Байка́л

Lang, lang ist es her…

Über Neujahr war ich mit meinen „kulturweit“-Mädels in Sankt-Petersburg. Weihnachten nachfeiern, Silvester feiern, das Neue Jahr feiern. Feiern, dass wir uns gefunden haben und gemeinsam hier sind.

Mein Aufenthalt in Piter wurde durch den Besuch meiner Eltern abgerundet. In fünf Monaten allein in Russland ist mir eins sehr deutlich bewusst geworden, wie sehr ich meine Eltern und meine Familie liebe.
Nicht dass das jetzt falsch verstanden wird, ich liebe sie immer, egal wie sehr wir uns streiten oder wie sehr sie nerven.
Vermutlich macht die Distanz es einem nur umso bewusster. Niemand kennt mich besser. Mit niemanden kann man sich so gut streiten und vertragen. Niemand wird mich so verstehen wie sie und so bedingungslos lieben können wie sie.
Und so habe ich mich immer wieder über Dandys Satz gefreut: „Ach wie schön, dass du dich kaum verändert hast“. Natürlich folgte daraufhin jedes mal der Satz: „Obwohl wir es doch so gehofft hatten“. Auch ich war froh festzustellen, dass Daddy sich in den fünf Monaten meiner Abwesenheit auch kaum verändert hat.

Zurück in der Schule und ich fange an zu merken, dass das hier bald zu Ende geht. Das wird auch den Lehrer*innen bewusst und so versucht jede*r mich noch mal fleißig in Projekte einzubinden. Das bedeutet viel Arbeit, aber Arbeit die Spaß macht.

Am 09.01.2018 stand ich das erste Mal in meinem Leben auf einem Skiern. Die Langlauf-Strecken sind fünf Minuten zu Fuß von meiner Wohnung entfernt und so schaffe ich es, das Ski-Fahren in meinen Alltag zu integrieren. Und seitdem trainiere ich jede Woche 2-3 mal und werde (man glaubt es kaum) wirklich besser. Ich falle meistens nur noch einmal hin und Muskelkater habe ich auch kaum mehr.

In der letzten Januar-Woche ging dann meine Sibirien-Reise los. Mit dem Nachtzug bin ich nach Moskau gefahren und habe mich dort mit Louise getroffen. Louise, eines der „kulturweit“-Mädels, kommt aus Hannover und ist 6 Monate an einer DSD-Schule in Tambov. Zusammen mit vier Jute-Beuteln voll Picknick steigen wir am 26.01 um 13:10 Uhr in den Zug Nr. 82 von Moskau nach Ulan-Ude. Vor uns liegen vier Tage im russischen Großraum-Waggon auf der transsibirischen Strecke zwischen Moskau und Irkutsk.
Der Großraum oder die dritte Klasse, dass bedeutet: 54 Schlafplätze, zwei Toiletten, zwei Schaffnerinnen und ein Samowar. In unserem Waggon sind wir die Einzigen, die eine so lange Strecke fahren und unsere Bett-Nachbar*innen wechseln täglich. Wir lernen jeden Tag neue Menschen und neue Geschichten kennen. Mit einigen Mitreisenden können wir uns auf Englisch unterhalten, aber meistens müssen wir uns mit unserem miserablem Russisch durchkämpfen.
4 Tage mit dem Zug zu reisen war unglaublich entspannend. 4 Tage lang nichts tun; lesen, aus dem Fenster, gucken, schlafen und reden.

Am ersten Tag in Irkutsk sind wir mit dem Bus nach Listvyanka gefahren. Listvyanka liegt ca. 70 km von Irkutsk entfernt am Ufer des Baikals.
Der Bus hält am Hafen. Wir steigen aus und dann liegt er vor uns, der Baikalsee.
Strahlender Sonnenschein und Eis soweit das Auge reicht. Wir sehen das Eis, frei von Schnee. Bei klarer Sicht können wir die Berge am gegenüber liegenden Ufer erahnen. Und dann die Größe und Weite – mit nichts zu vergleichen und keinen Worten zu beschreiben.
Die Temperaturen (-18 Grad) gestatten uns stundenlang auf dem Eis zu laufen. Die unbeschreibare Größe gibt einem ein sonderbar schönes Gefühl von Freiheit. Sich grenzenlos, kreuz und quer in alle Richtungen, endlos lang bewegen zu können.

Über Couchsurfing haben wir in einer Studenten-WG übernachten. Wir haben die Abende gemeinsam verbracht und uns tagsüber Irkutsk angeguckt.
Und wir haben uns dann auch doch noch spontan mit Jannik, dem „kulturweit“-Freiwilligen aus Irkutsk getroffen. Am 01.02 sind wir nach Moskau zurück geflogen, haben noch einen Abstecher zum Roten Platz und zum Moscow river gemacht, bevor wir uns wieder voneinander verabschieden mussten.

Ich kenne Louise erst seit September und in den 1 1/2 Wochen haben wir sehr intensiv viel Zeit zusammen verbracht. 4 Tage lang im Zug auf engstem Raum, zusammen den Baikal erlebt, etc.
Aber es hat funktioniert. Mehr als das. Es hat einfach gepasst. Wir hatten ähnliche Vorstellungen und Wünsche für die gemeinsame Zeit. Wir konnten stundenlang nur reden und selbst am letzten Tag sind uns die Themen nicht ausgegangen.
Eine Wellenlänge auf dem sonst zugefrorenen Baikal.

 

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