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Farmerbeats und Eiszapfen

Das ungewollt verblichene Pink des Logos der Busfirma über der Eisenpforte des Parkplatzes sang mir guten Morgen. Einen Anruf, suchendes Schweifen,  dann ein Gesicht zur Stimme. Ich folgte ihr in die bescheidene Empfangshalle. ,,Da bist du ja endlich’’ . Ich freute mich wirklich. Diese Frau kam mir kein bisschen fremd vor, schon fühlte ich mich zuhause.

Wir fuhren immer weiter raus aus dem Zentrum. Ich sah aus dem Fenster, unterhielt mich mit meiner Gastmutter. Sie schien den Taxista gut zu kennen. Ein privater Service der Wohngegend, in die er uns brachte. Dann der Banner über der schlaglöchrigen Autopista: Vive Mejor en Las Delicias. Wir passierten eine Schranke, der Wächter nickte uns freundlich zu. Und tatsächlich, prompt keine Straßenlöcher mehr. Als wir ankamen, hörte ich Wellenrauschen. Das war mein neues Zuhause. Das letzte, etwas unscheinbarere Haus einer durchaus imposanten Häuserreihe mit Meerblick auf der Rückseite.

Eine dunkelblaue Tür mit rostigem Schloss hieß mich willkommen. Dann stand ich in einem kleinen, offenen Innenhof mit Wäscheleinen zur linken, steinernen Wänden und einigem Gerümpel zur rechten Seite. Sie seien gerade erst umgezogen und es müsse noch Einiges gemacht werden, erklärte L. mir entschuldigend. Ich hörte nicht darauf, fand alles großartig! Hinter der unscheinbaren Fassade verbargen sich weiträumige Zimmer. Interessant strukturiert mit einer Treppe, die zu einem hellen Zimmer mit Rundblick aufs Meer führte. Griechisch anmutende Küchenschränke in königsblau im Kontrast zu kühlen Steinwänden wirkten erfrischend klar und ich musste an das Kinderbuch Mein Esel Benjamin denken, dass mich immer mit Nostalgie erfüllt, weil es so schön ist, dass man weinen möchte.

Zu meinem Zimmer führte ein schmaler Steinweg, der die Tür direkt mit dem Hof verband und deshalb etwas abgeschlossen vom restlichen Teil der Wohnung stand. Mein herrlich schrilles Zimmer strahlte in rosa, gelb und violett, und wurde von orangenen Gardinen abgerundet.

Ein weißer Plastikstuhl stand gegenüber meines, stets von der sympathischen Haushalthilfe frisch gemachten Bettes und meine Wand zierten Fotos von daheim und eine jüngst erstandene Plastikorchidee, die ich mit Paketband befestigt hatte.

Das sonst eher dunkle Zimmerchen verfügte über ein eigenes kleines Bad und eine Dusche, die mich meistens sogar mit warmem Wasser verwöhnte.

SEUFTZ sage ich, während ich diese Zeile tippe, weil mir zum vierten Mal ein EISZAPFEN aus dem Handtuch gerutscht ist. Ich schiebe die kleinen Kristalle zurück unter das Frottee und kuschel mich fester in meine neu erstandene Decke. Ich blicke mich um, sehe aus dem Fenster und mache Musik an. Einen Track von Ayllon. Das lief dort auch immer. Plötzlich ploppt ein Foto auf. Ich öffne meine letzte Whatsappkonversation und mir strahlt die unbeschwerte Natürlichkeit einer wahrhaftig harmonischen Familie entgegen. Mein Gastvater G., Verkaufer bei Herbalife, überaus besorgt und stets zuvorkommend und seine Frau L., Deutschlehrerin, herzlich, sehr familiär aber dabei jugendlich, ehrlich, manchmal schelmisch und immer liebevoll, schicken warme Grüße zur Nacht. ,,Liebe Grüße zurück. Auch an die Kinder!“

Die ältere Tochter M., auch Lehrerin an derselben Institution wie L. und ich, kümmerte sich bewundernswert geduldig um die herrlich eigenwillig, niedliche Prinzessin des Hauses, wenn dieser mal die Lust verging, die lustigen Farmersongs, die 24/7 aus dem Ipad quollen, mit den passenden Handbewegungen zu begleiten. Damit nahm sie L. viel ab, die alle Hände voll damit zu tun hatte, dem kleinen G. beizubringen, dass man Sand zwar essen kann, aber nicht sollte und dass es sicherlich erst einmal spaßig aussieht, im Dreckwasser zu planschen, aber Mami wirklich keine Lust hat, dir zum fünften Mal deinen Body zu wechseln.

Was für eine Familie, denke ich und es wird mir klar, wie dankbar ich ihnen bin. Nie hätte ich erwartet, dass ich so selbstverständlich und bedingungslos als eine hija alemana akzeptiert werden würde.

Trotzdem ist alles gut so, wie es jetzt ist, sag ich mir. Und blicke auf den selben weißen Plastikstuhl in dem nicht mehr selben Zimmer. Die langen Wege von der exklusiveren Wohngegend für 15 Soles bis ins Zentrum hinein wurden mir irgendwann nicht nur zu lang, sondern auf Dauer auch zu teuer. Außerdem sehnte ich mich nach radikalerer Unabhängigkeit.

Jetzt bin ich glücklich in einem 50 Euro Zimmer in einer 7FrauenWG (leider alles hijitas alemanas) mit eigenem Hausschlüssel in Zentrumsnähe.Und obgleich mir jede zweite Person sagt, dass die 5 etapa, San Andres muy peligrosa istmir davon abgeraten wird, nach einer bestimmten Uhrzeit mein Haus zu verlassenund einige Taxistas in die Parallelstraße nicht einmal hineinfahren, fühle ich mich freier als je zu vor.

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