Vergessen (Woche 14)

Ich dachte lange Zeit, ich hätte ein ziemlich gutes Gedächtnis. Gedichte und Theatertexte konnte ich mir schon immer problemlos merken, und auch der Schulstoff war nie ein Problem. Irgendwann stellte ich fest, das es wohl doch nicht so grandios ist; meine Mutter ist regelmäßig erstaunt (und enttäuscht), weil ich mich partout nicht mehr an Reisen oder Ausflüge erinnern kann, bei denen ich nun wirklich nicht mehr so klein war.

Heute muss ich, selbst enttäuscht, feststellen, dass mein Gedächtnis ganz schön bescheiden ist. Um nicht zu sagen: beschissen. Diese Erkenntnis hat sich jetzt schon länger angebahnt. Ich komme zu ihr, weil ich anscheinend keine wirkliche Erinnerung an den Großteil meiner Schulzeit habe. Ich beziehe mich bei dieser Behauptung vor allem auf die Tatsache, dass ich nicht mehr sagen kann, wie wir (als Klasse) uns bei Gruppenarbeiten benommen haben. Was mir in der siebten, oder gar der fünften Klasse schwierig vorkam. Wann ich das erste mal bewusst das Wort „Argument“ gehört und/oder benutzt habe. Und das alles führt zu meiner Tendenz, alle Schüler wie beinahe-Abiturienten zu behandeln.

Mit den Lehrplananforderungen komme ich ja noch klar. Ich weiß, dass deutsch eine Fremdsprache für die Schüler ist und (ungefähr) auf welchem Niveau ich mit ihnen kommunizieren kann. Ich versuche mir zu merken, welche grammatikalischen Konstruktionen bekannt sind und welche nicht. Mein Versagen liegt beim Einschätzen von Sozialkompetenz. Ich gehe davon aus, dass Gruppenarbeiten in einer bestimmten Zeit erledigt werden können, weil die Schüler*innen in der Lage sind, zusammenzuarbeiten. Ich bin mir sicher, dass sie verstehen, wie viel einfacher es für uns alle ist, wenn sie in einem Mindestmaß mit mir kooperieren. Ich setze voraus, dass sie einschätzen können, bei wem die Schuld für eine schlechte Note liegt. Sozialkompetenz ist nicht das richtige Wort dafür. Selbstreflexion? Selbstreflektiertheit? Irgendwie sowas.

Ich muss manchmal an meine Schulfreundinnen denken, wenn ich wieder so im Klassenzimmer stehe und mich frage, warum denn diese Schüler*innen keine, meiner Meinung nach simple Gruppenarbeit zustande bringen. Diese Freundinnen, die gerade zum Teil als Au-pairs in der Welt verteilt sind und mir wahrscheinlich von vornherein hätten sagen können, warum das mit dieser Klasse nicht klappen wird. Es sind doch Kinder!

Es ist nicht das einzige Problem, das ich als „Lehrer“ habe – ich kann mittlerweile mit Sicherheit sagen, dass ich weder für diesen Beruf geboren bin noch Interesse habe, hineinzuwachsen. Ich brauche nur an den Papierkrieg, die Gefühlsarbeit und die Erwartungen mancher Eltern zu denken und freue mich schon darauf, hier fertig zu sein.

Immerhin nehme ich ein viel größere Wertschätzung für alle Lehrer*innen mit, die mich ertragen mussten. Sogar für die Schlechten. Ihr hattet es wahrscheinlich nicht einfach – nicht, dass ich mich an allzu viel erinnern könnte.

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