Die Deutschen Wochen in der Ukraine

Seit Herbst 2013 veranstalten deutsche Kulturinstitutionen in der Ukraine im Jahrestakt die Deutschen Wochen. Unter der Schirmherrschaft der Deutschen Botschaft in Kiew sollen sie für die Ukraine ein „sichtbares Zeichen des deutschen Engagements und der Unterstützung“ sein in den „schwierigen Zeiten, die das Land durchlebt“. Im Rahmen verschiedener Veranstaltungen werden Vertreter aus Kultur (DSD-Schulen, Goethe-Institut, DAAD), Wirtschaft, Politik (bspw. Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) und Zivilgesellschaft zusammengeführt, um das Band ukrainisch-deutscher Beziehungen zu festigen und weiterzuspinnen.

Auch Saporishia war einer der Schauplätze der Deutschen Wochen, so dass es mir möglich war, einen kleinen Einblick in diese Veranstaltungsreihe zu erhalten.

Den Auftakt bildete Ende September ein Konzert des in der deutschen und internationalen Kammermusikszene ziemlich bekannten Trios „Oberon“ (Violine, Violincello, Klavier). Im frisch sanierten Saal der Philharmonie Saporishia wurden die virtuosen Darbietungen zu einem klanglichen Genuss. Zur Aufführung kamen Werke von Beethoven, Haydn, Bray und Barthdoldy. Auf das Konzert folgte noch ein kleiner Empfang samt Buffet (deutlich leckerer als das, was ich selbst zubereiten kann). Im Gespräch zeigten sich die Musiker des Trios allesamt etwas geschockt vom ärmlichen Eindruck, den Saporishia mit Ausnahme seiner wenigen glänzenden Gebäude (Philharmonie, Oper, Rathaus) macht. Tatsächlich sehen viele Fassaden der endlosen sowjetischen Blockbauten so aus, als könnten sie in jedem Moment zusammenfallen. Nichtsdestotrotz verbergen sich nicht selten schöne und gemütliche Wohnungen hinter der kümmerlich-grauen Außenhülle.
Letztlich war der Abend von einer recht heiteren Stimmung geprägt, in der etliche Vorzüge der ukrainisch-deutschen Beziehungen bzw. einer Westbindung des Landes gepriesen wurden. Ich selbst konnte mich allerdings nicht des Gefühls entledigen, das im Bewustsein der Widersprüchlichkeit entstand, mich in einem mit Gold verzierten, wunderschönen Raum zu vergnügen und gleichzeitig zu wissen, dass sich der Großteil der Einwohner Saporishias mit etwa 100 Euro von Monat zu Monat hangelt. Wie müssten sich erst die Oligarchen in diesem Land fühlen, wenn sie diese exorbitante materielle Ungleichheit ernsthaft nachempfinden würden?

Die zweite Station der Deutschen Wochen in Saporishia war für mich der Besuch des Generalkonsuls Wolfgang Mössinger an „meinem“ Gymnasium 46 anlässlich des Tags der Deutschen Einheit. In den vorangegangenen Wochen hatte ich intensiv mit den Elftklässlern den Mauerfall, die deutsche Wiedervereinigung, das Ende der Sowjetunion und die Unabhängigkeit der Ukraine bewegt, um sie auf ein fruchtbares Gespräch mit dem Generalkonsul und seiner Ehefrau vorzubereiten. Dementsprechend gespannt und aufgeregt betrat ich am 3. Oktober das Schulgebäude. Nach obligatorischer Begrüßung und Vorstellung war dann endlich der Moment gekommen, um die Früchte meiner Arbeit zu ernten. Doch was dann kam, verblüffte mich selbst. Im Zentrum der Aufmerksamkeit gaben die jeweiligen Schülerinnen und Schüler der 11. Klasse nach Reih und Glied einen auswendig gelernten Text wieder. Darauffolgende Fragen konnten nur von den zwei besten Kandidatinnen beantwortet werden; was fehlte, war ein echter Austausch. Ich führe diese etwas unangenehme Situation auf drei Faktoren zurück: die Angst vor sprachlichen Fehlern beim spontanen, freien Sprechen, die Tradition des Auswendiglernens und die Aufregung angesichts des hohen Besuchs.

