Konditorei Karstens

Ich backe einen Kuchen. Er heißt „Abenteuer“. Hauptzutaten reichen nicht aus. Es wäre nichts besonderes. Mehl, Zucker, Eier und Milch hat jeder. Ein bisschen Zimt, eine Messerspitze Vanille, vielleicht noch ein paar Kirschen. Auf die kleinen Dinge kommt es an. Die kleinen Glücksmomente lassen uns schweben.

Auch ein Mehl-Zucker-Eier-Milch-Kuchen ist ein Kuchen. Es ist in der Tat ein Abenteuer, jeden Tag zur Schule zu gehen. Sich bei minus-Geraden draußen rumzuschlagen. Einkaufen zu gehen. Sport zu machen. Aber es ist kein besonderes Abenteuer. Es macht Spaß, es ist wunderschön. Ich lieben jeden dieser „großen“ Momente. Aber sie sind eben Hauptzutaten des Kuchens. Routine. Gewohnheit.

Außerdem schmeckt man die Hauptzutaten nicht raus. Sie exitstieren, sie halten das ganze zusammen, sie sind wichtig. Aber wann sagt man schon: „Omg, das Mehl im Kuchen schmeckt heute besonders gut!“. Viel eher überschüttet man den Zimt oder die Kirschen mit Komplimenten. Sie brennen sich tief ins Gehirn ein. Die kleinen Momente. Mit den Schülern ein Lied singen und ihnen einen Ohrwurm mitgeben. Zu zweit kochen und dabei laut Coldplay hören. Einen Flug nach St. Petersburg buchen. Klavier spielen. Ein neuer Wasserhahn. In die Schule kommen und von 5. Klässlern umarmt werden. Menschen zum Lachen bringen.

Manchmal ist es schwer, die kleinen Zutaten zu finden. Jedes Geschäft hat Mehl. Da musst du nicht suchen, es liegt direkt vor deiner Nase. Du kannst es nicht verfehlen. Aber es gibt dir trotzdem eine kleine Sicherheit. Zu wissen, dass du Mehl überall kaufen kannst und du theoretisch jeder Zeit Kuchen backen kannst. Zimt ist schon etwas schwerer zu finden. Manchmal irrst du lange Zeit im Geschäft rum. Oder du musst jemanden um hilfe bitten, um es zu finden. Im schlimmsten Fall auf russisch, obwohl du kein russisch kannst.

Kleine Zutaten und Momente lassen sich viel leichter zusammen finden. Alleine ist sowas schwer. Alleine kann man Mehl finden. Aber nicht die kleinen Dinge. Das ist so eine Eigenschaft des Glücks. Man muss es teilen. Man muss zusammen auf die Suche gehen. So wird man vielleicht sogar auf der Suche selber kleine Abenteuer erleben. Der Weg ist das Ziel manchmal.

Ich plädiere dafür, den kleinen Dingen mehr beachtung zu schenken. Denn wenn man Kuchen nebenbei isst und sich nicht so sehr für ihn interessiert, verschenkt man viele schöne Erfahrungen. Man hat quasi umsonst den Kuchen gebacken. Und war umsonst auf der Suche nach dem Zimt.

Mein Abenteuer hat viele Zutaten. Jede Zutat ist wichtig und unersetzlich. Alle kleinen und großen Momente machen mein Abenteuer zu dem, was es ist. Und ich bin sehr froh darüber, dass es so vielfältig ist. Und ich bin sehr froh über jeden, der mein Abenteuer mit mir teilt und mir bei der Suche hilft. Egal, wie weit weg er ist. Oder ob er überhaupt schon geboren ist.

1 Kommentar

  1. Hallo Merle
    Zustimmung allenthalben und schöne Analogie, die Du da aufgebaut hast.
    Dein Blog liest sich großartig, spannend und nach mehr.

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