19 – ainebi mainebi

ainebi, mainebi, chiqebi da sainebi

nemsebi, machatebi, papierosis qagaldebi,

narma da mitkali, ra ginda? mitkhari!

ainebi, mainebi, Tassen und Teller

Nadeln und große Nadeln, Zigarrettenpapier,

weißer Stoff und anderer Stoff, was willst du? Sag mal!

 

Ich fühle mich in diesen sonnigen Vorfrühlingstagen hier so angekommen wie in sieben Monaten noch nicht. Ich will noch viel mehr in das Leben hier reinkommen, noch sehr viel mehr Georgisch lernen und Liedtexte im Radio verstehen und Tanzen lernen und mit Leuten reden und einfach ganz lässig und normal in meinem Alltag durch die abgenutzten Wohnzeilen in unserem Stadtteil gehen und nicht die Touri-Avenue und auf dem Klo in der Divebar nach einem verschwörerisch genervten Augen verdrehen zu den Norwegern von der Georgierin gefragt werden, „Du bist auch von hier gell? Oh die Touris!“

Ein bisschen was tut auch die Frühlingssonnen, die uns alle aus der Winterdepression holt. Das erste Balkonpicknick mit Erdbeeren, über Nacht blühende Bäume. Die erste Biene krabbelt an meiner Fensterscheibe.

Mein Bericht heute ist nicht ganz chronologisch, aber ich muss einfach ein bisschen was aufholen. Seit Anfang Februar, dem unglaublich coolen Auftritt der Georgischen Jazz Sängerin Nino Katamadze an meiner fancigen Privatschule, hat sich meine Playlist ordentlich angereichert. Klingt ein bisschen wie Adele, aber nur ein bisschen, sehr zu empfehlen! https://www.youtube.com/watch?v=SNDRa7vnMB8 und zum Lernen des Kinderreims eignet sich das hier sehr gut https://www.youtube.com/watch?v=flX79Kna8ns , macht gute Frühlingslaune!

Für meine Kinder wurde die Frühlingslaune ein bisschen getrübt, durch die gefürchteten DSD- Deutsches Sprachdiplom-Prüfungen, die gerade über uns kommen. Mit den Kleinen übe ich deutsche Kinderbuchtexte für einen Vorlesewettbewerb. Einer über eine Hexe und einen kleinen Hund und einer über einen Jungen und eine Katze, deshalb lassen wir uns von einem plüschigen Hündchen und einer flauschigen Katze aus dem Kindergartenzimmer Gesellschaft leisten.

Irgendwie hatte mich meine georgische Freundin zu einem Salsatanzkurs zweinmal die Woche überredet. Eigendlich kann ich Latin nicht ausstehen aber es ist doch zimlich lustig. „Bruni, bruni, bruni“ heißt zum Beispiel „Drehung“ und vielleicht kann ich mir auch bald endlich das georgische Rechts und Links merken! Am Anfang musste man sich in eine Namensliste eintragen, alle Anderen haben das in georgischen Buchstaben getan, also hab ich versucht mein fettes Grinsen zu verstecken und es genauso gemacht. Ich glaube der eine Lehrer hats nicht so genau gelesen und denkt jetzt ich bin Georgierin…

Ganz unten in einem Schrank in meiner Schule, lieblos und Kisten und Ramsch, fand sich eine arme verletzte Gitarre, die sofort adoptiert, behandelt und auf unser bequemes Küchensofa umgesiedelt wurde.

Die letzten Tage unserer lieben WGFreundin, die leider nur ein halbes Jahr bei uns blieb, fielen in die noch kalt-traurigen letzten Februarwochen. Nach unsrer letzten gemeinsamen Sprachkursstunde wärmten wir uns im „Sonnigen Park – Cafe“ auf, wo wir unsere liebste Georgischlehrerin hin ausführten.

Es gab eine Abschiedsfeier in unserer wunderbaren Küche mit den Wimpelketten, Fotos am Kühlschrank und einem Sofa, auf dem man* sich so gut fläzen kann und quatschen und Gitarrespielen. Dann haben wir noch schnell dafür gesorgt, dass unser Geburtstagskind nicht ohne Pfannkuchenfrühstück zur Arbeit gehen muss und ein letztes Mal Kekse und Kuchen aus seinem* Lieblingskeksladen bekommt!

Wir konnten das Alleinsein schon mal üben, weil ihr Familienbesuch sie vor der Abreise ins Skigebiet Gudauri entführte. Ganz komisch, wenn plötzlich ein Fach im Kühlschrank leer bleibt oder niemand zu unmenschlichen Stunden schon rotwangig vergnügt vom Fitnesstudio kommt! Wir trösten uns mit einem Besuch im Moma, eine richtig gute Fotoausstellung „we are ten years“, mit Fotos, die seit ein bisschen mehr als 10 Jahren, von verschiedenen Künstler*innen in ehemaligen Sowjetstaaten aufgenommen wurden.

Dann war unsere Bude wieder voll, auch mit so viele Leute, die unsere Stadt zum ersten Mal sahen, dass die Zeit ganz schnell vergeht und wir plötzlich zu dritt, so wie immer im nächtlichen Taxi saßen aber mit nur einer Partie Koffern. Für die volle Portion Melancholie muss der Taxifahrer natürlich an den schönsten Sehenswürdigkeiten vorbei fahren und die Stadt so schön leuchten.

