28 – Shlopanzebi und Unabhängigkeitsfeier

Kurz vor dem Georgischen Pfingsten wurde ich von unserer liebsten Georgischlehrerin eingeladen, sie und ihre 5. Klasse beim Wandertag zu begleiten.

Da ich die Kinder sehr gerne mag – neulich durfte ich bei ihnen eine Deutschstunde vertreten, natürlich ohne jeden Plan was sie gerade durchnehmen, aber sie haben mir sehr ordentlich erklärt, dass sie für ein Theaterstück üben müssen und wir haben zusammen die Geschichte vom Dicken fetten Pfannkuchen studiert – war ich natürlich sofort dabei.

Es ging los Richtung Gori mit einer Busfahrt wie in den guten alten Zeiten: jede Menge Süßkram, giftbuntes Gummizeug und Chips. Dann stiegen auch noch, zur Ablösung der Lehrerinnen, die „Animateurebi“ zu, die Stimmung und Lautstärke im Bus ordentlich anheizten. Wir machten kurze Bildungspausen an der Samtavisi Kathedrale und einem Kloster an der Atheni Sioni Kirche, wo sich die Kinder an kleinen Läden daneben mit hausgemachten Keksen und dünnen, schön duftenden Wachskerzen eindeckten. Mir wurden auch welche in die Hand gedrückt und ich wurde mitgezogen, in das kühle, schummrige Kirchenschiff, durch Weihrauchwolken bis vor vergoldete Bilder von Heiligen oder Kirchengründern, die unsere Kerzen bekommen sollten.

Zum Schluss hielten wir an einer picknicktauglichen Wiese, wo wir unser Festessen anrichteten. Die Kinder hatten nämlich nicht, wie ich das von meinen Schulausflügen kenne, jedes ein eigenes Butterbrot mit, sondern Schüsseln und Platten mit einer oder verschiedenen Spezialitäten für alle zum Teilen. Wir Lehrerinnen haben alles angerichtet und aufgeschnitten. Dieses ‚gemeinsam Essen‘ erschien mir sehr wertvoll, die Kinder üben/lernen zusammen etwas für die Gemeinschaft zu organisieren. Das muss geübt werden und geht auch manchmal schief, was nicht schlimm ist viel mehr gefiel mir sie Einstellung: Wir hatten auch große Flaschen Wasser und Limonade, ein Kind suchte nach Bechern und beschwerte sich bei einer Lehrerin es gäbe nicht genug. Diese wurde daraufhin ziemlich ungehalten und fragte: „Hast Du daran gedacht welche mit zubringen? Nein? Dann untersteh Dich hier rum zu meckern!“

 

Am Freitag den 18. Mai war endlich unser Vorlesewettbewerb. Meine beiden Klassensieger der 5. und 6. hatten fleißig geübt. Im Endspurt hatten wir uns gegenseitig, von den entgegengesetzten Seiten eines Raumes laut genug, vor gelesen und einen professionellen Vorleser in einem Hörbuch genau analysiert. Sie schlugen sich beide sehr tapfer, obwohl es in dem Vortragsraum unterm Dach furchtbar heiß wurde und sie als einzige in ihren Schuluniformen schwitzten, weil wir Betreuer*innen fälschlicher Weise einfach davon ausgegangen waren, dass die getragen werden müssten. In der einen Altersgruppe haben wir sogar den ersten Platz bekommen!

 

Am Samstag drauf waren meine Mitbewohnerin und ich mit unserer liebsten Georgischlehrerin zum Shoppen verabredet. Sie hat nämlich einfach immer wunderschöne Kleider und wir haben darauf bestanden zu erfahren wo sie die denn herbekommt.

Wir trafen uns vor dem Hauptbahnhof und spazierten die Tamar Mepe Avenue zwischen Dinamo Fußballstadion und Marjanishvili-Viertel entlang Richtung Fluss und bogen irgendwann plötzlich in einen unscheinbaren Hauseingang, natürlich ohne Schild oder Zeichen. Ein bisschen einen Flur entlang und um eine Ecke unter einer Treppe und dann war da ein außerordentlicher Basar an Secondhandklamotten! Wir suchten uns durch sweete Blümchensneakers und Haufen von „Shlopanzebi“ (ich liebe das Georgische Wort für Flipflops!), ließen die Jeans links liegen und probierten uns durch viele, viele Blumensommerkleider. Wurden fündig und schlugen uns weiter durch zu Shorts und Röcken, mit einem Abstecher bei den hübschen, kleinen Ohrsteckern.

Zur Stärkung gab es einen kleinen Vorgeschmack auf den Urlaub in der Bergregion Swanetis, in einem Imbiss mit „Kubdari“ eine Fleischpastete, die von dort oben kommt.

 

Tags darauf entdeckte ich einen wunderbaren Buchladen. Wirklich schade, dass der mir nicht schon eher aufgefallen ist. Er heißt  Prosperos Books und befindet sich hinter einem unscheinbaren Durchgang an der Rustaveli Avenue. Es gibt einen gemütlichen, grünen Innenhof zum Sitzen und sogar ein Café. Das beste aber: Es ist alles auf Englisch! Ein Buchladen, durch den ich stöbern kann und auch wirklich was lesen! https://www.prosperosbookshop.com/index.php

Ich kaufte mir „Flight from the USSR“ vom Georgischen Autor Dato Turashvili in der Englischen Übersetzung. Und war sehr zufrieden! Das Buch kann ich nur empfehlen, es geht um die wahre Geschichte einer Gruppe Jugendlicher in Tbilissi, die durch eine Flugzeugentführung aus der USSR fliehen wollten. Spoiler: Sie haben es leider nicht geschafft.

