Schlaglichter des letzten Monats

Viele Feste an einem Tag

Am Morgen des 14. Oktobers stand ich früh auf. Uljana hatte sich dazu bereit erklärt, mit mir heute einen orthodoxen Gottesdienst zu besuchen. Auch ein konkreter Anlass dafür bestand, denn der 14. Oktober markiert im Jahreslauf aller orthodoxen Kirchen Moskauer Patriarchats (das in Saporoshje dominiert) das sogenannte „Schutzfest der allheiligen Gottesgebärerin“.

Religion und Glaube spielten in Saporoshje lange keine Rolle. Da die Stadt größtenteils erst während der Sowjetunion entstand, deren Staatsdoktrin atheistisch war, wurden keine Kirchen gebaut. Die Tempel dieser Zeit waren Fabriken. Anders verhielt es sich in alten Städten (bspw. Lemberg oder Kiew), die von vielen Kirchen und Kathedralen aus der Zarenzeit geprägt waren. Trotz größter Anstrengnungen gelang es dem sowjetischen Regime an diesen Orten niemals, die Gemeinden vollständig auszulöschen.

Mit dem Ende der Sowjetunion erhielt die orthodoxe Religion wieder Einzug in die gesamte slawische Gesellschaftsordnung. Millionen von Menschen ließen sich taufen, die Orthodoxie avancierte zum weltanschaulichen Anker der postkommunistischen Welt, auch in Saporoshje. Die größte Kirche der Stadt, die Heilige-Schutz-Kathedrale, wurde erst vor wenigen Jahren fertiggestellt. Nun stand ich vor dem Bauwerk.

Es herrschte reges Gedränge. Durch Lautsprecher drangen die priesterlichen Gesänge nach draußen auf die Straße. Im Kirchengebäude selbst war es noch voller. Vor allem Frauen (die innerhalb orthodoxer Kirchengebäude Kopftücher tragen müssen) hatten sich um die Ikonostase versammelt und lauschten dem Singsang der bärtigen Priester. Bis auf die Ausdrücke „Herr, errette uns“ oder „Herr, erlöse uns“ verstand ich leider nur wenig. Abwechslungsreicher wurde es, als einer der Priester mit einer großen Kelle Weihwasser über die Köpfe der Gläubigen verteilte. Ein besonders anteilnehmendes Mütterchen bat sogar noch einmal um Nachschlag, den sie direkt bekam: mitten ins Gesicht. Dankbar bekreuzigte und vorbeugte sie sich vor dem Geistlichen. Dieser forderte die Umstehenden als nächstes auf, den Kirchenchor zu unterstützen. Der Gesang als Form des Gebets nimmt einen sehr wichtigen Platz in der orthodoxen Liturgie ein. Auf den Einsatz von Musikinstrumenten wird gänzlich verzichtet, weil diese nicht beten können. Ohne die Worte zu kennen, stimmte ich mit in die Gesänge ein. Es bereitete Freude. Heiter verließen wir die Kathedrale nach ca. 15 Minuten. Am ganzen Gottesdienst teilzuhaben, der etwa drei Stunden gedauert hätte, wäre mir doch zu viel geworden. Nach einem kurzen Abstecher in eine kleine Kapelle neben der großen Kirche (die Stimmung des hier stattfindenden Gottesdienstes war etwas feierlicher und dichter) fuhren wir dann weiter auf die Insel Chortyzja. Denn auch die Feierlichkeiten anlässlich des Tages des Verteidigers der Ukraine wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Auf Chortyzja herrschte Volksfeststimmung. Einige Männer torkelten bereits betrunken durch die Gegend. Besonders in Erinnerung ist mir ein junger Mann geblieben, der laut grölend mit der ukrainischen Nationalflagge durch die Gegend rannte. Die übrigen Gäste verfolgten angetan ukrainische Volksmusik und -tänze. Als mir durch Darsteller in Kosakenkleidung schließlich klargemacht wurde, dass dies heute auch der Tag der ukrainischen Kosaken sei, dachte ich mir nur noch: „Na dann, fröhliches Feiern!“

Seminar in ODESSA

Ende Oktober fand in der wunderschönen Hafenstadt Odessa ein kurzes Seminar zur Vorbereitung auf die anstehenden DSD II – Prüfungen statt. Neben anderen kulturweit-Freiwilligen traf ich auf weitere Deutschlehrerinnen aus der ganzen Ukraine (einschließlich Krim). Wir waren eine ganz nette Truppe, gingen gut essen, besuchten die Oper und beschäftigten uns natürlich auch mit sachbezogenen Themen, die das Deutsche Sprachdiplom betrafen. Eine Überraschung stellte ein kurzes Gespräch mit dem deutschen Botschafter in der Ukraine, Ernst Reichel, dar, der unserem Seminarort, einer Schule mit vertieftem Deutschunterricht, gerade einen Besuch abstattete. Erst seit diesem Jahr ist Reichel in der Ukraine tätig. Er arbeite sich zwar derzeit noch ein, bekannte der Diplomat, allerdings sei ihm schon das beeindruckende Außmaß aufgefallen, in dem sich die Ukraine seit dem Ende der Sowjetunion entwickelt habe. Letzteres erlebte er übrigens als Generalkonsul in St. Petersburg. Dennoch sei natürlich in der Ukraine noch viel zu tun – insbesondere angesichts der derzeitigen im Osten des Landes.

Neben solchen Momenten des Ernstes gestaltete sich der Odessaaufenthalt als Genuss. In dieser Stadt begann während einer Jugendbegegnung im Oktober 2013 meine Liebe für Osteuropa. Odessa ist eine architektonische Perle, zumindest im Zentrum, und bietet ein ganz ausgezeichnetes Nachtleben mit tollem Essen, großartiger Musik und offenen Menschen, die für ihre „odessitische“, d. h. lebensbejahende, gelassene und optmistische Mentalität berühmt sind.

Meine Arbeit am Gymnasium 46

Mittlerweile habe ich mich ins Schulleben integriert und meine festen Aufgaben gefunden. Neben der Begleitung der DSD-Kandidaten und regelmäßiger landeskundlicher Beiträge zu Deutschland in verschiedenen Klassen gehört nun auch das zu meinem Tätigkeitsbereich, was ich gerne mache und gut kann: Erlebnispädagogik. Dazu habe ich eine Projektgruppe für Schülerinnen und Schüler von der 5. bis zur 8. Klasse ins Leben gerufen. Einmal in der Woche treffen wir uns, singen Lieder in verschiedenen Sprachen, gewinnen Vertrauen zueinander durch kooperative Spiele und werden hoffentlich noch zu einer kleinen Gemeinschaft. Mit Liedern und Reimen bin ich auch regelmäßig in der zweiten Klasse tätig, was besonders viel Freude bereitet, weil die Kinder in diesem Alter noch so empfänglich für spielerische Unterrichtselemente sind.

Kurzum: Ich bin mittlerweile richtig angekommen, erlebe viel und sinniere oft. Falls mir dabei geistreiche Erkenntnisse in den Sinn kommen sollten, werde ich diese am Ende meines Frewilligendienstes Euch und Ihnen mitteilen. Alles Gute – Richard

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