Im Rausch der Erlebnisse

Zwei turbulente und ereignisreiche Wochen neigen sich dem Ende zu, und da ich jetzt endlich wieder schnelles Internet und Muße gefunden habe, will ich die Gunst der Stunde nutzen, um von meinen Erlebnissen zu erzählen; aber der Reihe nach.

Ankunft

Am Dienstag, 13.9.2016 um 7:20 Uhr erreichte mein Zug Saporoshje, knapp 11 Stunden vorher war ich am Kiewer Hauptbahnhof in den Schlafwagen eingestiegen.

Ich hatte ganz bewusst das günstigste Ticket (umgerechnet ca. 5 Euro) für den sogenannten „Platzkartnyi“-Liegewagen gewählt. Man hockt hier auf engstem Raum im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander (s. Bild). Der Vorteil der postsowjetischen Holzklasse besteht aber immer noch in der Begegnung: Fremde können recht schnell ins Gespräch kommen, laden sich gegenseitig zu einer Tasse Kaffee oder Tee (manchmal auch Wodka) ein oder helfen sich beim Anreichen des Bettzeugs.

Diesmal war meine Fahrt jedoch verhältnismäßig schweigsam gewsen, weil die Babuschkas neben mir sofort zu Bett gegangen waren und die anderen Mitfahrerinnen und Mitfahrer in meinem Umkreis permanent auf ihre Smartphones geblickt hatten. Nichtsdestotrotz hatte ich die Gemütlichkeit der langsamen Fahrt (ca. 70. km/h) genossen und mich rasch vom schaukelnden Zug in den Schlaf wiegen lassen.

In Saporoshje kam ich natürlich auf die Minute püntklich an, weil die Reisezeiten der ukrainischen Eisenbahn so großzügig ausgelegt sind, dass Verspätungen extrem selten sind. Ich verließ den alten Sowjetzug, der übrigens in den ukrainischen Nationalfarben (Blau für den Himmel, Gelb für ein Kornfeld) lackiert war, und wurde auch beinahe sofort von einer Frau auf Deutsch angesprochen: „Bist du Richard?“ Bei der besagten Frau handelte es sich um Julia, eine der 19 Deutschlehrerinnen am hiesigen Gymnasium 46. Die Begrüßung mit ihr und ihrem Ehemann war herzlich! Da es noch einige Fragen bezüglich meiner zukünftigen Unterkunft gab, sollte ich zunächst bei den beiden unterkommen.

Gemeinsam fuhren wir nun mit dem Auto vom Bahnhof in die Stadt hinein. Hier bot sich bereits ein herrlicher Anblick, als wir am Dnjepr entlangfuhren. Der gewaltige Strom wird hier von Chortyzja geteilt, einer der größten Flussinseln Europas. Auf der Insel versammelten sich vor drei- bis vierhundert Jahren die Saporoger Kosaken, um frei von aller Adelsherrschaft zu leben. Im Volksmund wird Chortyzja oft auch als „das Herz der Ukraine“ bezeichnet. Julia teilte mir direkt mit, dass es als Gast meine Pflicht sei, die Insel zu besuchen. Dieser Pflicht werde ich natürlich noch nachkommen. Fasziniert war ich zudem von der Fahrt auf der „Domallee“ (sobornij prospekt), die bis März eigentlich noch „Lenin-Prospekt“ hieß. (Im Rahmen eines neuen Gesetzes lässt die ukrainische Regierung zur Zeit allerdings alle Namen und Symbole, die mit dem Kommunismus verbunden sind, aus der Öffentlichkeit entfernen.) Der Prospekt ist breit (sechs Spuren), lang (ca. 11 km) und schnurgerade. Zwar ist eine solche Hauptstraße in diesem Teil der Welt eine typische Erscheinung, sie hinterlässt bei mir jedoch stets aufs Neue einen nachhallenden Eindruck.

Nach der Ankunft in Julias Wohnung und einer erfrischenden Dusche fand der Tag natürlich noch kein Ende. Wir machten uns direkt zur Schule auf. Ich konnte es kaum erwarten, meinen zukünftigen Arbeitsplatz endlich kennenzulernen.

