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Lamento einer Person in der Antithese.

Es ist einige Zeit vergangen, seit dem ich das letzte mal etwas geschrieben habe. Genau genommen ist meine Aktivität auf diesem Forum bereits bei der Beschreibung meines Ankommens stagniert. Und nun sitze ich hier, im vierten Monat nach dem Tag, an dem sich meine Sinne das allererste mal diesem mildesten aller Klimata ausgesetzt sahen und versuche etwas halbwegs Brauchbares zustande zu bringen, während draußen die Sonne den Himmel bereits in ein malerisches Hellrosa taucht.

Später wird es tieforange, denke ich. Ich bin ein wenig zerstreut.

Es fällt mir schwer, dort anzuknüpfen, wo ich vor vielleicht zwei Monaten meinen Laptop zugeklappt habe, mir selbst versichernd, dass es wichtiger sei, meine begrenzte Zeit in diesem geschichtenreichen, noch unergründeten, neuen Zuhause zu verbringen, anstatt sich in verdunkelten Zimmern vor ungesund-neonartig ausstrahlenden Computerbildschirmen, ausschließlich dem bereits vertrauten Zuhause zu zu widmen.

Stattdessen beschloss ich damals, meine Internetpräsenz und die versprochenen Statusmeldungen zu vernachlässigen und mir lieber die Stadt zu Eigen zu machen. Ich lief einfach los. Oft ohne Ziel oder Idee, lediglich gedankenlos schweifend durch ein unbekanntes Dickicht aus Stromkabelverwirrungen und trüb getünchten Fenstersscheiben, gestriegelten, quadratischen Parks oder, von Plastiktüten umsäumten, Nebenstraßen. Auf diesen Streifzügen zog mich Neugier ebenso wie eine glückselige Rastlosigkeit, die ich perspektivistisch nur deshalb als solche entlarven kann, weil ich das Gefühl habe, dass sie mich in meiner, sich allmählich routinierenden Alltagsbewältigung, langsam verlässt.

Sicherlich eine natürliche Entwicklung.

Diese völlig neu entdeckte Unabhängigkeit, diese radikale Freiheit, diese Leichtigkeit im Umgang mit Fremden, diese Unvoreingenommenheit, die allen sozialen Hemmungen einen unverständnisvollen Blick zuwirft und sie mit beiläufigen Fingerschnippen lässig in Luft auflösen lässt…

Das waren Anfangsphänomene, die sich deshalb absetzen, weil ihnen eine spezielle Energie innewohnt. Etwas Pures, das Hesse treffend als jenen Zauber beschreibt, den wohl jeder Beginn anregend in sich trägt. Dieses Leuchten, dass dauerhaft die Züge entspannt und einen heiter hüpfen lässt durch die Welt,

in die man sich, vollständig fasziniert und überquellend vor emotionsgeladener Intensität, lebensbejahend einfügt.

Doch wohin fließt die Energie, wenn sich Aufregendes bald in Alltägliches verwandelt? Wenn der Anfang überwunden ist und die Normalität einkehrt?

Normal muss nicht schnöde sein. Aber man durchlebt Phasen.

Wäre ich nach Weihnachten zuhause geblieben, hätte ich vermutlich ewig mit der selben etwas entrückten Wahrnehmung auf meine Erfahrung zurückgeblickt. So bekomme ich das ganze hegelsche Paket. Und mir bleibt nur, mich herzlich für diese großartige These zu bedanken, zu akzeptieren, dass sie nun auch eine schleppende Antithese fordert und auf eine ausgeglichenere Synthese zu warten.

Ich erhoffe mir, diese generelle Offenheit und ein Lächeln für jedeN, der/die mir entgegenkommt, beizubehalten. Denn sie hat mir bisher nicht nur diskussionsreiche Geschichtsstunden mit väterlich, besorgten Straßenverkäufern verschafft und hier und da einen Einblick in die Gedankenwelt oder Biographie einer völlig fremden Person gewährt, sondern tatsächlich bereits einige gute Freunde geschenkt.

Solche Momente neuer Begegnungen strotzen vor Natürlichkeit und sie sind magisch, weil sie so völlig ohne Erwartungen auskommen.

Diese wenigen Minuten, in denen du zuhörst, nachfragst und Eigenes teilst, sind zeitdeckend von Bedeutung und ihr Wert liegt nicht in einer zwangsläufigen Fortsetzungen der Konversation in naher oder ferner Zukunft, sondern ausschließlich im Jetzt.

In diesen Minuten gibt es keinen Zweck, keine versteckte Absicht, nur das Sich-Einlassen auf seinE Gegenüber und ihre/seine Geschichte. Eine freundliche Unverbindlichkeit, die frei von Intentionen, von Interessen besteht und vor Augen führt, wie kaputt eigentlich die, in Deutschland oft erlebte Verhaltenslogik im Zwischenmenschlichen ist, die den Menschen primär nach seinem Nutzen kategorisiert.

Meiner Empfindung nach besteht dort ein stummer Konsens darüber, dass es sich eigentlich nicht gehört, zu interessiert zu sein, dass man „höfliche Distanzen“ einhält und dass es eher seltsam ist, von Fremden nach tieferen Dingen, als dem kürzesten Weg zum Hauptbahnhof gefragt zu werden. Promt meldet sich das Misstrauen zu Wort und fragt die/den GeschäftigeN, was diese aufdringliche Person ihr denn eigentlich verkaufen will.

Oft lassen wir uns einfach nicht ein auf das Unerwartete, Spontane. Das in dem streng getakteten Terminkalender erstens ehrlich gesagt ohnehin keinen Platz hätte, …denn es ist gleich schon 5 und ich muss noch mal fix ins Büro, dann schnell den Zug bekommen und dann wartet meine reizende Verlobte mit unseren herrlichen Kindern, im kürzlich bezogenen Einfamilienhaus in der Wohnsiedlung auf mich und hat hoffentlich schon den Braten fertig… und uns zweitens der Sinn für Detalles fehlt oder der Wille, das Interesse oder der Mut auf sie einzugehen, sich verführen zu lassen vom Reiz ihrer Macht, die gähnende Monotonie des immer Gleichen zu durchbrechen.

Das Problem liegt nicht im Ausbleiben von Möglichkeiten, solche Ausbrüche zu realisieren, es liegt in der Blindheit diese wahrzunehmen und in den meisten Fällen vor allem wohl im Unwille, auszubrechen selbst.

Das ist schade. Denn es könnte sehr einfach sein, aber jede Aussicht auf eine vergleichbare Offenheit wird im Negativzyklus der Befürchtung, selbst zurückgewiesen zu werden und der gleichsam zurückweisenden Haltung gegenüber anderen Personen, bereits im Keim erstickt.

Aber genug der Klage über meine verkorkste Gesellschaft und ihr unnatürliches Selbstverständnis, ich könnte darüber wahrscheinlich noch Tage weiter lamentieren ( UND EIGENTLICH IST ALLES SCHULD DER MODERNEN MEDIEN – UNSERE GENERATION VERLERNT, ZU KOMMUNZIEREN UND KREATIVES DENKEN SOWISO UND ÜBERHAUPT FRÜHER WAR ALLES BESSER. ALLES ALLES ALLES *ZETER ZETER SCHNAUB*),

aber ich versuche lieber schnell, in die Synthese einzutreten und möchte mich nicht sehr aufregen. Bis bald.

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