Staffel 1, Folge 2

Stellt euch einfach die schrillste und schrecklichste Schulglocke vor, die es gibt…. Und selbsts das Geräusch, was euch gerade durch den Kopf gegangen ist, wird von der Klingel am Révai Miklós Gimnázium hier in Györ bei Weitem getoppt. Jetzt wisst ihr zumindest schon einmal, mit welcher musischen Untermalung mein erster Schultag hier in Ungarn begonnen hat.

Das Révai-Miklós-Gimnázium

Ihr wisst es wahrscheinlich, aber da es für viele Schüler und sogar für den ein oder anderen Lehrer hier in Györ eine völlig neue Information war, mache ich es hiermit noch einmal offiziell: Ich bin keine deutsche Austauschschülerin, die für 6 Monate eine ungarische Schule besuchen möchte. Für genau so jemanden wurde ich nämlich an meinem ersten Schultag und in den Wochen danach vermehrt gehalten. Ob das der Tatsache geschuldet ist, dass ich genauso alt bin wie der ein oder andere Schüler hier? Ich vermute es mal, jedenfalls hält sich das Gerücht, ich sei nur hier, um am ungarischen Schulunterricht teilzunehmen, nun doch schon mehrere Wochen. Dass ich jedoch jede Pause im Lehrerzimmer verbringe, im Kopierraum meine eigens entworfenen Arbeitsblätter ausdrucke und für meine Schüler kopiere und ich bei so manchem Schulausflug sogar schon als betreuende Lehrkraft für bis zu 15 Schülerinnen und Schüler eingesetzt wurde, das wird immer wieder gekonnt ignoriert.

 

Das Lehrerzimmer am Révai

Aber nichtsdestotrotz ist es die Wahrheit: Ich habe das Ufer gewechselt. Nicht so wie ihr jetzt wieder denkt. Vielleicht sollte ich besser sagen: Man findet mich nun auf der dunklen Seite der Macht! Bestand mein Leben nämlich bisher zum Großteil daraus, gemeinsam mit 25 Mitschülern in Klassenzimmer gepfercht zu werden und dort das immer gleiche Geschwafel über individuelle Förderung und Selbstlernkonzepte zu hören, so habe ich diesem Teil meines Lebens mit Empfangnahme meines Abizeugnisses den Rücken gekehrt. Von der Institution Schule konnte ich mich allerdings nicht ganz so schnell lösen wie von meinem Leben als Schülerin. Und deshalb versuche ich mich jetzt einmal selbst als Lehrerin für das Fach „Deutsch als Fremdsprache“ am Révai hier in Győr.

 

Diese Gruppe von Schülerinnen und Schülern habe ich zu einem Wettbewerb begleitet.

Lehrerin ist vielleicht etwas übertrieben, denn meine eigenen Klassen unterrichte ich hier natürlich nicht. Das wäre so ganz ohne Studium und mit den wenigen Erfahrungen, die ich als Nachhilfelehrerin bisher gesammelt habe, vielleicht auch ein bisschen verfrüht.

Vielmehr habe ich als deutsche Muttersprachlerin hier an einer ungarischen Schule die Aufgabe, die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer zu unterstützen. Das geschieht bisher meistens, indem ich mit Kleingruppen (2-6 Schülerinnen und Schüler) aus den Deutschkursen einzelner Lehrerinnen gezielt für Wettbewerbe oder Sprachprüfungen trainiere. Ab und zu halte ich auch selber eigene Unterrichtsstunden vor Klassen, zum Beispiel habe ich am Freitag, den 13., in einer Deutschstunde über das Thema „Aberglauben“ gesprochen. Diese eigenen Unterrichtsstunden sind aber eher die Ausnahme. Die „Extrastunden“ , in denen ich mich mit den Kleingruppen beschäftige, finden jedoch so gut wie jeden Tag in der schuleigenen Bibliothek statt. Die unterschiedlichen Gruppen sind dabei alle auf verschiedenen Sprachniveaus (von B1 bis C1). Das macht meine Arbeit abwechslungsreich und spannend, denn eine große Herausforderung war für mich von Anfang an, mein eigenes Vokabular und Sprechtempo an die Deutschkenntnisse der Schüler anzupassen.

 

Falls es euch interessiert, für welche Sprachprüfungen die ungarischen Kinder und Jugendlichen mit mir gemeinsam lernen, gibt es hier die Links zu den zwei beliebtesten Sprachprüfungen und zum Landeswettbewerb „Deutsch“. Würde ich nämlich hier über alle Prüfungen, Aufgabentypen und Anforderungen berichten, dann würde mein zweiter Blogeintrag den ersten um Längen schlagen:

 

 

Aber natürlich passiert auch immer mal wieder etwas Besonderes: So findet zum Beispiel jeden Monat einmal das sogenannte „Goethe-Kino“ statt. Hier wird für unsere Schule ein eigener Kinosaal für ca. 250-300 Schülerinnen und Schüler im Györer Kino gemietet und ein deutscher Film gezeigt – im Oktober „Tschick“ und im November „Vincent will Meer“. Ich bin gespannt, welche Filme das Goethe-Institut so für die kommenden Monate aussuchen wird! Ich halte euch natürlich auf dem Laufenden.

