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Maskentypen, Gefühlscocktails und französische Flugversuche

Dichotomie der Gefühle ?

Die Vielschichtigkeit der Komponenten einer Gefühlswelt in ihrer feinsten Nuancierung darzustellen, ist ein nahezu illusorisches Unterfangen und bedarf feinfühliger schauspielerischer Sensibilität. Neben der potenziellen Missverständlichkeit in der Vermittlung einer Emotion, die vom Inszenierenden ausgeht, liegt eine Schwierigkeit zusätzlich darin, dass der/die Rezipierende sie allein in Bezug auf seine/ihre subjektive Erfahrung assoziiert und verarbeitet. In einem Publikum findet man dabei also genauso viele Interpretationen wir Personen im Raum, was ein objektiv gleiches Empfinden der Subjekte über das vom Schauspielenden inszenierte Geschehen, undenkbar macht.

Im antiken griechischen Theater benutzen die Darstellenden, um die Vielzahl der möglichen Interpretationen einzugrenzen und die Impressionen möglichst zu vereinheitlichen, typisierte Masken (gr. persona). Diese waren in der Regel mit dem Ausdruck einer unverwechselbaren Gefühlsregung bestückt. Diese simplifizierenden Emotionsmarker sollten eine allgemeine Emotion verkörpern. Doch auch diese klaren Verkörperungen wurden vom Publikum natürlicherweise mit persönlichen Empfindung verkünft und lösten verschiedenartige Assoziationen und Gefühle aus. Intersubjektiv betrachtet waren die Ausformungen der Emotionen im Publikum also höchst divers.

Dennoch bezogen sie sich bei jedem Subjekt auf die selbe Simplifizierung und diese war als Bezugsobjekt in jeder Ausformung  persönlicher Emotion enthalten.

Die Bezugsobjekte weinende und lachende Maske,  welche für die zwei dramatischen Gattungen Komödie und Tragödie standen, sind zum Symbol der antiken Schauspielkunst geworden und kennzeichnen bis heute schauspielerische Inszenierungen. Aber welche Rolle spielen typisierte Masken, Simplifizierungen und Interpretationsspielräume in diesem Zusammenhang? Nur Geduld, ich werde darauf zurückkommen.

Die letzte Woche verbrachte ich in dem ökumenischen Kloster Taizé, einer 1949 in Burgund gegründeten Bruderschaft, die heute unter Jugendlichen verschiedenster Herkunft, Konfession und Nationalität eine besondere Popularität genießt. Ich habe schon oft versucht, den Zauber der Atmosphäre dieses Ortes in Worte zu fassen und es bleibt jedes mal auf’s Neue bloß die Einsicht, dass man diese ausgelassene Innerlichkeit nicht erklären kann, sondern dass diejenigen, die vorbehaltlos genug sind – für ein einfaches Leben mit unzureichend gesalzenem Essen, freiwilligem Kloputzen und drei Gebeten am Tag, bei denen man, auf dem Boden hockend, kurzzeilige, vielsprachige Melodien wiederholt – sich einfach selbst ein Bild machen sollen.

Taizé ist ein Ort, an dem unterdrückte Emotionen an die Oberfläche geraten, an dem jedeR in seiner/ihrer Existenz wertgeschätzt wird, ehe überhaupt seine/ihre Essenz offenbar wird und an dem die Bedürfnisse des Menschen nach Liebe und Gemeinschaft radikal natürlich erscheinen, während sie in der erdrückenden Sachlichkeit des pragmatisierten Alltags oft heruntergespielt werden.

Mein Freund G. konstatierte einmal, Intimität sei geteilte Verletzlichkeit. Ich glaube, dass es genau diese menschliche Ebene ist, die in Taizé so universell erfahrbar ist und die versandeten Naturböden und weißen Plastikzelte zu einem unvergleichlichen Platz transzendiert.

Der perfekte Ort also um zu begreifen, dass man in ungefähr einem Monat vollständig aus seiner vertrauten Umgebung ausbrechen wird und das Nest verlässt, das seit 18 Jahren zuverlässig Schutz und Wärme spendet. Das vertraute Zuhause, in dem sich jedes Stöckchen perfekt zusammenfügt hat zu einem behüteten Lebensraum und in dem man sich um nichts Bedeutenderes sorgen musste als die unergründliche Willkür bei den S-Bahn Fahrzeiten des Leipziger Nahverkehrs.

Ja, daheim ist ein einzigartiger Zufluchtsort und wird diese Besonderheit wohl ewig in sich tragen. Aber auch das Vogeljunge, dem es in seinem Nest an nichts fehlt, hegt den eines Tages den Wunsch, dem Himmel, den es fasziniert von fern beobachtet, ein wenig näher zu kommen. Selbst wenn der Schritt über den Nestrand nach Herrausforderung schreit, so ist er doch der einzige Weg, den eigenen Horizont nicht an den Stockenden der behüteten Oase enden zu lassen.

