post

Bienvenida a Peru

Es ist nun schon ein ganzer Monat verstrichen. Trotzdem möchte ich über mein Ankommen schreiben und ich werde versuchen, mich noch einmal ganz in diese Zeit hinein zu begeben, um dabei nichts zu vergessen, nichts zu übergehen oder zu vernachlässigen, was mir wichtig erscheint.

Es fällt mir nicht schwer, das zu tun. Ich erinnere mich noch gut an das Hotel, das zwischen Industriegebiet und Parkplatz, in der zweiten Haushälfte eines dubiosen Malereibetriebs keinen besonders vertrauenserweckenden Eindruck machte. Berlin, der 12.09. Als meine Mutter und ich nach ewigem Suchen zwischen Merkurstraße und Saturnweg und einer aufwühlenden Zugfahrt mit schwerem Herzen und Gepäck endlich den Rezeptionisten wach klingeln konnten. Hundemüde fielen wir ins Bett. Wie seltsam, dachte ich und fragte mich, was eigentlich den Unterschied zwischen Hostels und Hotels ausmacht, wenn in letzterem auch Zahnputzbecher in Gemeinschaftsbädern umher stehen. Wir schlossen die Tür ab. Es war die letzte Nacht in Deutschland. Meine Mutter begann gleichmäßig zu atmen. Ich werde dich vermissen, dachte ich. Dann schlief ich ein.

Der nächste Tag begann ähnlich eigenartig. Gegen sechs Uhr nahmen wir den direktBus zum Flughafen und ich gab mein Gepäck auf. Mit 22,7 kg im Koffer bei Akzeptanz von 23 kg und wenig Kulanz auf Seiten der Fluggesellschaft war ich heilfroh, vorher die Bodylotion raus gekickt zu haben. Nach einem überteuerten Frühstück kontrollierte ich meine ökonomische Situation: 20 Euro, nada mas. Kein Problem, ich würde ja ohnehin Geld von meiner Karte abheben können dann würde ich nicht einmal wechseln müssen. Das versicherte ich meiner Mutter, aber sie wollte nichts davon hören, drückte mir weitere 50 in die Hand und brachte mich zum Terminal.

Einen unsicherer Blick noch über die Schulter, einen Luftkuss, eine Abschiedsträne, dann war ich allein. Ich kaufte ein Wasser, kontrollierte nochmal, ob ich Pass, Ticket und Visum wohl beisammen hatte und war bereit.

Dann schallte die Durchsage durch den menschenüberfüllten Wartebereich, der Kapitän übernahm die Verantwortung und es tue ihm Leid, aber es gäbe ein Unwetter über Amsterdam und alle dort erwarteten Anschlussflüge würden vermutlich verpasst werden. Herrlich, dachte ich und freundete mich mit einer Nigerianerin an, die darauf wartete, zu einem Familienfest in ihre Heimat reisen zu können. Ich weiß nicht, ob sie jetzt dort ist und wie lange sie auf ihren Anschluss wartete, ich jedenfalls hatte Glück und kam hastigen Schrittes doch noch pünktlich an der wartenden Maschine in Amsterdam an.

Viele Stunden später fand ich mich ziemlich übermüdet am Flughafen von Lima wieder. Das Goethe Institut hatte dort für P. und mich ein Zimmer für die Nacht gebucht. Die Empfangshalle des Flughafens war gegen 6 Uhr Ortszeit ausgefüllt von erwartungsvollen Verwandten und rührenden Willkommensgrüßen. Die Stimmung war feierlich, es wurde Musik gemacht und immerzu mit Fahnen gewedelt und ich hätte mich sicher amüsiert, wenn ich ein wenig klarsinniger gewesen wäre. In meiner Müdigkeit wirkte das alles nur surreal. Wenig später observierte ich fahrend die größte Stadt Perus in dunkelschwarz und hellorange. Ich sog sie auf, ohne an Etwas zu denken, blickte einfach nur aus den getrübten Fensterscheiben des Taxis und lauschte der halblauten Reggaetonmusik, die dudelnd aus seiner Stereoanlage quoll. Mir war kalt. Hier war es Winter. Ich zog meinen Annorak an, den ich eigentlich nur aus Platzgründen ins Handgepäck verfrachtet hatte und schlug meinen Schal fester um mich.