Das Gymnasium 46

Das Schulgebäude von hinten

Das Schulgebäude von hinten

Das Gymnasium 46 wurde ursprünglich als Mittelschule 1931 gegründet. Bereits zu Sowjetzeiten – 1957 – wurde hier Deutsch als erste Fremdsprache eingeführt. Nun handelt es sich bei der Schule um ein modernes ukrainisches Gymnasium, das die ca. 800 Schülerinnen und Schüler nicht nur zum Abitur in Klasse 11 führt, sondern auch zum Deutschzertifikat B2/C1, das dazu berechtigt, ein Studium in Deutschland aufzunehmen.

Kaum hatte ich das Schulgelände betreten, wurde ich als der „nemezkij maltschik“ (der deutsche Junge) erkannt. Vor allem zahlreiche Kinder begrüßten mich freudig und enthusiastisch, jedoch konnte ich auch bereits mit einigen Schülerinnen und Schülern aus der Oberstufe freundliche Worte wechseln – sowohl auf Deutsch als auch auf Russisch. Kurze Zeit später lernte ich schließlich meine Mentorin Larissa Kaplunova kennen, mit der ich mich seit April in schriftlichem Kontakt befand. Voller Freude begrüßten wir uns, dann folgte eine kurze Tour durch die Deutschklassenzimmer mit der obligatorischen Kurzvorstellung und kräftigem Händeschütteln.

Spiegelbildlich für die ganze heutige Schulsituation in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion arbeiten auch im Gymnasium 46 fast nur Frauen. Ein einziger Geschichtslehrer in dem mehr als 70 Lehrkräfte umfassenden Kollegium bildet die große Ausnahme. Ein Grund für diese Tatsache ist der, dass das Lehrergehalt in der Ukraine extrem niedrig ist. Männer, die weiterhin in der Ukraine meistens als die Haupternährer der Familie gelten, sehen deswegen schon früh davon ab, an einer Schule zu arbeiten. Die Bezahlung reicht in der Regel gerade so, um allein über die Runden zu kommen. Offiziell will die Regierung die Gehälter im kommenden Jahr erhöhen, doch meine Kolleginnen sind weitestgehend skeptisch. In ihrer Biografie sind ihnen von Politikern schon viele Versprechungen gemacht worden, die nur zu einem Bruchteil in Erfüllung gingen.

Mein erster Schultag wurde schließlich von einer ersten Unterrichtshospitation in der 9. Klasse abgerundet. Die Schülerinnen und Schüler waren mehrheitlich echt beteiligt, aktiv und mit Freude bei der Arbeit. Sie hatten viele Fragen an mich, so dass ein ziemlich schönes Gespräch entstand. Hierbei bemühte ich mich aber auch, mich nicht als ein „antwortendes Ausstellungssobjekt“ zu präsentieren, sondern als ein ernsthaft interessierter Gast. Demgemäß bekam auch ich viele Antworten zu dieser mir neuen Stadt und dem hiesigen Alltagsleben.

Zu meiner großen Freude durfte ich bereits wenige Tage später erste Vertretungsstunden in der 10. und 11. Klasse übernehmen. Es folgten zahlreiche Kennenlernspiele, jedoch hatte ich auch einen kleinen Auftrag, der darin bestand, mit den Schülerinnen und Schülern den Besuch des deutschen Generalkonsuls aus Dnipro am Tag der Deutschen Einheit vorzubereiten. Seitdem sind einige Unterrichtsstunden vergangen, in denen wir uns mehr oder weniger intensiv mit der deutsch-deutschen Teilung, dem Mauerfall, dem Zerfall der Sowjetunion und der darauffolgenden Unabhängigkeit der Ukraine auseinandergesetzt haben. Das Gute an der Thematik ist, dass sich auch immer ein Bogen zur Ukraine schlagen lässt, womit einseitige Landeskunde zu Deutschland vermieden werden kann.

