Staffel 1, Folge 1

Das Rathaus von Győr

Und, was machst du nach dem Abi? Ein FSJ im Ausland? Du gehst sicher auch nach Neuseeland, oder? Nicht? Ungarn? Győr? Wo genau liegt das? Genau zwischen Wien und Budapest? Und wie groß ist Győr so? Ach, die sechstgrößte Stadt Ungarns? Und Audi hat sogar ein Werk dort? Und was genau hast du dann in Ungarn vor? Du arbeitest dort an einer Schule?  Die lernen Deutsch? Nicht schlecht! Dann musst du auf jeden Fall mal berichten, was du so alles erlebst!

 

Ungefähr so lief in den letzten Monaten jedes Gespräch ab, in dem es darum ging, wie mein Plan nach dem Abi so ausschauen würde. Während gefühlt die Hälfte meiner Stufe irgendwo zwischen Bali und Neuseeland auf Selbstfindungssuche ging, 30% ihr Jahr nach dem Abi dafür nutzten, zu jobben oder sich dem Bundesfreiwilligendienst zu verschreiben, und die restlichen frisch gebackenen Abiturienten ihre große Freiheit direkt wieder gegen Vorlesungen und Seminare eintauschten und mehr oder weniger motiviert ihr Studium begannen, fühlte ich mich keiner dieser Gruppen irgendwie zugehörig.

Ich hatte für mich einen etwas anderen Weg gewählt. Direkt nach dem Abi zu studieren, war für mich keine Option. Ich hatte mich auf dieses Jahr frei von Pflichten jeglicher Art gefreut und nichts in der Welt hätte mich dazu bringen können, es nicht voll und ganz zu nutzen. Und dass ich das im Ausland besser konnte als zuhause in Deutschland – das stand relativ früh fest. Nur ganz so weit weg trieb es mich irgendwie noch nie. Sicherlich wäre es toll gewesen, irgendwo in Lateinamerika mein Schulspanisch in etwas zu verwandeln, was sich vielleicht wirklich mal wie eine echte Sprache anhören würde. Vielleicht hätte ich als Au-Pair irgendwo in Australien mein Englisch perfektionieren können und würde nicht bei jedem Versuch, mich auf dieser Sprache zu verständigen, an meinen Leistungskurslehrer denken müssen, der die Angewohnheit hatte, jeden seiner Schüler bei einem Fehler mit einem lauten „Mööööp“ zu unterbrechen. Was hätte ich nicht alles für Möglichkeiten gehabt? Spanisch oder Englisch? Chile oder Neuseeland? Au Pair oder doch Work and Travel?

Meine Antwort auf diese Fragen: „Weder noch, ein FSJ in Ungarn soll es sein!“ Und was genau: Ich entschied mich für eine Bewerbung bei „kulturweit“, dem internationalen Jugendfreiwilligendienst der deutschen UNESCO-Kommission. „kulturweit“ bietet jungen Menschen im Alter von 18-26 Jahren die Möglichkeit, sich für sechs bis zwölf Monate in der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik zu engagieren. Während andere Anbieter eines internationalen Jugendfreiwilligendienstes sich aus Beiträgen der Freiwilligen finanzieren, werden hier alle Jugendlichen finanziell von „kulturweit“ unterstützt und in Seminaren und Workshops begleitet.

 

Die Győrer Skyline

Nachdem ich „kulturweit“ im Internet entdeckt hatte, die Organisation mir gleich einen guten und vor allem seriösen Eindruck machte und die Erlebnisberichte der vorherigen Freiwilligen genau das versprachen, was ich mir für die Zeit nach dem Abitur gewünscht hatte, schaffte ich es also tatsächlich, noch 4 Tage vor Anmeldeschluss meine Bewerbung abzuschicken. Ich hatte mich ganz nach dem Motto „Einen Versuch ist´s wert“ beworben und mit einer positiven Rückmeldung sowieso nicht wirklich gerechnet. Schließlich bewerben sich besonders bei „kulturweit“ durchschnittlich viele Jugendliche, überwiegend Abiturientinnen und Abiturienten, die ebenso wie ich „das Weite suchen“ und die Kultur eines anderen Landes kennenlernen wollen. Im Laufe meiner Recherchen hatte ich sogar einmal gelesen, dass auf eine „kulturweit“- Stelle ungefähr acht Bewerbungen kommen. Nicht zuletzt aus diesem Grund war ich umso überraschter, als irgendwann tatsächlich eine Email der Organisation in mein Postfach flatterte. Ich hatte es in die nähere Auswahl geschafft!

