25 – in Tbilissi

So wenig wie ich aus Tbilissi weg möchte, so gespannt bin ich doch auf die Uni. Deshalb habe ich mich über die Annahme meiner Bewerbung als Freiwillige beim Europatag am 5. Mai doppelt gefreut. Die Infoveranstaltung fand nämlich im großen Auditorium der Physik in der State University statt. Ich konnte also ganz casual mit meinem Kuli und Notizblock in eine echte Uni schlendern, mich unter die Leute mischen und so tun als wäre ich auch Tbilisser Studentin der State. Nur das mit Physik ist noch verbesserungswürdig.

Da wir vermutlich im Gegensatz zu den Student*innen arbeiten und von der BRD bezahlt werden, konnten wir uns hinterher ein bisschen Sushi in der Fabrika gönnen, immerhin hatten wir noch Besuch aus Deutschland im Schlepptau, der Zuhause brav auf uns gewartet hatte und mit uns das „Dornröschen“ Ballett in der Oper ertrug.

Noch so eine Attraktion für unsere Gäste, war die Fahrt vom Marschrutkabahnhof Didube nach Stepanzminda und dann zu Fuß den Berg rauf bis zum Kloster Khazbegi. Wir hatten diese Wanderung schon ganz am Anfang im Herbst gemacht. Es war noch nicht ganz so kalt gewesen, nur wenige Schneeflecken und wunderbar freie Sicht auf das Gebirge rund um den Khazbeg. Unsere Wanderung, jetzt im Mai, war ebenso beeindruckend wie mit der bombastische Aussicht im Herbst. Man* konnte nämlich gar nichts sehen. Die Wolken hingen so tief, dass wir mitten drin waren und man wirklich nicht viel, außer der Hand vor Augen und dem schmalen Pfad, umrahmt von steilem Abhang und steilem Aufgang sehen konnten. Ich glaube ich bin noch nie in so dichtem Nebel gewesen. „Im Lande Mordor wo die Schatten drohn“ und „Du musst ihn ins Feuer werfen, Frodo“, waren die Satzfetzen, die sich zwischen den vier Weggefährten am häufigsten durch die Nebelwand schlängelten. Oben angekommen war eigentlich alles wie immer, Besucher am Rand der Plattform, Gesichter und Fotoapparate bewundernd hinüber gerichtet, nur war da beim letzten Mal wunderschönes Bergpanorama und diesmal irgendwie Nichts.

Bei der Arbeit habe ich mich intensiv mit den 16 Bundesländern Deutschlands befasst. Eine kleine Gruppe 6. Klässer*innen musste auf das „Geländespiel“ mit Deutschland-Quiz vorbereitet werden. Wie wir so fleißig Bundesländer ausmalten und zusammenpuzzleten, habe ich ihnen erlaubt mit dem Handy Musik anzumachen, solange es Deutsche ist und meine kleine Gruppe entpuppte sich als „Lochis“-Fans!

Irgendwann nutze ich eine der zahlreichen Leerlaufstunden – was macht man* nochmal mit einem*r kulturweit-Praktikanten*in?– für einen Gang zum Schuster um die Ecke. Die wunderschönen, guten Leder-Halbstiefel, von denen ich vor meiner Abreise dachte sie wären eine gute, langfristige Investition, zeigten mir nämlich nach Herbst, Winter und Frühling mit fast täglichem Gebrauch einen Vogel. Sie bekamen schöne neue Sohlen und neue Farbe verpasst, jetzt  sind sie wieder so wunderschön wie vorher.

Eine Betrachtung: würde in Deutschland der Arbeitsaufwand des einzelnen Arbeiters*in so hoch entlohnt, dass es billiger wäre neue, mechanisch gefertigte Schuhe zu kaufen? Der Schuster bei mir um die Ecke hat einen ziemlich intensiven Arbeitsalltag so weit ich das erkennen kann, längere Arbeitszeiten, mit mehr Aufgaben als ich. Ich werde sogar noch für den Leerlauf, in dem ich es mir leisten kann zum Schuster zu spazieren, sehr gut bezahlt.

Mit diesen Gedanken spazierte ich in meinen schönen Schuhen zum nächsten Reparaturmeister. Jenen, muss ich hiermit zum Supermann ernennen! Erstens sieht er aus wie einer, entweder er verbringt seine Freizeit mit Pumpen oder er ist Nebenberuflich Schmied oder so was. Zweitens kann er einfach alles. Ich bringe ihm meine Jacke ohne Reißverschluss, oder den Geldbeutel, der seinen minikleinen  Reßverschlussschieber verloren hat und meine Münzen nicht mehr freigibt. Und er runzelt erst ein bisschen die Stirn und ärgert sich was ich da für eine Fusselarbeit bringe. Aber plötzlich passt eine der Millionen kleinen Zangen und dann noch ein bisschen Öl drauf und mit dem Feuerzeug die abstehenden Fäden angesengt und ein bisschen Sekundenkleber und dann macht er mir die reparierte Funktion ein, zweimal vor.

Ich so „raa magariaa?!“ – wie cool! Er so: „aba kargi“ – jetzt isses okay. Und dann zahle ich wieder so zwei fünfzig.

 

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