14. Tag

Es ist Donnerstag der 14. September, 14 Uhr 20 georgischer Zeit und mein kulturweit-Auslandsjahr dauert nun schon 14 Tage.

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie ich meinen Blog führen möchte. Geplant hatte ich zuerst, jede Woche das Wichtigste zusammenzufassen dann, eher jeden Tag etwas Kürzeres zu schreiben und wie eine Art Tagebuch zu führen. Tatsächlich hat mich die Menge an Eindrücken, sowohl während den 10 Tagen Vorbereitungsseminar in Berlin als auch der ersten 3 Tage hier, etwas umgehauen und ich fand alles viel zu spannend um genug Ruhe zu haben mich mit Layout und Handhabung meines Blogs zu beschäftigen.

Jetzt sitze ich in unserem vorläufigen Apartment auf meinem Bett um das ich mich vorläufig eingerichtet habe, indem ich das Zeug aus meinem riesen Koffer und Backpack um das Bett verteilte. Das ist fürs erste genug Ruhe um sich zu sortieren auch wenn mir gerade auf der Welt nichts Schöneres als ein Schrank und viele ordentliche Schubladen in einem eigenen Zimmer einfällt.

Was gibt es zum Vorbereitungsseminar zusagen: es war ein riesiges Gelände, der Europäischen Jugendbegenungs- und Erholungsstätte am Werbellin-See, ca 90 Autominuten von Berlin entfernt. Mit mehreren Jugendherbergen (ich war in Haus 17!) und zwei Seminarhotels plus Freizeithaus, Wellnesshaus (aber nur für Hotelgäste) 2 Küchen und Speisesääle, eine Jurte… . Auf einem riesigen, waldähnlichen Park verteilt, der auf einer Seite an einem sehr malerischen aber auch sehr kalten Postkartensee endet. Ziemlich kalt war leider auch das Wetter, was ich aus Aschaffenburg gar nicht mehr gewöhnt war und dementsprechend wenig Pullis und jetzt eine Schnupfennase dabeihabe.

Insgesamt waren wir ungefähr 330 Leute zwischen 18 und Mitte Zwanzig, die alle für 6 oder 12 Monate mit kulturweit in Länder des Globalen Südens ausreisen werden. Was kulturweit ist, können die PR-Leute Euch selbst am besten erklären: https://www.kulturweit.de/.

Dadurch, dass sich kaum jemand kannte, waren Alle mega aufgeschlossen und man wurde oder konnte ständig und überall jemanden anquatschen. Bei den Mahleiten und verschiedenen Workshops, die zahlreich zur Wahl standen wurden wir ordentlich durchgemischt, hatten aber auch immer wieder Treffen in Kleingruppen – genannt Homezones (es gibt ein eigenens kulturweit-Vokabular!). In meiner Homezone waren wir 9 Freiwillige, die nach Armenien und wie ich nach Georgien ausgereist sind. Die Leitung der Homezones und Workshops übernahmen Trainer*innen. Wir hatten zimlich großes Glück mit Nichole so eine taffe, kompetente und unglaubliche tolle Trainerinn zu haben!

In Workshops und Homezones ließen uns die Trainer_innen und einige Ehemalige mit harten Fakten, manchmal auch ziemlich provokant aber immer unglaublich spannend, gegen unsere eigenen, engen Horizont rennen. Die Themen führten uns von Vorurteilen, Diskriminierung und Intersektionalität über Rassismus und Sexismus bis zu unserer persönlichen Rolle als Freiwillige. Außerdem gab es einen Ausflug nach Berlin mit Empfang durch das Auswärtige Amt in der Barenboim-Said Akademie und anschließend Stadtführungen von Berlinern, die über ihre persönliche Stadt gesprochen haben. Meine Gruppe stolperte durch Neukölln, unter der Führung eines syrischen Flüchtlings.

An den anschließenden Partner*innen Tagen trafen wir auf die Träger*innen, in deren Auslandsstellen kulturweit uns ensendet. Für mich waren das: der Pädagogische Austauschdienst und die Zentralstelle für das deutsche Auslandsschulwesen.