 

Das Révai-Miklós-Gimnázium

Ein paar Wochen später folgte dann mein persönliches Einsatzstellenangebot. „kulturweit“ bietet seinen Bewerbern eine Einsatzstelle in einem Land an – entscheidet man sich dann gegen diese Stelle, erhält man kein weiteres Angebot. Lediglich die präferierte Weltregion durfte man in der Bewerbung angeben. Meine Wahl war auf Mittel- und Osteuropa gefallen und die mir letztendlich angebotene Einsatzstelle befand sich in der ungarischen Stadt Győr im Nordwesten des Landes. Genauer gesagt, am Révai Miklós Gimnázium, einem der renommiertesten Gymnasien des Landes. Hier würde es zu meinen Aufgaben gehören, die Lehrerinnen und Lehrer im Deutschunterricht zu unterstützen und den Schülerinnen und Schülern als Muttersprachler die deutsche Sprache näher zu bringen. Nach ein bisschen Recherche über die Stadt, die Schule und das Land fiel meine endgültige Wahl dann doch recht schnell: Ich würde ab September für ein halbes Jahr nach Ungarn gehen!

Wie ich in meinen vorherigen Blogeinträgen ja bereits berichtet habe, fiel das Vorbereitungsseminar am Werbellinsee bei Berlin, bei dem alle „kulturweit“-Freiwilligen für 10 Tage zusammenkommen und sich gemeinsam auf ihren anstehenden Auslandsaufenthalt vorbereiten, für mich leider aus gesundheitlichen Gründen aus.

Trotzdem konnte ich meine Ausreise aus Deutschland am 14.09.2017 gemeinsam mit meinem Vater, der mich nach Ungarn begleiten und die ersten Tage im fremden Land als Unterstützung dabei sein würde, antreten. Mit dem ICE ging es von Köln nach München und mit einmal Umsteigen nach Győr. Die rund 10 Stunden im Zug kamen mir tatsächlich gar nicht so lang vor, was eventuell daran liegen könnte, dass ich die meiste Zeit mit Lesen, Essen oder Serienschauen beschäftigt war. Besonders die 7. Staffel meiner Lieblingsserie „Modern Family“ erwies sich an diesem Tag als super Zeitvertreib.

Győr bei Nacht

Gegen 19 Uhr fuhr unser Zug dann in den Győrer Bahnhof ein. Die Dämmerung hatte bereits einige Zeit zuvor eingesetzt und somit war von der Landschaft und auch von Győr selbst schon aus dem Zugfenster nicht viel zu sehen gewesen. Abgeholt wurden wir am Bahnhof von Bea, der Leiterin der „Fachschaft Deutsch“ am Révai-Gymnasium, die meine Ansprechpartnerin hier vor Ort ist und mit der ich schon im Vorfeld in regem Emailkontakt stand. Sie hatte sich unter anderem um eine tolle Unterkunft gekümmert und bei Fragen jeder Art geholfen. Als  besonders schwierig hatte es sich nämlich herausgestellt, hier in Ungarn einen vernünftigen Internet- und Fernsehvertrag abzuschließen. Aber zum Glück hatte alles geklappt und meinem Einzug in meine erste „eigene“ Wohnung stand nichts mehr im Wege. Wer sich jetzt fragt, ob ich hier in Ungarn tatsächlich ganz auf mich allein gestellt bin und lebe, dem kann ich jedoch zum Glück mitteilen, dass es eine WG ist, die ich hier mit meiner Mitfreiwilligen Bianca gegründet habe. Bianca ist Lehramtsstudentin für die Fächer Deutsch und Mathematik, 25 Jahre alt,kommt aus München und bleibt bis Ende des Jahres hier in Győr. Und übrigens: „Győr“ wird auf Ungarisch „Djöör“ ausgesprochen – daran muss man sich auch erst einmal gewöhnen.

Unsere Wohnung

Nicht gewöhnen musste ich mich zum Glück an eine Wohnung nach typisch ungarischen Verhältnissen. Verbindet man mit diesem Land nämlich zunächst einmal marode Häuser mit zugemauerten Fenstern und ohne funktionierende Wasserleitungen, so liegt man gar nicht immer falsch. Diese Häuser existieren und prägen auch in Győr ganze Viertel. Zu meiner Erleichterung konnte ich jedoch schon auf der Fahrt zu unserer Wohnung feststellen, dass die Gegend, in der wir leben würden, nicht mehr auf dem Stand von 2014 war. Google Streetview hatte da nämlich so einiges vermuten lassen. Auf dem kargen Grünstreifen rechts vor unserem Haus waren innerhalb der letzten zwei Jahre moderne Sportanlagen gebaut worden, unter anderem ein Fußballplatz, ein Basketballfeld, ein Fitnesspark und ein Verkehrsübungsplatz für Kinder, die hier das Fahrradfahren lernen können. Letzteres ist übrigens meiner Ansicht nach eine tolle Sache und wäre auch in Deutschland mal eine Überlegung wert.