Dann gab es auch schon einen neuen Einzug und einen Ausflug zum Mtatsminda Berg mit dem in der Wintersaison stillen Freizeitpark. Ein Hoch auf die liebe Lehrerin, die uns führte und vorher zum königlichen Frühstück einlud.  Bei der Wanderung selbst hatte ich abwechselnd das Gefühl an fehlender Kondition und steilen Trampelpfaden sterben zu müssen oder an der umwerfenden Aussicht und der südlich, nach Sommerferien aussehenden Umgebung, in der schon ziemlich kräftigen Februarsonne.

Dann waren wir wieder von meinen Lehrern eingeladen, zur Premiere eines Films im kleinen Amirani Kino. „Life is be“, für mich, ein Film, der dir mal wieder zeigt wie klein und leicht deine Überzeugungen von richtig, wahr und falsch sind und einfach so davongeweht werden. Naja aber trotzdem lebt man* nach diesen Überzeugungen und Spielregeln, ob sie wahr sind oder nicht, komisch oder?

In das letzte trübe Winterloch fiel auch unsere Halbzeit. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben 6 Monate kulturweit-Freiwilligendienst überlebt! Zu viele Spaghetti und Soße aus dem Glas Mahlzeiten, noch keine Walnussvergiftung oder unüberlegte Handlungen gegen die Spezie des gemeinen 4.Klässers verübt!

Aufschwung brachten uns Karten für Schwanensee. Unglaublich, wie man so schön fein tanzen kann, dass es aussieht wie flatternde Flügel und echte Vögel.

Und weiter gings, der Restaurantbesuch mit den Kolleg*innen. Ich zieh mir halt mal meine Lieblingsmomjeans an und ein bisschen schickeres Shirt, fahre ein Stück mit der Metro und irre dann eine Weile am Flussufer entlang, bis plötzlich vor mir ein Palast von einer Villa steht. Hätte mich nicht eine, eben ankommende Lehrerin eingesackt, ich weiß nicht ob mich der Butler in elegant auf modern gemachter Chokha hineingelassen hätte. Eine riesen Eingangshalle mit Treppenaufgang wie in „Die Schöne und das Biest“, Kellner mit weißen Handschuhe, … in dieser Kategorie bewegen wir uns.

Nun ja, irgendwann kam das Essen und damit natürlich auch der Wein. Das hat dem Ganzen ziemlich schnell den befangenen Glamour genommen. Zuerst stand nur traditionelles tonnis puri – Steinofenbrot auf dem Tisch, ein paar Soßen und der typische Gurken-Tomaten-Walnuss-Salat. Dann kamen immer mehr Vorspeisen kreisförmig drumherum. Salate mit viel Mayonese, wie italienische Antipasti angemachte Paprika und Auberginen, … Chratschapuri – Käsepizza, Lobiani – Bohnenbrot, Maisbrötchen, Käse, Lachspastete, … . Dann die Hauptspeisen, einfach obendrauf gestapelt, Schaschlickspieße, verschiedenes Fleisch, als Eintopf oder in Stücke gebraten, Kartoffeln, noch mehr Brot, Pilze, Bohnen, Gemüseeintopf und vieles mehr. Die älteren Lehrerinnen um mich herum kichern und lästern aufs heftigste über die eifrige Selfie-Macherei der Jüngeren Zwischendurch immer wieder Wein und Toasts, unsere gestrenge Tamada – Tischführerin, trug sogar mir auf einen zu sprechen! Natürlich wurde ich wieder mit vielen „sachvarelli“ – „süß“ bedacht.  Außerdem kam mit jedem Schwung Speisen, eine anderer kultureller Schmauß, traditionelle Georgische Sänger, Tänzer, die mich faszinierten und die ich langsam einer Region des Landes zuordnen kann. Dann immer wieder auch Interpreten mit dem was man hier so im Radio hört und schon nach dem ersten Gläsern Wein rutscht meine Mentorin auf ihrem Stuhl herum: „Carla, los, wir müssen tanzen!“ Nun ja und dann ging es wirklich los, die ganzen älteren Damen haben die Tanzfläche gestürmt, ich war schwer beeindruckt und es gab immer mehr und mehr Wein…

Zwischendurch, bei der traditionellen Musik, haben sich alle wieder gesetzt und nur der*ie Tanzlehrer*innen und meine Freundin Kete sind nach vorne geschwebt um mit trippelnden Schritten und weiten, kraftvollen Armschwüngen die alten Tänze zu tanzen.

Der von sich überzeugte junge Sportlehrer unserer Schule darf mich auf die Tanzfläche ziehen, der fremde Typ, der das wagt wird von den älteren Lehrerinnen missbillig, scharf beobachtet und allein nach Hause fahren darf ich auch nicht.

Kete steckt mich mit ins Auto ihres Bruders, auf die Rückbank, mit 4 anderen der jüngeren Lehrerinnen und einer Schoko-Sahnetorte, die ich unbedingt mit nach Hause nehmen soll.

 

 

 

 

 

 

 

0 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.