Während des folgenden Projekttages stolperten wir gewissermaßen über die DDR-Vergangenheit unserer Bleibe (ehemaliges Pionierlager), wir entdeckten ein riesiges Openair-Theater mit treppenförmig abfallenden Bänken, zurückerobert von schlanken Waldbäumen. (funfact: einmal darauf aufmerksam, entdeckten wir Treppen zu halbverfallenen Toilettenhäusschen mit orangenen WCs und hölzernen Papierhaltern!)

Den Abschluss bildete am Samstag eine offenen Diskussionsrunde mit der taz-Zeitung zu deren Serie „taz meinland“ über die Frage „Was ist deutsch?“ und der Abschlussparty mit offener Bühne und Tanzen und Musik und Berliner Pils. Alles in Allem kann ich sagen, dass ich von den Organisatoren*innen meines Freiwilligendienstes ziemlich beeindruckt bin, das Seminar war so ein detailverliebtes, energiegeladenes, rundes Gesamtpaket, wie ich es noch nie erlebt habe. Natürlich gab es einzelne Probleme dieses ideele Wunder praktisch in die Organisation eines Seminaralltags von ca 330(!) Menschen zu verwandeln, worüber wir uns natürlich auch gerne lautstark beschwerten aber ich muss sagen, ich bin schwer beeindruckt!

Dann gings auch schon ans Verabschieden, was sehr seltsam war: „Tschüss, bis in einem Jahr!“. Und für ein letztes Mal im eigenen Bett schlafen und Kartoffelknödel-essen nach Hause.

Natürlich musste in aller Eile der Koffer nochmal komplett umgepackt werden und das Wichtigste habe ich bestimmt eh vergessen! Dann ging es am Nachmittag los zum Bahnhof, wo die vertraute Vergangenheit einmal mehr sehr surreal mit der immernoch so unwirkliche Zukunft kollidierte, auf dem Bahnsteig stand eine ehemalige Klassenkameradin!

 

Die Zugfahrt nach München war ruckzuck vorbei, kaum Zeit um die Dinge kurz revue passieren zulassen, in München holte mich zum Glück meine lieblings- minganer Patentante vom Bahnhof ab und brachte mich bis zur Sicherheitsschleuse am Flughafen, nicht ohne vorher mit mir die Semmeln auszupacken und Brotzeit zu halten!

Sicherheitscheck und Passkontrolle gingen ziemlich schnell, ich suchte mir schonmal meinen Weg durch menschenleere Gänge und Rollwege bis zu meinem entlegenen Gate, während hinter den riesigen Fenstern neben mir die Sonnen unterging und man einen wunderschönen, filmreifen Blick auf die glitzernde Stadt hatte. Da mir bis zum Boarding noch ein bisschen Zeit blieb, ließ ich mich von dieser beruhigenden Stimmung zurück bis zu einem Cafe tragen, wo ich wie in ein Zeitloch fiel, die Spanne dort erscheint mir im Vergleich zur Zugfahrt ewig. Der Kaffee hatte erstklassigen Milchschaum und es liefen kitschige Abschiedslieder wie Whitney Houston „I will always love you“ (das kommt in dem Bodyguard Film bevor sie ins Flugzeug steigt…)

Nichtsdestotrotz, es war überhaupt nicht traurig, irgendwie einlullend und sehr beruhigend, so bin ich dann zum Gate gegangen, habe auch gleich meine zwei WG-Mitbewohnerinnen gefunden und wir vertrieben uns die restliche Zeit damit, begeistert Gespräche auf Georgisch zu belauschen, von denen wir überhaupt nichts verstanden.

Im Flugzeug haben wir uns einen Steward angelacht, der uns später so coole Geschenkebeutel aus der 1. Klasse in einem Kissenbezug schmuggelte! Die Wollsocken waren wunderbar bequem und die Schlafbrille setzte ich heute nacht wieder auf! Der Flug wurde zwischendurch so holprig, dass es die Crew mitsammt unseres Dinners durch das Flugzeug wirbelte. Wir landeten gut, aber mit einiger Verspätung, trozdem erwartete uns unsere Vermieterin Tamta.

Jetzt bin ich noch immer nicht beim „Heute“ angelangt, aber wenn ich diesen Eintrag nicht bald veröffentliche stimmt das mit dem 14. September nicht mehr, außerdem bin ich zimlich müde! Von dem, was mich heute so beim Schreiben unterbrochen hat und der noch fehlenden Teile schreibe ich hoffentlich morgen!

Nachvamdis! (=tschüss)

Carla

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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