Wenn ich darüber eingehend nachdenke, so komme ich zu dem Schluss, dass selbst das Verbleiben an einem so friedvollen Platz wie Taizé mich auf Dauer nicht ausfüllen könnte. Abgesehen davon, dass dieser Lebensentwurf in meiner Selbstprüfung ohnehin irgendwann am Eskapismusvorwurf scheitern würde, hab ich ein dringendes Bedürfnis nach Neuem: Ich muss fort, möchte die Welt sehen und bin zu neugierig, um meinen Schnabel nicht wenigstens ein Stück weiter über den Nestrand zu schieben.

Als meine Freundin L. im Laden von Taizé den Kaffee entgegennahm, den es dort zum Selbstkostenpreis gibt und der (trotz Fairtrade Siegel) deshalb nur 40 ct. kostet, sagte sie mir etwas, worüber ich länger nachdenken musste. Wir unterhielten uns gerade über meinen Abschied und sie blickte dabei auf die ausgelassene Menge, die sich um einen Gitarrenspieler versammelt hatte und inbrünnstig Justin Biebers ,,Love yourself“ performte. Dann schaute sie mich an und sagte ,,man geht immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge“.

Ein lachendes und ein weindendes Auge – ein fröhliches und ein trauriges Maskenmeme.

Diese Banalisierung kann der Fülle an Empfindungen, die in Anbetracht der ersten Flugversuche auf einen einprasseln, kaum gerecht werden. Sind diese doch viel komplexer, oft in sich selbst wiedersprüchlich oder sogar ganz neuartig und unbestimmbar.

Es erscheint also unmöglich, sie einem dieser typischen Ausdrücke zuzuordnen. So klar lassen sich Emotionen intersubjektiv nicht in positive oder negative Gefühlsregungen, in weinende und lachende Maske dichotomisieren. Und ebenso wenig, wie das Publikum in der griechischen Antike ein und dieselbe Assoziation haben konnte, wenn ein allgemeiner Ausdruck mithilfe der weinenden oder lachenden Maske vermittelt wurde, so wenig lassen sich bestimmte Emotionen überhaupt in diese Kategorien klassifizieren.

Es handelt sich meiner Empfindung nach, eher um einen Cocktail aus unbestimmten Mischgefühlen, in dem ungreifbare Emotionsliquide zu einer Masse zerfließen.

Und obwohl es unzählige Komponenten sind, die den Gefühlscocktail bilden, lassen sich die Extreme Süße und Bitterkeit immer klar herausschmecken. Gibt es doch – und das ganz objektiv, wenn auch bei jedem/jeder einzelnen verschiedenartig besetzt – immer einen positiven und einen negativen Pol, Süße und Bitterkeit,  ein lachendes und ein weinendes Auge, eine traurige und eine fröhliche Maske, zwischen denen sich alles bewegt. Ja und Nein sind also an sich in der Gefühlswelt existent.

Der entscheidende Unterschied liegt bei den beiden Bildern darin, dass bei einem Cocktail die Zutaten an erster Stelle stehen, substanzgebend sind und man letztendlich beide Pole im Getränk herausschmecken kann. Wohingegen bei der Idee eines lachenden und weinenden Auges lediglich die Finalität erfasst wird – nicht die Auslöser im Vordergrund stehen, sondern allein die Pole, die – wie bereits festgestellt –  jedeR ohnehin individuell besetzt.

Es ist zu kurz gegriffen, die Vielfalt an Emotionen, die das Wegfliegen auslöst, durch Ja und Nein zu erklären. Alle Emotionen befinden auf einer Geraden zwischen lachendem und weinendem Auge, sind nicht nur das eine oder das andere, sondern gehen darüber hinaus,  auch wenn bestimmte Emotionen ein lachendes oder weinendes Auge zur Konsequenz haben.

Klar ist trotzdem, dass jede individuelle Gefühlsnuance durch mindestens eines der beiden Extreme eingefärbt ist und es als solches enthält. Dass es außerdem unter Umständen einer Typisierung bedarf, um sich über bestimmte Emotionen zu verständigen und dass im Cocktail Süße und Bitterkeit ja überhaupt erst eine raffinierte Geschmackskomposition ausmachen.

Ich persönlich fahre aber nicht mit einem lachenden und einem weinenden Auge, sondern mit einer unbestimmbaren Emotionsmasse dazwischen, die zwar beide Maskengesichter in sich trägt, aber darüber hinausgeht und sich nicht so leicht auseinanderdröseln in eine der beiden Gesichtshälften einordnen lässt.

Womit ihr jedoch rechnen könnt, ist dass ich noch ein paar gehörige Schlücke aus meinem ganz persönlichen Cocktailglas nehmen werde, ehe ich den Schritt über den Nestrand wage.

Cheers.

 

 

 

 

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