15 – Granatapfeljolly – Dezember, Januar in Tbilissi 1

Letzte Woche war der Weihnachtsmann auf unserem Flur!

Dann ist er in die Nachbarwohnung mit den vielen Kindern, Geschenken, georgischen Omas, Papas, Tanten und Cousins verschwunden und hat unsere extra lange Weihnachtszeit mitgenommen…

Wir beginnen sehr deutsch am 1. Dezember. Meine Schulkinder mit unseren selbstgemachten Adventskalendern, aber auch wir Praktikanti mit 24 kleinen Päckchen, die wir ausgetauscht hatten. Am Freedom-Square bekommt die Georgsstatue einen Weihnachtsrock aus Lichterketten angezogen, in der Budapeshti-Street, bei unserer Wohnung, hängen schon seit unserer Rückkehr aus Saguramo Leucht-Girlanden mit Vögeln und Eiszapfen. Die Rustaveli-Avenue bekommt goldene Schleifen umgebunden. Aber noch ist die Beleuchtung nicht eingeschaltet. Ich gehe jeden Tag nachgucken.

Am ersten Adventssonntag mache ich gegen Mittag einen Spaziergang in die Innenstadt und spähe in die Kirchen, die wir auf einer Stadtführung besichtigt haben. Als gut katholisch erzogenes, bayrisches Madel, verlangt es mich einen echten Adventskranz zu sehen, fürs Weihnachtsfeeling. Ich stolpere in einen laufenden Gottesdienst – ich liebe diesen Umgang mit den Tageszeiten, in Deutschland wäre der längst vorbei – und mache eine ziemlich ergreifende Entdeckung:

Ich kann zwar die Sprache nicht verstehen aber, logisch, der Ablauf eines jeden katholischen Gottesdienstes ist auf der ganzen Welt gleich.  Einmal erkannt, an welchem Punkt wir uns gerade befinden, weiß ich genau: Okay jetzt sprechen sie das Vaterunser, Aha jetzt kommt das Credo, Glaubensbekenntnis, die Wandlung. Ich dachte wirklich nicht, dass ich hier von mir aus einen Gottesdienst besuchen wollen würde,aber ich fand es unglaublich schön und habe mich ein bisschen nach Zuhause gefühlt.

Dieses „Fremd-sein“, was ja das Spannende am Auslandsjahr ist und was ich auch sehr genieße, ist trotzdem ermüdend. Man* versteht nicht, worüber die Lehrerinnen im Lehrerzimmer gerade reden oder lachen. Meistens habe ich überhaupt keinen Plan, was ich tun soll oder was von mir erwartet wird. Das ist auch witzig und wenn ich dann mal in der Metro auf Georgisch nach dem Weg gefragt werde, bin ich stolz wie Bolle.

Nichtsdestotrotz saß ich in diesem Gottesdienst und war glücklich mich so zu fühlen, als würde ich dazu gehören, irgendwie verbunden mit den Georgier*innen um mich herum und dabei gleichzeitig so wie ich, die Deutsche. Ein bisschen nach Zuhause, nur anders. Beim Friedensgruß habe ich Hände geschüttelt und auf den georgischen Ausspruch mit „Der Friede sei mit dir“ geantwortet und jede*r hat mich verstanden. Verrückt!

 

Zum besten Fest überhaupt, am 6. Dezember, spielen mir ein paar 11. und 9. Klässer*innen den Nikolaus.

Der Nikolausabend davor war auch nicht übel, wir haben im Lolita auf meinen Geburtstag gewartet und um 12 hab ich jede Menge Geschenke bekommen! Ich bin immer noch total überrascht! Unter anderem ein kleiner, grüner Kaktus. Hört auf den Namen Ka´chri. Ein Espressokocherchen – hinweg mit dem furchtbaren angerührten Pulverzeugs! Außerdem Kerzen auf einer Walnuss-Schoko-Schnecke. Noch ganz viel mehr. Dann kamen wir nach Hause, ich schließe die Tür auf und überall sind Luftballons, Girlanden und Partyhütchen! Nochmal abertausend Dank, ich bin fast rückwärts aus den Pantinen gekippt. Es wurde noch eine lange Nacht denn ich fiel in ein Zeitloch, als meinem schon längst 19jährigen Ich, um 03:00 von alle deutschen Freund*innen und Verwandten aus der Vergangenheit gratuliert wurde.

Am 6. morgens in der Schule werde ich von allen gedrückt und geherzt, es gibt noch mehr Luftballons und wunderschöne Ohrringe von meiner Mentorin. Ich verteile nach allen Seiten echte Lebkuchen, die haben mich  hier im Supermarkt überrascht. Gönne mir ein feines Mittagessen, nur die weitere Tagesplanung fällt leider flach weil uns eine Demonstration im sonst so friedlichen Zentrum nervös macht. Der ehemalige Präsident Georgiens Saakashvili, sorgt gerade da für Unruhe in Kiew.

Adventskalendervorbereitungen werden vom Arbeiten für den Weihnachtsbasar abgelöst, ich darf die junge und sehr liebe Kunstlehrerin in ihren Unterricht begleiten. Bin sehr erleichtert, dass Lautstärkepegel und Folgsamkeit der Schüler*innen nicht unbedingt etwas mit fehlenden Kompetenzen meinerseits zu tun haben müssen…

Außerdem verarbeite ich endlich die Zweige, die mir der Hausmeister freundlicherweise für Kränze zurechtgeschnitten hat. Klasse 5 ist zuerst zappelig wie immer, es macht auch nicht so viel Spaß weil ich vieles selbst machen muss. Aber plötzlich ist er fertig, die Kinder drängen sich alle um mein Pult herum. Die Weihnachtsdeko, die sie kennen ist eher bunt, laut und aus Plastik. Sie sind gespannt. Ich lasse eines die 1. Kerze anzünden und mit einem Mal sind sie ganz still. Ich summe spontanen ein Weihnachtslied, das sie kennen. Und auf einmal, wie die Wanzen – Zauber der deutschen Weihnachtsbesinnlichkeit – gebannt hängen sie mir an den Lippen.

Noch am Freitag der 1. Dezemberwoche löst sich endlich das Mysterium um das Adventspaket meiner Mama. Da der Wert in den zollpflichtigen Bereich fällt, wartet das Ding schon seid Ende November im Postamt, seine Korrespondenzversuche auf Georgisch habe ich wohl missverstanden! Aber jetzt habe ich alles was man braucht. Wachskerzen um einen Adventskranz zu improvisieren. Ein echter, wunderschöner Papier-Türchenkalender. Deko von Zuhause, Süßkram und Geburtstagsgeschenke!

Meiner ewige Erkältung durch die, ungewohnt wenig beheizten, Räume, halte ich tapfer einen täglichen Granatapfel entgegen. Die Dinger morgens im Spülbecken auseinander zu nehmen war meine morgendliche Weihnachtsmeditation…

 

 

 

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