Per aspera ad astra

Da nicht auszuschließen ist, dass sich zukünftige kulturweit-Freiwillige auf diesen Blog verirren, möchte ich in diesem Beitrag einen kurzen Überblick über die Vorbereitungen für meinen Freiwilligendienst geben.

Grundsätzlich liegen zwischen dem Platzangebot von kulturweit und der geplanten Ausreise etwa 5 Monate. Genug Zeit also, um sich selbst und alles Notwendige zu organisieren.

Mit der Annahme des Platzangebotes ergeben sich einige To Do‘s. Da dies nicht mein erster längerer Auslandsaufenthalt ist, konnte ich die Punkte Reisepass beantragen und Kreditkarte besorgen für mich bereits abhaken. Ähnlich verhält es sich mit Formalien wie der Beantragung einer Sozialversicherungsnummer und der persönlichen Steuer-ID. Alles schon gehabt, alles schon erledigt. Den Gang zum Arzt hingegen konnte mir mein Vergangenheits-Ich nicht abnehmen. So pendelte ich einige Male zwischen Hausarzt und  Apotheke hin und her, bis wir das Risiko fieser Erankungen wie Hepatitis, Tollwut und japanische Enzephalitis gänzlich minimiert haben.

Der nächste wichtige Punkt ist die Beantragung eines Visums. Das Vorgehen unterscheidet sich je nach Gastland, normalerweise genügen jedoch wenige Klicks im Internet zur Recherche des notwendigen Vorgehens. Auch Dank der tatkräftigen Unterstützung meiner zukünftigen KollegInnen und Kollegen vor Ort in Vietnam verlief dies für mich relativ unkompliziert.

Um meine Unterkunft in Ho Chi Minh City und den obligatorischen Vietnamesisch-Sprachkurs werde ich mich kümmern, sobald ich vor Ort bin. Die ersten Nächte verbringe ich in einer Airbnb Unterkunft unweit meines Arbeitsplatzes und gehe von dort aus auf Wohnungsssuche – ich halte euch auf dem Laufenden.

Nun- so weit, so vorbereitet. Was die individuelle Auseinandersetzung mit dem Gastland betrifft, so muss sicherlich jede/r ihr/sein eigenes Maß finden. Aus eigener Erfahrung kann ich allerdings sagen, dass der Wissensdurst hinsichtlich Geschichte, Politik und Gesellschaft des Gastlandes von ganz allein kommt. Und Informationsquellen gibt es ja sowieso genug. (Wusstet ihr zum Beispiel, dass während des Vietnamkonfliktes mehr Bomben auf Vietnam abgeworfen wurden, als während des zweiten Weltkrieges auf allen Kriegsschauplätzen zusammen? Ich bin immer noch schockiert.)

Derjenige Vorbereitungspunkt jedoch, der mich persönlich die meisten Nerven gekostet hat ist ganz klar: der Auszug aus meiner Wohnung.

Warnung! Wenn euch Geschichten über privilegierte weiße Mädchen ankotzen (wen nicht?), solltet ihr jetzt vielleicht lieber aufhören zu lesen.

Ich muss sagen – ich finde Umziehen einfach furchtbar. Mal ganz abgesehen von der Nachmietersuche und sämtlichen Vertragskündigungen, stellt das Packen der Umzugskartons einen nervlichen Kraftakt für mich dar. So sitze ich stundenlang allein in meiner Wohnung, räume Schränke aus und rege ich mich immer mehr über den ganzen Scheiß auf, durch den ich in den letzten Jahren hindurchgesehen habe. Die Kleidung im Schrank, die intakt ist, die ich aber trotzdem nicht trage; der Papierstapel, den ich längst sortieren wollte und das sperrige Waffeleisen, das mich jetzt jeden Tag nervt, obwohl ich es nur ein Mal im Jahr benutzt habe. Ich bin von meinem eigenen Zuhause genervt. Umgeben von Dingen, die mich stressen, eingebaut in Gegenstände, die mich an die Vergangenheit binden.

Doch spätestens an dieser Stelle ist Protest angesagt. Zu viel Zeug als Last zu empfinden – das totale First World Problem, oder? Ist es in dieser Zeit nicht geradezu obszön das Zuviel-Haben zum Leid-Motiv zu erklären, in einer Welt in der Milliarden nichts lieber hätten als das? Absolut. An der emotionalen Situation derjenigen, die scheinbar an der Spitze der Bedürfnispyramide angekommen sind, ändert das aber nichts. Und immer wieder denke ich mir, so richtig doll scheint es uns Wohlstandsgeplagten in der westlichen Überflussgesellschaft ja anscheinend nicht zu gehen, sonst würden doch nicht so viele klagen über die Übersättigung, die Überforderung und die Verrohung unserer Wegwerfgesellschaft? Irgendwas läuft doch da ganz schön schief im Laden wenn Depression die Krankheitsursache Nummer 1 ist und in Deutschland mehr Menschen durch Suizide sterben als durch Verkehrsunfälle, Mord und illegale Drogen zusammen. Immer mehr Menschen in westlichen Industrienationen hegen Fluchtphantasien und schwören auf Steinzeitdiäten. Sind das die ersten Sandkörnchen im heiß gelaufenen Getriebe des Turbokapitalismus?

Was man in jedem Fall sagen kann ist, denke ich, dass ein Umdenken stattfindet. „Nicht Besitz macht reich, sondern Freude“, „Erfahrungen sind der größte Reichtum“. Ich weeeiß, ich werde schon wieder so pathetisch. Aber Leute, ernsthaft. Ein echtes, tiefes Selbstwertgefühl wurzelt meiner Meinung nach eben nicht in materiellen Dingen, sondern im Bewusstsein, wer man ist und dass man okay ist, wie man ist. In einer Weltanschauung, die sich durch Toleranz und Gutmütigkeit auszeichnet.

Welchen Sinn hat es schon, sich an Gegenstände zu klammern, an Kleidung, Autos und Smartphones? Unser Wohl von etwas abhängig machen, das ohnehin dem Wandel der Zeit unterworfen ist?

Aber damit ist jetzt Schluss! Ich sortiere aus. Ich brauche Raum und ich brauche Zeit. Raum, der mich glücklich macht und Zeit, die mir das gewährt.

Danke, kulturweit, dass Du mich schon jetzt so herausforderst, noch bevor meine Zeit als Freiwillige überhaupt begonnen hat.

Eileen

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