Das mit Abstand verrückteste Event, was ich in meiner bisherigen Zeit am Révai erlebt habe, war allerdings die sogenannte Kampagnen-Woche. Um das Prinzip kurz zu erklären: Anders als bei uns in NRW, bleiben die ungarischen Schüler bis zum Abitur im Klassenverband. Das bedeutet, dass es jedes Jahr am Révai fünf 11. Klassen gibt. Und diese 11. Klassen organisieren traditionell jährlich die Wahl des „Schülerpräsidenten“. Hierbei geht es lediglich um eine repräsentative Person und nicht etwa um einen Schülersprecher. Jede Klasse darf einen oder zwei Kandidaten zur Wahl stellen, sucht sich ein Motto für ihre Kampagne und hat dann während der sogenannten Kampagnen-Woche an einem Tag die Möglichkeit, die Mitschüler und Lehrer des Gymnasiums davon zu überzeugen, für ihren Kandidaten/ihre Kandidaten abzustimmen.

An einem Tag der Kampagnen-Woche gab es sogar Lángos!

Für Vegetarier ist es in Ungarn wirklich nicht allzu leicht….

Das heißt, von Montag bis Freitag steht jeder Tag unter einem anderen Motto. Die Schule wird entsprechend geschmückt und die Pausen passend zum Motto gestaltet. Jede Klasse führt eine aufwendige Choreographie auf, bei der (anders als es in meiner Stufe der Fall gewesen wäre) tatsächlich alle Schüler einer Klasse mittanzen und sich keiner versucht, aus der Affäre zu ziehen. Bei diesem Auftritt werden Süßigkeiten und T-Shirts, die mit den eigenen Logos bedruckt wurden, in die Menge geworfen. Außerdem bringt jede Klasse eine eigenes Prospekt, also eine Art Klassenzeitung, heraus.

In den Pausen bietet die jeweilige Klasse in einem großen Festzelt – ich würde es eher als Fresszelt bezeichnen – deftige und süße Leckereien an. In diesem Jahr gab es neben Kuchen und Gebäck sogar kleine Hamburger, Pizza, Lángos (wie sollte es in Ungarn auch anders sein) und Langalló, eine Art „Brotlángos“.

 

 

 

 

 

Das waren übrigens die diesjährigen Mottos der Kampangen-Woche (Montag bis Freitag)

„Back in times“

„Gladiators“

„Circus“

„L.K. Bulls“

„Fake“

  

Die Kampangen-Woche gipfelt übrigens in der Wahl der neuen Schülerpräsidentin oder des neuen Schülerpräsidenten am Samstag. Hier kommt es dann natürlich zu großer Freude bei den einen und herber Enttäuschung bei den anderen. In diesem Jahr hat die 11.B. mit ihrem Motto „L.K. Bulls“ gewonnen.

Im Rahmen dieser Kampagne erstellen die meisten Klassen auch eine eigene Facebookseite. Hier posten sie unter anderem auch ein Video von ihrem großen Tanzauftritt. Also falls ihr mal sehen möchtet, wie aufwendig und spektakulär die einzelnen Shows waren, schaut gerne mal rein!

https://www.facebook.com/11DglaDiators/

https://www.facebook.com/11cirkusz/

https://www.facebook.com/11.L.K.BULLS/

https://www.facebook.com/11F-Fake-469857780067667/

 

All das und eigentlich noch vieles mehr ist durfte ich also hier am Révai schon erleben und ich hoffe, es bleibt weiterhin genauso spannend! Wie ich euch ja in meinem letzten Blogeintrag versprochen habe, wird es im nächsten Artikel um all das gehen, was hier neben der Schule noch so passiert. Und auch das ist nicht gerade wenig! Schließlich habe ich vor kurzem meinen Ungarisch-Sprachkurs begonnen, war schon auf zahlreichen großen Sportveranstaltungen hier in Györ unterwegs und bin innerhalb der letzten paar Wochen zum „Hauptstadt-Jetsetter“ geworden. Von meinen Erlebnissen aus Wien und Budapest werdet ihr hier also auch bald lesen. Und wer weiß, vielleicht war ich in der Zwischenzeit dann auch schon einmal in Bratislava….

 

Aber erst einmal schicke ich ganz liebe Grüße an euch alle! Ich vermisse euch und hoffe, es geht euch allen gut!

Eure,

Selin

 

P.S. Wenn ihr wissen möchtet, welches Deutschlandbild meine Schüler hier in Ungarn haben, dann lohnt sich ein Klick auf diesen Link.

https://www.youtube.com/watch?v=zJZfuJdycGc

Das Video ist besonders an meiner Schule bei den 15-16-Jährigen äußerst beliebt, jeder kann es mitsingen und –tanzen und es hat in einzelnen Fällen auch schon dazu geführt, dass Schüler Angela Merkel als Bildschirmhintergrund auf ihrem Handy hatten. Was uns das sagen sollte? Ich weiß es wirklich nicht….Aber wenigstens lernen die Kinder dadurch, auf Deutsch zu zählen….

One response to “Staffel 1, Folge 2

  1. G.F.

    Ein echt umfassender Beitrag von einer talentierten “Lehrerin”! Besonders gut hat mir der Scherz mit dem Zelt gefallen.
    Ich freue mich schon auf die weiteren Berichte.

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