Im Hotel kroch ich unter die Decke. Ich fühlte mich verloren. Ich war zu klein für dieses Bett, 24 Stunden Schlafentzug und eine unfreundliche Rezeptionistin hatten mich labil werden lassen. Ich hatte in der Aufregung am Flughafen kein Geld gewechselt, trank den letzten Schluck des Berliner Wassers und dachte daran, dass mir vom Leitungswasser hier in jedem Reiseführer freundlich abgeraten worden war. Ich nahm eine kalte Dusche, schlang meine Haare in das frisch gewaschene Handtuch und lehnte mich aus dem Fenster. Der Nebel in Lima war weißgrau und klebte am Himmel wie eine triste Jalousie. Man konnte sich selbst bei Nacht unter seiner grauen Decke wiederfinden, die jegliche Himmelskörper verbarg und sich schwerfällig auf die stöhnenden Balken der Häuser legte.

Irgendwo bellte einer der Straßenhunde. Das Putzmittel erinnerte mich an Nichts. Es hinterließ in mir das komische Gefühl, nicht sagen zu können, ob sein Geruch mir gefiel oder nicht. So als würde ich in einem Raum stehen, ohne zu wissen, ob ich mich dort wohl fühlte. Wie seltsam, dass der Mensch so nach Eindeutigkeit strebt. Das es so schwer scheint, die Dinge einfach bestehen zu lassen ohne sie zu klassifizieren. Aber genau das tat ich in diesem Moment nicht. Ich verspürte nicht den geringste Notwendigkeit darin, meine Eindrücke zu evaluieren oder zu analysieren. Was mich meinen menschlich, internalisierten Klassifikationsdrang dennoch spüren ließ, war einzig die Erfahrung, dass ich es als ungewöhnlich empfand, so selbstverständlich auf ihn zu verzichten.

Am nächsten Morgen frühstückte ich mit P. eine herzhafte Tomatensoße mit labrigen Brötchen und dünnlichen Kaffee. Ich hatte mich morgens in ihr Zimmer hinunter geschlichen. Wir waren gut aufgelegt, freuten uns über unsere Unfähigkeit, die Karte besser verstanden zu haben und ich war dankbar, sie bei mir zu haben.

Um Zehn Uhr wurden wir im Goethe Institut erwartet, einem modernen Gebäude in schöner Lage. Unser Betreuer J. empfing uns mit herzlicher Umarmung und einer Flasche mit trinkbarem Wasser, die ich dankbar annahm. Ich freute mich, die anderen wiederzusehen und war gespannt auf das, was mich erwartete.

Nach dem Seminar wechselte ich Mamas Euros. Ich kaufte mir eine Prepaid  Sim Karte  und schrieb meiner peruanischen Gastmutter, dass mein Bus am nächsten Morgen planmäßig gegen 6 Uhr ankommen sollte. Nachdem wir diese Formalitäten organisiert hatten, entschieden wir uns für einen spontanen Trip nach Miraflores. Mit einem Mikro fuhren wir durch Limas Straßen. Entlang an modernen Wolkenkratzern, blinkenden Claro – Werbungen und kleinen Appartements mit bunten Fassaden. Ich sah Palmen inmitten der Stadt und lauschte der reichen Geräuschkulisse. Ich beobachte meine Freunde, wie sie, auf den winzigen roten Ledersitzen sitzend, über Reisepläne sprachen und fühlte mich plötzlich angekommen und eingenommen von einer wohligen Wärme, die mich ganz ausfüllte.

„Ich wäre jetzt auch gern schon da“ sagte mir P. während wir auf den unfassbar bequemen Schlafsesseln einer peruanischen Busgesellschaft Richtung Trujillo rollten. Für die anderen Volontäre war Lima die Endstation gewesen, P. und ich mussten am selben Abend noch weiter gen Norden.   „Trujillo wird auch gut“, versicherte ich ihr. „Wenigstens soll das Wetter besser sein“. Trujillo, die Stadt des ewigen Frühlings.

Wir schliefen fest auf 160 Grad Sitzneigung und bemerkten erst, als wir aufwachten, dass wir eigentlich schon vor zwei Stunden hätten angekommen sein müssen. Ein Blick auf mein Handy. Sechs verpasste Anrufe. Panisch schrieb ich meiner Gastmutter. „Oh Gott, eigentlich hätten wir schon längst da sein müssen. Es tut mir so leid.“ 

Prompt erreichte mich ihre Antwort. Sie bemühte sich nicht darum, weiter nachzuhaken, implizierte ihre Erklärung  nur in einer Zeile Text. Auf meinem kleinen Bildschirm las ich…

Bienvenida a Peru, Julia..

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.