Insgesamt fällt mir auf, dass in der Schule ein starkes Bewusstsein für Form und Auftreten besteht. Es gibt demzufolge zwar keine Uniform, aber eine Kleiderordnung: Grelle Farben sind verboten, stattdessen sind Schwarz und Weiß zu bevorzugen. Außerdem sind Blusen oder Hemden T-Shirts und Sweatshirts vorzuziehen. Auch der Unterricht verläuft in etwas geordneteren Bahnen (bspw. absolut kein Reinrufen), als ich es aus Deutschland kenne, was sicherlich auch daran liegt, dass die Schülerinnen und Schüler für jede einzelne Unterrichtsstunde eine Note erhalten, die in die Jahresnote einfließt.

In der Unterstufe wird als wesentliche Unterrichtsmethode vor allem auf Auswendiglernen gesetzt. Regelmäßiges „Pauken“, Abfragen und Wiederholen gehören zur Tagesordnung. Dies liegt wohlgemerkt auch am Schema der aus Deutschland stammenden Lehrbücher. Die Lehrerinnen sind wiederum total offen, was spielerische und künstlerische Sprachlernmethoden mit allen Sinnen angeht, in denen die Freude und innere Beteiligung im Vordergrund stehen und das Aneignen der Fremdsprache als „netter Nebeneffekt“ geschieht.

Eine meiner bisherigen Sternstunden war die anfängliche Einstudierung des Märchens „Der Wolf und die sieben Geißlein“ mit herzallerliebsten Kindern aus der 6. Klasse. Es war richtig herrlich, konnten wir hierbei doch alle wild herumtoben, singen und lachen. Sowohl für die Jungschauspieler als auch für mich war es ein Genuss, in diese Märchenwelt einzutauchen, in der Gut und Böse so klar zu erkennen sind. Die Aufführung ist für Dezember anberaumt, es wird sicherlich ein voller Erfolg.

Neben den so vielen guten und positiven Erfahrungen an der Schule gibt mir jedoch auch eine Erkenntnis ordentlich zu denken. Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler kann sich in Zukunft weder ein Leben in Saporoshje noch in der Ukraine vorstellen. Ganz ehrlich wurde mir von dem Wunsch erzählt, auszuwandern – vor allem nach Deutschland. Ich kann diesen Wunsch von ganzem Herzen nachvollziehen. Die Ukraine hat mit Problemen zu kämpfen, die nur langsam zu lösen sind. Der Krieg hat im ganzen Land Spuren hinterlassen: im Osten Tod und Zerstörung, im restlichen Land Existenzangst und Perspektivlosigkeit. Dadurch, dass die nationale Wirtschaftsleistung rapide abgenommen hat, sind die Preise für den Lebensunterhalt enorm gestiegen, während gleichzeitig immer weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Regelmäßig werde ich selbst von Einheimischen gefragt, warum ich als Deutscher in der Ukraine arbeiten will, ob ich allen Verstand verloren hätte (!) etc. Den Lebensalltag finanziell zu stemmen, ist für viele Familien hier die allerschwierigste Aufgabe. Die Lage verschärft sich jedoch noch, weil die Krise in der Ukraine nur dann nachhaltig zu überwinden ist, wenn gut ausgebildete Menschen hier im Land tätig werden. Eine Auswanderung der fähigsten Menschen verhindert logischerweise eine solche Entwicklung. Allem zum Trotz muss ich eingestehen: Mit meiner Arbeit unterstütze ich den „Brain-Drain“ insofern, als dass ich die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe auf das (Hochschul-)Leben in Deutschland mitvorbereite. Dieser Gewissenskonflikt besteht im Grunde seit dem Vorbereitungsseminar, auf dem wir u.a. für den Themenkreis Rassismus, westliche Privilegien und Postkolonialsmus sensibilisiert worden sind. Mit diesem neu geschaffenen Bewusstsein entand eben aber auch die Frage nach den Konsequenzen meines Freiwilligendienstes, die nicht notwendigerweise darin bestehen, die ungleichen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen den Ländern auszugleichen. Nichtsdestotrotz genieße ich die Zeit hier natürlich so gut es geht – d.h. in meist vollen Zügen. Meine Hoffnung besteht zudem noch darin, dass viele der „Ausreisewilligen“ nach der akademischen Ausbildung im Ausland wieder ein Auge auf die Heimat werfen, denn die Ukraine ist einfach ein wunderschönes Land, das das Potenzial besitzt, all seinen Bewohnern gute und würdige Lebensverhältnisse zu bescheren. Ist eine solche Hoffnung naiv und weltfremd? Vielleicht. Sie ist aber trotzdem notwendig, um vor lauter Pessimismus nicht aufzuhören, zum Entstehen einer besseren Welt beitragen zu wollen.