 

Aber zurück zur Gegend: Die abgerissene Fabrik gegenüber unseres Hauses sah zum Glück auch nicht mehr so heruntergekommen aus, wie es uns diverse Internetquellen hatten vermuten lassen. Grunddafür war vermutlich, dass auf dem ehemaligen Fabrikgelände ein großes und modernes Wohnheim für die Jugendathleten gebaut worden war, die während des EYOF (European Youth Olympic Festival) im Juli 2017 aus aller Welt hier nach Győr gekommen und unter anderem in diesem Wohnheim untergebracht worden waren. Als fast genauso modern wie dieser Neubau stellte sich dann auch unsere Wohnung heraus – helle Räume, viele Fenster und sogar eine kleine Galerie. Lediglich die Heizung sollte sich noch als mein Erzfeind hier in Ungarn herausstellen, aber alles zu seiner Zeit….

 

 

Für der nächsten und ersten richtigen Tag in Ungarn stand natürlich eine Stadtführung mit Bea, der Deutschlehrerin, die uns auch vom Bahnhof abgeholt hatte, auf dem Programm. Und wie konnte es anders sein: Natürlich erfüllten mein Vater und ich schon am ersten Tag DAS Klischee der typischen Deutschen. Überpünktlich trafen wir am vereinbarten Treffpunkt, dem McDonalds in der Haupteinkaufsstraße von Győr, ein (ja, McDonalds ist auch hier sehr beliebt).

An dieser Stelle müsste nun eigentlich der Teil meines Blogeintrags kommen, in dem ich in aller Genauigkeit darüber berichte, wie wunderschön die Altstadt von Győr ist. Wie verwunschen all die engen und verwinkelten Gassen in ihren nicht-erkennbaren Mustern durch die Innenstadt führen, welche feierliche Atmosphäre die barocken Häuserfassaden im strahlenden Sonnenschein ausstrahlen und wie wunderbar es sein kann, an einem sonnigen Tag am Ufer der Raab gegenüber der Radó-Insel zu sitzen und seinen Blick einfach mal schweifen zu lassen. Das alles jedoch in Worten so zusammenzufassen, wie es in der Realität ausschaut, fällt mir sehr schwer. Deshalb werde ich mein Bestes geben und versuchen, diesem Blogeintrag einige  Bilder von Győr anzuhängen, damit ihr euch ein eigenes Bild machen könnt.

So, was gibt’s denn noch so zu berichten über meine ersten Tage hier in Győr? Wie ich angekommen bin und die Stadt kennengelernt habe, das habt ihr ja jetzt erfahren. Vielleicht interessiert euch ja aber auch noch, wie mein erster Kontakt mit der ungarischen Kultur und den Menschen hier ausgesehen hat. Zu dem kam es nämlich bei meinem Besuch einer großen Markthalle und bei meinen ersten Ausflügen in die Umgebung von Györ, wie zum Beispiel zum Kloster von Pannonhalma. Außerdem sind einige bestimmt gespannt darauf, wie mein „erster Schultag“ (und paradoxerweise ja auch mein erster Arbeitstag) als kulturweit-Freiwillige am Révai Miklós Gimnázium abgelaufen ist und was sich seit einem Monat schon so getan hat.

 

 

Um euch Antworten auf eure Fragen zu geben, wird es im nächsten Blogeintrag um meine bisherigen Erfahrungen am „Révai“ gehen: Wie wurde ich empfangen? Was sind meine Aufgaben? Wie gehen die Schüler mit mir um? Und wie fühlt sich das eigentlich an, auf einmal auf der anderen Seite zu sitzen?  Anschließend folgt dann ein Erlebnisbericht über all das, was ich in meiner Freizeit hier in Ungarn schon so getrieben habe – und das ist jetzt schon eine ganze Menge. Ihr dürft also weiterhin gespannt sein, was ich hier im „wilden Osten“ so erlebe!

Aber erst einmal schicke ich ganz liebe Grüße an meine Familie und meine Freunde in Deutschland (und natürlich auch in Thailand). Ich vermisse euch alle!

Eure,

Selin

 

 

 

 

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