 

Dann war da noch eine Vorstellung im Gabriadze Marionettentheater http://gabriadze.com/en/, von „Stalingrad“ es war wunderschön gemacht, sehr sanft aber unglaublich eindrucksvoll und dramatisch, obwohl das alles nur winzig kleine Puppen sind.

 

Am Freitag nach dem Vorlesewettbewerb gab es den nächsten Event in den DSD-Schulen, mit dem wir Freiwilligen zu tun hatten. Der Lesefuchswettbewerb…klingt furchtbar niedlich, geht aber um die großen 10. und 11. Klässer, sie sollen Deutsche Jugendbücher zu aktuellen politischen Themen in Deutschland lesen und darüber diskutieren. Auch in Vorbereitung auf die Deutsche Sprachdiplom Prüfung, in der eben das freies Sprechen geprüft wird.

Auch wenn ich bei der Vorbereitung dann doch weniger als geplant mithelfen durfte… ich hatte ein oder zwei mal eine Stunde in der 11. über eins der Bücher gehalten, ansonsten war meine Mentorin da sehr auf Perfektion bedacht und arbeitete lieber selbst intensiv mit dem Schüler, der unsere Schule vertreten sollte. Ich durfte zusammen mit den 9. Klässer*innen und den Mitschüler*innen unseres Kandidaten aus der 11.  und meiner Mentorin zum Anfeuern mitkommen. Außerdem musste ich die zwei Büchsen und einen Topf voller Fuchskekse abgeben, die meine Mitbewohnerin und ich nach Anforderung brav vorbereitet hatten.

Ich hatte eine gute Zeit mit meinen Schüler*innen, die 9. Neuntklässlerinnen wollten mit mir die Typen im Publikum aus checken, wen ich für gut aussehend befinden würde und dann gingen wir über zu ihren Österreichischen Austauschschüler*innen, die bald zu Besuch kommen sollten. Wir ließen uns von den Jungs aus der 11. zur Ordnung rufen und konzentrierten uns auf den Wettbewerb, ich sollte sagen, ob sie alle nicht viel besser sprechen konnten als die diesjährigen Lesefüchse… Unser Kandidat kam leider nicht weiter, aber es gab hinterher eine beeindruckende Torte mit einer Fuchsabbildung drauf. Ich glaube allerdings nicht, dass sich jemand getraut hatte sie an zu schneiden.

Danach fragten mich meine Schüler*innen ob ich mit ihnen zur Pizzeria gehen wollte, wir haben uns richtig gut unterhalten, sie wollten über die Sache im Bassiani sprechen, ob ich das mitbekommen hätte und was ich dazu denke. Ich bin immer wieder überrascht wie gut sie sich auf Deutsch ausdrücken können. Ich glaube nicht, dass ich oder meine Klassenkameraden*innen in Englisch in der 9. oder 11. Klasse so gut waren. Ich war aber auch stolz auf mich, wie viel von den Georgischen Unterhaltungen ich verstehen konnte oder wenn ich richtig antworten konnte. Wir redeten über Geschwister, strenge und großzügige Eltern, Partys, Lehrer und Schule und ich fühlte mich sehr ins letzte Jahr zurückversetzt. Kaum zu glauben, dass ich schon fast 1 Jahr keine Schülerin mehr bin und mein Alltag WG-Leben und kulturelle Verwirrungen im Ausland, aber keinen Streit mit Geschwistern oder Zeiten, zu denen man Nachts Zuhause sein muss mehr enthält.

 

Stattdessen enthält mein Leben glücklicherweise regelmäßige Besuche mit meiner Mitbewohnerin in die Fabrika, Ort der feinsten Cocktails und des guten Argo Biers, der gemütlichen Rumhänge-Stunden und der Füllung eines jeden Feierabends.

Zum Beispiel mit Film Screening „Victoria“, sogar auf Deutsch, denn wir feierten den Monat der Deutschen Sprache. Der Film war wirklich gut, 2015 in Berlin in einem Schnitt gedreht. Handelt von einer Spanischen Studentin, die erst seid wenigen Monaten in Berlin ist -also ähnlich wie wir- und sich früh morgens auf dem Weg vom Club nach Hause mit ein paar Typen anfreundet, dann mit denen los zieht und sich auf einmal in einen Banküberfall und mehr verwickelt. Der Film war so gut, vor allem das Ende, dass wir hinterher zwei Chacha bestellen mussten, zwei Zigaretten schnorren und ein Taxi nach Hause nehmen.

 

Am Samstag den 26. Mai war großer Feiertag. Schon Wochen vorher hingen Plakate und Fahnen: 100 Jahre Unabhängigkeit. 1918 hatte Georgien, in den Wirrungen nach der Russischen Revolution, die ersten Demokratische Republik Georgiens ausgerufen. Sie war nur von kurzer Dauer und endete mit der Russischen Invasion 1921.

Die ganze Rustaveli Avenue verwandelte sich in ein großes Straßenfest, zwischen einer großen Musikbühne an der Metro Rustaveli und Zuschauertribünen für eine Parade am Freiheitsplatz. Dazwischen, von Wimpelketten gesäumte, Stände von jungen Designern und Essen und historischen Informationen.

0 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.