Der Besuch des Generalkonsuls und seiner Ehefrau

Das stupide Auswendiglernen fremdsprachiger Texte ist im osteuropäischen Bildungswesen aufgrund der Fächerolympiaden fest verankert. Im Bereich der Fremdsprachen besteht die Vorbereitung auf die Olympiade für die Oberstufenschüler darin, etwa zehn Texte zu unterschiedlichen Themen auswendig zu lernen. Vor einer Jury wird dann einer dieser Texte ausgelost und vorgetragen. Das war’s. Bewertet werden grammatische Korrektheit, Flüssigkeit, Aussprache und Auftreten. Nicht berücksichtgigt werden Verständnis, eigene Gedanken und intuitives Sprechen. Infolgedessen ist das Verhältnis der Schülerinnen und Schüler zur Fremdsprache davon geprägt, jegliche Fehler möglichst zu vermeiden. Man schweigt oft lieber, als einfach so ein paar Sätze in der fremden Sprache zu formulieren. Gesprochen wird lieber das, was bereits gelernt wurde. Dafür gibt’s dann auch eine gute Note.

Viele Lehrerinnen an meiner Schule sind sich der problematischen Folgen dieser Lernart wohl bewusst, können aber nur wenig dagegen unternehmen, weil die Olympiaden im Lehrplan fest vorgesehen sind, dem die Lehrkräfte zu folgen haben, wenn sie ihre Arbeit nicht verlieren wollen.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer für mich ist die Tatsache, dass manche Lehrerinnen in den Unterrichtsstunden die Schülerinnen und Schüler aktiv ermutigen, ohne Angst vor Fehlern und der Andersartigkeit der Sprache einfach den Versuch zu unternehmen, frei und spontan zu sprechen. Das ist doch schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung!

Den Abschluss der Deutschen Wochen in Saporishia bildete ein festlicher Empfang im besten Hotel der Stadt. Wie gewohnt waren viele Menschen (ca. 250) aus verschiedensten Bereichen geladen. Ein ukrainischer Chor gab die Hymne der Ukraine, Deutschlands und der Europäischen Union zum Besten, der Generalkonsul und der Gouverneur der Oblastj Saporishia (vergleichbar mit einem deutschen Ministerpräsidenten) lobten die ukrainisch-deutsche Zusammenarbeit in Zeiten der Krise und das Essen war formidabel.

In Erinnerung geblieben sind mir zwei Begenungen, zum einen mit einer US-amerikanischen Mitarbeiterin der Ukraine-Mission der OSZE, die im Kriegsgebiet Aufklärungseinsätze leitet, und zum anderen mit einer Deutschlehrerin aus Donezk. Tatsächlich verkehren Busse zwischen dem Separatistengebiet und dem Rest des Landes, so dass Beate Kopitzsch die Einladung zum Empfang annehmen konnte.

Die etwa 50-jährige Lehrerin erzählte mir, dass das Donnern von Maschinengewehren aus der Ferne mittlerweile Normalität geworden sei. Was Kopitzsch in Donezk hält, ist die Verantwortung gegenüber der eigenen DSD-Schule, die mittlerweile nur noch existieren kann, weil das Auswärtige Amt sie finanziert. Die Regierung in Kiew hat sämtliche Geldflüsse in den Osten gestoppt.
Beste Erinnerungen hat die Lehrerin an die Städtepartnerschaft mit Bochum. Als ich ihr sagte, auf einer Waldorfschule Russisch erlernt zu haben, kam die herzliche Dame überraschenderweise gleich ins Schwärmen: „Oh ja, die Bochumer Waldorfschüler haben uns früher [vor dem Krieg] einige Male besucht. Was für aktive und fähige Menschen das waren!“ Etwas perplex errötete ich. Ich hatte weder erwartet, Einwohnern Donezks zu begenen, noch eine ukrainische Deutschlehrerin zu treffen, die nicht nur von Waldorfschulen gehört hat, sondern auch Waldorfschüler kennen und schätzen gelernt hat. Zufälle gibt’s! Erfüllt von dieser Begegnung machte ich mich später auf den Heimweg.

Die Deutschen Wochen in Saporishia eröffneten mir nicht nur einen faszinierenden Einblick in den festlichen Teil auswärtiger Politik, sondern ermöglichten mir auch zahlreiche Begegnungen, die mir die Ukraine noch einmal nähergebracht haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

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