9 – Abendessen auf Mengrelisch

„Wir machen ne Supra, T. ist der Tamada“

Diese lässige Whatsapp-Nachricht meiner Mitfreiwilligen versetzte mich am Mittwoch meiner zweiten Oktoberwoche in aufgeregte Hochstimmung. Eine Supra, berühmt-berüchtigtes Gastmahl, bei dem sich die Tische biegen vor übervoller Schüsseln, laute wirbelnde Musik und Tänze, die Gastfreundschaft in Person, angeführt von „Tamada“ der*ie Tischvorsitzende*r, nach allen Regeln der Kunst die traditionelle Trinkkultur zelebrierend.

Ein paar Fakten aus dem Reiseführer, ein paar aufgeschnappte Gesprächsfetzen und meine blühende Phantasie setzten mich gewaltig unter Druck! Was für ein Gastgeschenk soll ich mitbringen, was soll ich anziehen, wie muss ich mich da benehmen, was erwartet man von mir?? Ich besprach mich vormittags mit einer jungen Englischstudentin was als Mitbringsel gut ankommen würde.

Als ich um drei endlich aus der Schule entlassen war, bewaffnete ich mich beim Obsthändler gegenüber mit einer großen Tüte Weintrauben zuzüglich einer dicken Tafel Schweizer Schokolade, einfach weil das die einzige Süßigkeit war, die die Verkäuferin des winzigen Tante-Emma-Ladens vom hohen Schrank herunter bekam.

Der Weg zur Wohnung der Gastfamilie meiner kulturweit-Freundin verlief abenteuerlich. Ich kämpfte, heldenhaft meine Mitbringsel verteidigend, gegen fette Laster und halsbrecherische Taxis, in engen Kreiseln mit verschwindenden Gehwegen.

Aus dem riesigen Wohnblock aus Sowjet-Zeiten winkte mir die Gastschwester schon wie wild entgegen. Sie ist unglaublich witzig, sehr süß und ich hab sie schrecklich gerne! Drinnen wurde ich erst mal der Gastmutter vorgestellt und konnte meine Geschenke abgeben, es würde noch eine Weile dauern, bis das Abendessen fertig war, wir sollten uns noch ein bisschen beschäftige. Ich stellte mich nicht besonders geschickt an, als Bayerin unserer kleinen Gruppe Schafkopf bei zubringen, also spielten wir lieber Backgammon und ein bisschen Uno, ich fühlte mich wieder fast wie auf dem Vorbereitungsseminar in Berlin.

Irgendwann halfen wir den Tisch zu decken und das war wirklich wieder fast wie Zuhause. Dann setzten sich alle hin. Es gab als Beilage eine Art Maisbrei, weil das nicht so schnell dick macht wie das bekanntere Weißbrot, erklärte mir die Gastmutter, und Hühnchen in wunderbar würziger Walnusssoße. Dazu selbst gemachten Wein vom Opa, der eher wie Traubensaft, als Durstlöscher zum Essen war. Die Schwester sagte manchmal ein paar Worte, bevor wir anstießen, zum Beispiel bedankten wir uns bei Mama fürs Kochen aber das passierte eher unauffällig und als wir Deutschen protestierten wir hätten gedacht da müsse man länger reden und so eine Reihenfolge einhalten, winkte sie lachend ab. Meinte: Ach nee, sowas können nur solche georgischen Männer, die das als Beruf machen, die laden manche ein, wenn sie eine große Feier machen. Normalerweise gibts sowas nicht.

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