Chortyzja

Ende September erhielt ich von Angelina, einer der Studentinnen, die ich vorher kennengelernt hatte, eine Einladung zu einem Ausflug auf die Insel Chortyzja. So stand ich am Freitag des 30. Septembers früh auf und fuhr mit der Marschrutka zum vereinbarten Treffppunkt. Weiter ging es mit dem Auto. Als wir gerade die Brücke vom Festland auf die Insel passierten, zeigte sich die Sonne am Horizont. Mit dem heller werdenden Tag stieg auch meine Stimmung. Ich war gespannt!

Chortyzja war einst das Zentrum des ukrainischen Kosakenhetmanats gewesen, eines halbstaatliches Gebildes, das ab dem fünfzehnten Jahrhundert an der Grenze zwischen Wald- und Steppenlandschaft entstanden war, begründet von entlaufenen Leibeigenen, die genug vom unfreien Leben im russisch und polnisch beherrschten Norden hatten. Von den Tataren im Süden schauten sich die Kosaken das Reiten ab, und als ihre wilden Kavallerieverbände im achtzehnten Jahrhundert den Höhepunkt ihrer Macht erreichten, wurden sie von den Zaren in Moskau nicht weniger gefürchtet als von den Königen in Warschau.

Neben dem Fürstentum von Kiew ist das Kosakenhetmanat der einzige ernstzunehmende Vorläuferstaat, auf den sich die Ukraine heute berufen kann. Seine Rolle im offizielen nationalen Selbstverständnis ist so zentral, dass mir der Kosakenmythos immer wieder begegnet. In den Speisekarten einiger Restaurants, im Werbematerial politischer Parteien, auf Pralinenschachteln, Wodkaflaschen und Plattencovern, überall entdecke ich stilisierte Klischeekosaken: kriegerische Blicke über mächtigen Schnauzbärten und geschorene Schädel mit einem einzigen langen Haarschopf in der Stirn.

„Mein Gott, was ist das für eine reine Luft hier“, war der erste Gedanke, der mir kam, als ich den Boden der Insel betrat. Der Unterschied zum Industrie- und Autogestank der Stadt hätte größer nicht sein können. Mit seinen (geschützten) Wäldern, Wiesen, Seen und Stränden stellt Chortyzja ein beliebtes Naherholungsgebiet dar.

Wir standen vor dem hölzernen Eingangstor des Freilichtmuseums der Insel, das das Leben in der Sitsch nachbildet. Die Sitsch war der dorfähnliche Lebensmittelpunkt der Kosaken. Umgeben von einer Mauer, befanden sich in der Mitte dieses Ortes eine orthodoxe Kirche und viele kleine Hütten. Während wir warteten, stießen immer mehr Menschen zu uns. Es waren überwiegend junge Studenten aus der Nachbarstadt Dnipro, die in Strömen die Reisebusse verließen. Als der Einlass begann, waren es mehr als 300 Menschen, die durch das Tor marschierten.

Innerhalb der Sitsch erwarteten uns kostümierte Krieger, die mit Säbeln und Peitschen hantierten. Sie führten Kämpfe vor und gaben lautstarke Schlachtrufe von sich. Diese Aufführungen versprühten trotz der Gewalt und Wildheit eine gewisse Komik, war doch klar, dass es sich bei den Kosaken eigentlich um junge Ukrainer handelt, die auf diese Weise ihr Geld verdienen.

Alle Gebäude der Sitsch waren frei zugänglich. Neben vielen Werkstätten (bspw. einer Schmiede) besichtigten wir Wohnhäuser verschiedensten Interieurs: Am komfortabelsten lebte der Hetman (das Oberhaupt der Sitsch), der Knecht musste mit einer einfachen Holzpritsche vorlieb nehmen. Das Eintauchen in die kosakische Welt war wirklich faszinierend. Ständig entflammten vor meinem inneren Auge Bilder von mächtigen Reiterscharen, die immer mehr Bauern aus der Leibeigenschaft der Despoten befreien. Ja, ich empfing die volle Ladung des Kosakenmythos…

Abgerundet wurde mein Ausflug in das „Heiligtum der Ukraine“ noch durch echtes Reittheater, in dem junge Kosaken-Darsteller verschiedenste Kunststücke auf dem Pferde zum Besten gaben. Es war ein kurzweiliger, heiterer Spaß! In knappen Reden preisten die Aktuere schließlich die unglaublichen Fähigkeiten der Kosaken. Nun weiß ich, dass sie nicht nur die stärksten Kämpfer waren, sondern auch die lustigsten Trinkgesellen und die fähigsten Liebhaber. Also dann: auf den Krieg, die Liebe, das Leben und die Freiheit!

Trotz dieser Fähigkeiten und Stärke wurde das Saporoger Kosakentum unter Katharina der Großen Ende des achtzehnten Jahrhunderts zerschlagen. Stattdessen kolonisierten nun Mennoniten aus Danzig die Insel, die durch das Versprechen Katharinas, vom Kriegsdienst befreit zu werden, ins damalige Russische Reich gelockt wurden. Damit endete die Epoche der ukrainsichen Kosaken vollends.

Die heutige Ukraine ringt mit allen Mitteln um ihre nationale Identität und Einheit. Dabei geht es auch darum, die Unabhängigkeit von der russischen Kulturentwicklung zu betonen. Doch wenn ich bereits etwas verstanden habe, dann ist das die Tatsache, dass die Ukraine ein Land ist, das gerade durch seine Vielfält und Heterogenität gekennzeichnet ist. Ob die mediale und staatliche Unterstützung für das Wiederaufleben des Kosakenmythos wirklich der gesamtkulturellen Wirklichkeit im Land Rechnung trägt, ist fraglich.

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