, ich bin müde und muss Schülern, die gefangen in der Pubertät denken, es wäre cool nicht zu lernen, die deutsche Sprache nahebringen. Aber da ist es wieder, dieses stampfen oder klopfen, weiß der Teufel was, auf jeden Fall bebt die Erde wieder. Ich beschließe, meinen täglichen Spaziergang zur Mensa heute etwas vorzuverlegen und vielleicht spontan ein paar Umwege zu gehen. Ich kann ja nicht ewig in dieser Ungewissheit weilen.

Es stellt sich heraus, dass ich mir den Gedanken über Umwege hätte sparen können, denn die Ursache dieser seltsamen Geräusche liegt direkt vor dem Klassenzimmer. Mir sind hier schon viele ungewohnte Sachen passiert, ungewohnt zumindest für eine deutsche Volontärin. Angefangen bei den täglichen, nahezu sommerlichen Temperaturen. Aber das, was sich vor dem Klassenzimmer ereignet, und die Ursache der Geräusche zu sein scheint, lässt mich dann doch mal wieder staunen. Auch wenn ich dachte, mich hier schon aus-gestaunt zu haben.

Draußen stehen die Kinder, aufgereiht in einer Reihe, angespannt, still und mit Blick nach vorne. Vor ihnen steht ein Mitschüler und scheint Befehle zu erteilen, laut und ernst. Wie echte Soldaten. Nur, dass es eben Kinder sind. Und dann erklärte sich auch, warum die Erde bebte, denn auf ein Befehl hin, fangen sie an zu marschieren, nahezu synchron, alle dreißig Schüler. Ich beschließe, meinen täglichen Spaziergang in die Mensa fortzusetzen. Da ist etwas, was ich verdauen muss.

Wie sich herausstellt, üben die Schüler für den Wettbewerb. Alle Schüler. Ab der zweiten Klasse. Tage und Wochen werde ich noch von der bebenden Erde begleitet und von der Sporthalle hallt immer wieder das Geschrei der Kommandanten herüber. Langsam nimmt die Anspannung zu. Uniformen werden genäht, immer öfter marschieren sie den Gang entlang und werden immer synchroner und immer besser. Bis irgendwann der Tag kommt.

Du merkst es, wenn in unserer Schule ein Wettbewerb stattfindet. Du brauchst es überhaupt nicht zu wissen, du fühlst es, irgendwas liegt in der Luft. Die Stimmung ist anders, die Schüler sind anders, alles ist anders. Irgendwie schöner, besser. Nicht nur, dass unglaublicher Trubel in der Schule herrscht. Alles lächelt, die Schüler, die Eltern, die Lehrer, selbst die Schule scheint zu lächeln. Ja, irgendwas besonderes liegt in der Luft.

Nochmal schnell im Gang üben, ein Foto in Uniform machen, viel Glück wünschen und dann geht’s los. Sie marschieren wie Soldaten und in den Uniformen sehen sie echt gut aus. Die ganze Schule ist versammelt, schaut ihnen zu und ist stolz. Meine anfängliche Skepsis hätte ich mir sparen können. Denn das, was die Schüler hier machen, sollte überhaupt nicht mit Skepsis verbunden sein. Sie sind eine Klasse, ein Team, und nur das zählt. Wenn sie nicht als Team zusammenarbeiten, können sie nicht gewinnen. Und sie müssen zuhören, sich benehmen, brauchen Disziplin. Warum sind wir nur so skeptisch gegenüber Dingen, die uns neu erscheinen?

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