Die Wahrheit über den sibirischen Winter (oder wie ich ihn empfinde)

Das Bergfest wurde schon in Berlin gefeiert und hinter dem dichten Nebel wird das Ende immer klarer. Wenigstens in der Fiktion. Denn der dichte Nebel wird bis Ende Februar bleiben. Und was bedeutet das? Yakuten und abenteuerlustige Volontäre wissen das. Kalt kalt kalt kalt kalt. Verdammt kalt. Aber es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung. So sehr ich diesen Spruch auch hasse, so wahr ist er. Denn bisher habe ich nicht gefroren.

Zuerst die dicken Socken, Schneehose und die Sweatjacke über die Bluse ziehen. Die dicken Rentierfellstiefel anziehen. Dann den Pelzmantel und die Pelzmütze und alles schön zumachen. Dann den Schal über Hals, Mund und Nase. Und die zwei Paar Handschuhe nicht vergessen. Jedes mal muss an Macklemore in Thrift Shop denken. Nicht die Kälte ist am schlimmsten, es ist das ständige an- und ausziehen. Und die Zeit, die dafür drauf geht. Der Pelzmantel ist so schwer, dass ich mir das Workout sparen kann. Die Rentierfellstiefel sind dafür umso himmlischer. Der Schuhhimmel auf Erden. Als würde ich mit Hausschuhen auf einer Wolke aus Zuckerwatte laufen. Und ich untertreibe sogar. Die Stiefel sind wirklich mit das beste am Winter.

Merle oder Eisbär?

Aber was ist das beste an dem sibirischen Winter? Für mich sind das definitiv die Menschen. Was sie aus dem Winter machen, wie sie mit ihrem Schicksal umgehen und wie Alltagsprobleme ganz simpel bewältigt werden. Der Kinderwagen wird gegen einen „Kinderschlitten“ eingetauscht: Ein stinknormaler Kinderwagen nur mit Kufen statt Rädern. Der Kühlschrank wird gegen die Fensterbank ausgetauscht und generell werden schwere Einkäufe nicht getragen, sondern über den vereisten Boden gezogen. Seit September liegt hier Schnee und alle Wege und Straßen sind durchgehend mit einer Schnee- bzw. Eisschicht überzogen. Zwar rutscht man hier und da mal aus, aber da man so unglaublich viel und dicke Kleidung anhat, passiert meist nichts schlimmes. Was die Yakuten an ihrem Winter am besten finden, kann ich nicht sagen. Aber irgendwie schaffen sie es, aus ihm das beste rauszuholen und ich bin immer wieder erstaunt darüber.

Pelz zu tragen ist hier ganz normal. Es hat auch keinen wirklich modischen Grund, es ist einfach verdammt warm. Keine noch so teure hightech Jacke kann mit meinem Pelzmantel mithalten. Meine Winterausrüstung habe ich bis auf meine Schneehose zusammengeliehen bekommen. Der Mantel von der Englischlehrerin, meine Pelzmütze von der Mutter eines Schülers, die Rentierstiefel und die dicken Socken gehören meiner Gastmutter. Die Menschen versuchen mir zu helfen, jeder bietet was an und versucht mich am Frieren zu hindern. Die Hilfsbereitschaft ist wirklich enorm und unglaublich schön.

Heute ist es nicht so kalt. -38°C sagt mein Handy. Es herrschen ganz andere Verhältnisse. Richtig „kalt“ ist es ab -40°C, schon ein bis zwei Grad Unterschied fühle ich draußen deutlich. Das „minus“ wird im alltäglichen Sprachgebrauch überflüssig, denn es ist irgendwie klar, dass kein Hochsommer ist. Ab -48°C hat die Grundschule Schulfrei und ab -50°C folgen die anderen. Das wird dieses oder nächstes Jahr definitiv noch passieren.

Das Klima hier ist sehr trocken. Das merke ich daran, dass mein Gesicht bei kalten Temperaturen zu brennen anfängt, wenn ich meinen Schal nicht bis unter die Augen hochziehe. Oder wenn ich morgens die ersten Schritte rausgehe und meine Nase anfängt zu kribbeln und wehzutun und ich von der kalten, trockenen Luft immer erstmal einen Hustenanfall bekomme. Oder wenn meine Wimpern, Augenbrauen und Wangenknochen mit einer weißen Eisschicht überzogen sind. Doch je kälter es draußen ist, desto mehr wird drinnen geheizt. Das ist schrecklich. Es herrschen teilweise Temperaturen, die der Saune echt Konkurrenz machen. Und das alles mit Zentralheizung, sodass einem nichts anderes als Leiden übrig bleibt. Das ist der einzige Punkt, wo ich vom tiefsten Herzen sage kann, dass ich den sibirischen Winter hasse.

Sonst ist er eigentlich gar nicht so übel. Für abenteuerlustige Volontäre definitiv das Richtige. Ich kann endlich schneeweiße Weihnachten feiern. Schon ganz cool. Ich bin gespannt, was ich im Februar sage, denn der kälteste Monat steht mir noch bevor. Noch bin ich nicht erfroren.

2 Kommentare

  1. Guten morgen meine liebe Merle.Olaf,Andre,Kathy,Veronice,Dennis und ich (Anja ).Wünschen Dir schöne besinnliche Weihnachten.Ich habe gehört das bei dir in sibieren heute keine weihnachten sind.Aber wir denken an dich und drücken dich ganz doll.Ganz liebe grüße kussi Anja

  2. Durch mein Büro zieht gerade eine sibirische Kälte, wenn ich das lese. Daumen hoch.
    Bring die Rentierstiefel mit nach Hause, damit du hier auf Watte laufen kannst, wenn Du Dich an dieses Abenteuer erinnern willst.

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