Begegnungen in Saporoshje

Meiner lieben Mentorin Larissa Kaplunova war es vom ersten Tag an ein großes Anliegen, dass ich nicht einsam werde. So mobilisierte sie gleich zu Anfang ein paar Deutsch-Studenten von der Universität, die mir die Stadt zeigen sollten. Zwar sprachen sie alle SEHR gut Deutsch, doch nach kurzer Zeit fand irgendwie ein Großteil der Gespräche auch auf Russisch statt. Seit den mündlichen Abiprüfungen hatte ich mich leider nur noch sehr wenig mit der Sprache beschäftigt, doch zum Glück konnte ich von Stunde zu Stunde wieder tiefer ins Russische eintauchen, das ich tatsächlich lieben gelernt habe. Wir (Uljana, Angelina, Jana, Wlad und ich) schlenderten zunächst durch den öffentlichen Park Raduga („Regenbogen“), der uns an Teichen und Fontänen vorbeiführte, bis wir schließlich ans Ufer des Dnjepr gelangten. Diesem folgten wir bis zur beliebtesten Brücke der Stadt, der „Stroyashchiysya Most“ („Brücke im Bau“). Der Name ist Programm. Vor mehr als 15 Jahren begannen die Bauarbeiten, doch sie wurden vor geraumer Zeit eingestellt. Dafür kann man nun den ersten Brückenabschnitt betreten und entlangschlendern, bis dieser abrupt abbricht, dafür aber den Blick auf das Wasser in ca. 40 Metern Tiefe freigibt – ein Abenteuer genau nach meinem Geschmack!

In den darauffolgenden Tagen ging ich immer wieder spazieren („guljatj“). Das genüssliche Schlendern durch die Stadt gehört hier zur gängigen Freizeitbeschäftigung – auch unter Jugendlichen. Besondere Höhepunkte waren dabei der Gang über die 3 km lange Staumauer des Wasserkraftwerks DneproGES 2 sowie der Einkauf auf einem der vielen Straßenbasare, auf dem vor allem liebenswerte Babuschkas ihre Waren (vor allem Lebensmittel) zum Verkauf anbieten. An einem solchen Ort darf man bei bester Stimmung feilschen und probieren – was ein Spaß!

Saporoshje ist des Weiteren ein Industriezentrum der Region mit Firmen der Schwerindustrie (besonders Metallurgie). In der Stadt werden unter anderem Flugzeugmotoren, Landmaschinen und Motorfahrzeuge hergestellt. Das hat natürlich Folgen: Nach Tschernobyl befindet sich mein neuer Lebensort auf dem zweiten Platz der Städte mit der größten Umweltbelastung in der Ukraine. Steht der Wind schlecht, so sind selbst im Stadtzentrum die beißenden Gerüche der Industrie wahrzunehmen. Darüber hinaus ist das Stadtbild durch zahllose Plattenbauten immer noch sehr sowjetisch geprägt. Im Gegensatz zu Kiew, Odessa oder Lemberg hat die Stadt in den letzten Jahren kaum staatliche Förderung zum Ausbau der Infrastruktur erhalten, das ist eben sichtbar. Nichtsdestotrotz hat die Stadt ihren eigenen Charme. Sie erinnert mich ein bisschen ans Ruhrgebiet, und auch hier tragen die (jungen) Menschen das Herz einfach auf der Zunge. Daher kann ich sagen: Ich fühle mich in Saporoshje pudelwohl. Zudem bin ich sehr gespannt auf die weiteren Erkenntnisse und Erlebnisse in den nächsten Tagen. Bis dahin – Richard

One thought on “Im Rausch der Erlebnisse

  1. Lieber Richard,
    danke für den lebendigen Bericht. In Saporoshje gibt es auch Christengemeinschaft Leute, die im Sommer in unserem Lager am Dnjestr waren. Auch Waldorfinitiativen gibt es. Herzliche Grüße aus Moskau! Dieter Hornemann

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