12 – ein bisschen was über die letzten zwei Monate

ვაიმე (Vaime) !

der letzte Eintrag ist von Ende Oktober! Was ich kürzlich so getrieben habe:

„Kalbatono Shorena“ (Anrede für Frau und dann der Vorname; ich bin also Frau Carla) im Deutschunterricht mit den Vorschulkindern geholfen. Wir haben zum Beispiel, als typische Herbstbeschäftigung deutscher Kinder, Papierdrachen gebastelt oder mit Händen und Füßen erklärt was ein Halloweenkürbis oder eine Martinslaterne ist…

Den großen Tbilisi Flohmarkt an der Dry Bridge besichtigt, praktisch die Mottenkiste der Stadt aus Sowjetzeiten.

Mit der 8. Klasse eine Art Bauernhof-Tabu erfunden, also Bauernhofvokabeln malen/pantomimisch nachahmen/umschreiben und erraten.

Eine Radiopause mit deutscher Musik eingeführt, irgendwann sind die Unterstüfler*innen und ich zum Musikvideo „Sommerregen“ von Joris, in der Aula wild rumgehüpft.

Zu Halloween hab ich einen Riesen-Kürbis vom Gemüsehändler nach Hause geschleppt, wir hatten eine spontane Kürbisschnitzparty und tauften ihn Torrrnike.

Kinder dazu angehalten die Präsentation für ihre Prüfung zum Deutschdiplom doch bitte frei vor zu tragen und nicht auswendig zu lernen, auch wenn ich das bei meiner ersten mündlichen Englischprüfung genauso gemacht habe.

Erfahren, dass ein „Lesefuchs“ überhaupt nichts Niedliches ist, sondern eine sehr ernste Angelegenheit der 10. und 11. Klässer*innen, die aktuelle Romane zu politischen Themen lesen und diskutieren sollen. Eigentlich etwas, das mir in meinem Deutschunterricht ziemlich viel Spaß gemacht hat, da sollte ich mich vielleicht einklinken!

Ständig Leute auf meinem Schlafsofa beherbergt. Zum Beispiel Hanja aus Batumi, die kurzzeitig beim Hitchhiken verschwand und uns mal ordentlich demonstriert hat, wie man ein abenteuerreiches FSJ hinlegt!

Meiner Oma über Facetime zum 75. gratuliert und bin zur Belohnung über die Schwarzwälder Kirschtorte  geschwenkt worden.

Mit meiner liebsten Englischstudentin/Kollegin einen Salsa Abend besucht, wo wir mit einem internationalen Haufen Tänzer die Hüften geschwungen haben, aber wir zwei haben’s einfach am besten drauf!

Am Sonntag 5. November, fuhren wir fort unser neues Land zu erkunden, diesmal ging’s nach Mzcheta, eine knappe Dreiviertelstunde mit der Marschrutka von Tbilissi aus nach Norden:

 

Kaum sind wir zurück, ich frisch geduscht und fertig mich mit Laptop aufs Bett zu fläzen, krieg ich die Nachricht: ‚Hey, eine musikbegeisterte Lehrerin empfiehlt mir heut Abend ein Konzert mit Zeug von Gustav Mahler, im Kulturhaus. Willst du mit?“ Also schnell wieder raus aus der Jogginghose und rein in eine dezent knittrige Bluse, aber wer bügelt bitte im FSJ? Unser Bügelbrett ist unsere Flurgarderobe!

 

Dann kam die Woche, als alle Schüler*innenmärchen (von dem Wettbewerb hatte ich in einem früheren Eintrag geschrieben, die Ergebnisse kann man nächstes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse bestaunen!) von der qualifizierten Jury bewertet worden waren und ich mich mehrere Arbeitstage lang, im kinderfreien Lehrer*innenzimmer, mit einem Kaffee vor einen Computer verziehen konnte und diese editieren durfte. Zum einen, hat mir diese Arbeit unglaublich Spaß gemacht. Die Geschichten waren so fantasievoll und ein schöner Einblick in die Köpfe der Schüler*innen. Ich habe versucht ihrem Faden zu folgen, herauszufinden, was sie wohl ausdrücken wollten und es mit möglichst wenigen Veränderungen ihrer bildhaften Sprache, zu formulieren. Zum anderen habe ich richtig gemerkt, wie erholsam die Stunden nach den Tagen voller Interagieren, Vor-der-Klasse-Stehen und Motivieren waren. Es war so entspannt, sich mal nicht als „Die Deutsche“ präsentieren zu müssen, sondern einfach unsichtbar zu bleiben. Es stimmt schon, wenn unsere Mentor*innen sagen wir sind „Deutschunterricht in reallife“ für die Schüler*innen und werden auch von Lehrer*innen und Eltern als „die* Deutsche“ gemustert und wahrgenommen.

Ein wunderbares Abendessen von einer georgischen Mama genossen.

Dann wurden wir Freiwilligen von einer Schulklasse zu einer Stadtführung eingeladen, nun kann ich Euch das Haus zeigen, wo Stalins Hausarzt lebte und man heute bei seinen gastfreundlichen Nachfahren wohl immer eine offene Tür und ein Tässchen Tee vorfindet. Die Schüler*innen waren sehr süß, sie wollten ganz viele Fotos mit mir machen und meine, auf Facebook so faule Wenigkeit, erfreut sich jetzt über jede Menge Schülerfreundschaftsanfragen :3

So, damit war auch schon die erste Etappe meines Freiwilligendienstes verstrichen und wir standen, ich mit meinem fancy pinken Backpack, zusammen mit den anderen Kulturweitleuten aus Armenien und Aserbaidschan, die wir mehr oder weniger vom Vorbereitungsseminar Anfang September in Berlin kannten,  am Taxi- und Marschrutkabahnhof Didube. Von dort sollten wir zum Zwischenseminar abgeholt werden. Vom 13. bis 17. November in Saguramo:

einem kleinen Dorf, eine knappe Dreiviertelstunde nördlich von Tbilissi, mit einigen Ferienresidenzen der Städter*innen.

Es ging los im klapprigen Minibus unseres lässigen georgischen Gastgebers, zu diversen American Highschoolfilm-Playlists, bis in einen Schlafsaal mit Bett und Stuhl daneben für jeden. Schullandheimfeeling!

Das Gebäude war wirklich schön, sehr hell, mit großem Grundstück und vielen Tieren, es soll zu einer Waldorfschule umfunktioniert werden. Wir wurden von einem fluffigen Hundewelpen und einem äußerst liebenswerten kleinen Mädchen ganz herzlich empfangen. Es gab Zeit ein bisschen runterzukommen, sich in einen strukturierten Alltag ohne Haushaltspflichten oder Arbeit fallen zu lassen. Über die vergangene Zeit zu reflektieren, Erwartungen und Eingetroffenes zu diskutieren und unseren Arbeitsalltag, aber auch unsere Länder, mit den anderen zu vergleichen. Verglichen zum Vorbereitungsseminar gab es auch sehr viel Freizeit für Spaziergänge und ein iranisches Kartenspiel und einen fulminanten bunten Abend.

Fortsetzung folgt! Gruß und Kuss aus einem winterlichen Tbilissi

Carla

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