Mehr als einen Monat später

Über einen Monat ist es jetzt her, dass ich das letzte mal was in meinen Blog veröffentlicht habe. Ich kann gar nicht so genau sagen, woran das eigentlich liegt.

Vielleicht, weil ich seit Oktober 6 Tage die Woche in der Schule bin und es sich langsam Alltag eingeschlichen hat.
6:33 Uhr – der Wecker
7:26 Uhr – Wohnung verlassen
7:49 Uhr – in den Bus einsteigen
8:30 Uhr – Beginn der ersten Stunde
12:00 Uhr – Mittagspause
14:00 Uhr – Hausaufgaben-AG
15: 00 Uhr – Feierabend
Dienstags: Schwimmen
Montags, Mittwochs, Sonntags: Fitness

Der Alltag ist da und mit ihm verschwindet jegliches Aufgeregt-sein in meiner neuen Welt. Mit „morgens früh aufstehen“ habe ich kein Problem, eher mit „abends alleine sein“. Oder vielmehr die Angst davor. Denn Allein-sein bedeutet Nachzudenken.
Nachzudenken, ob man bereit ist, für 4-5 Monate lang Schnee.
Nachzudenken, ob man schon Heimweh hat.
Nachzudenken, wen oder was man eigentlich am meisten vermisst.
Nachzudenken, ob man glücklich ist.
Und wenn man dann wirklich mit einer Tasse Tee auf dem Sofa sitzt und einfach nur nachdenkt und aufhört seine Gedanken zu kontrollieren, dann ertappt man sich dabei über Dinge nachdenken, an die man eigentlich nicht mehr denken wollte. Oder endlos lange der Heimweh-Frage nachzugehen.
Aber man sitzt dann da auf diesem Sofa. Mit dem dampfendem Tee. Alleine. Und dann bahnen sich diese Gedankenfetzen an und man kann nichts gegen sie tun.

Ist das Heimweh? Dieses viele Gedanken-Denken.
Ich glaube nicht. Für mich ist ist eher die Sehnsucht nach bestimmten Menschen. Das sehnsüchtige Erinnern an erlebte Augenblicke (Augenblicke, die sich nie wieder in dieser Form wiederholen werden). Und der Wunsch den Menschen in die Augen zu gucken, wenn man mit ihnen kommuniziert, um dann vielleicht am Ende sogar in die Arme genommen zu werden.

Aber es gibt auch viele Momente hier, die mich am Gedanken-denken oder am Sehnsüchtig-sein hindern.
Abends mit der „Gastfamilie“ Tee trinken. In einem Projekt mit den Schülerinnen* zusammen das Thema „Müll-Trennung“ aufarbeiten. Zusammen kochen (Kaiserschmarren, Блины, Пельмени, Вареники). Klassenausflüge. Fünf Projekt-Tage mit „Tape-Art“ und Sven Linnert. Schneeballschlachten. Musik hören.
Und so kommen auch im November immer noch Dinge, die mich aufgeregt sein lassen.
Am 18.11 fahre ich mit Эля zusammen für 4 kurze Tage nach Москва . Auf dem Programm stehen Kreml, Bolshoi-Theater, Moscow-City, Roter Platz, etc. bevor ich mit Merle zusammen in den Flieger nach Berlin steige. In Berlin beginnt dann von Neuem die Odyssee für mein zweites Visum und dann weiter nach Wroclaw (Breslau) zum KULTURWEIT-Zwischenseminar.

Im Sommer bevor mein FSJ begann, dachte ich noch, wie blöd es doch ist, das Alles hier unterbrechen zu müssen und zurück nach Deutschland zu fahren. Natürlich kann ich jetzt nicht mehr behaupten „einmal 6 Monate (am Stück) in Russland gelebt zu haben“. Aber ich freue mich trotzdem auf meine „Ferien“.
Ich freue mich meine KULTURWEIT-Mädels wiederzusehen und gemeinsam Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen.
Sie geben mir hier so krass viel Kraft, Vertrauen und das Wissen, dass in diesem Riesen-Land noch jemand* ist. Jemand, der sich manchmal genauso fremd fühlt, der auch 96% des Gesagten nicht versteht und der seine Komfort-Zone auch ziemlich oft verlassen muss. Durch sie fühle ich mich stärker. Durch das Wissen nicht alleine zu sein.

(Ausser vielleicht wenn man feststellt, dass man kein Internet mehr auf seiner Sim-Karte hat, weil man zu lange nach Yakutsk telefoniert hat und die Frei-Minuten anscheinend doch nicht für ganz Russland gelten:)

 

Deutschunterricht in Klasse 11

 

Ergebnis der Projektwoche „Tape-Art“

 

Ergebnis der Projektwoche „Tape-Art“

 

Galsky-Manor

 

Besuch einer städtischen Bürger-Initiative zum Trennen von Müll

 

Besuch einer städtischen Bürger-Initiative zum Trennen von Müll

8 thoughts on “Mehr als einen Monat später

  1. Du bist einfach wundervoll ! Es ist schön zu lesen was du erlebst und wie es dir geht …ich denke an dich und freue mich so dich wieder zu sehen !
    Eine +36 Grad warme Umarmung
    -Jules

  2. Hi Pauline,
    ich erzähle Hannah immer, wenn Du was Neues geschrieben hast. Wir denken an Dich!
    Liebe Grüße aus dem feuchten, norddeutschen Tiefland
    Isabel

  3. Hallo liebe Pauline, hier Esther aus Serbien! 🙂
    Ich las deinen Blogpost und dachte: Mei, der gehts genauso wie mir! Das elende, nie enden wollende Gedanken-denken sobald man allein ist, sucht mich auch immer wieder mal heim. Und es ist – wie du es so schön beschreibst – aber auch genau so schnell wieder weg, findet man nur die richtige Ablenkung. Wahrscheinlich gehört das irgendwie zum Erwachsen-werden dazu, mit seinem eigenen lauten Kopf klar zu kommen 😉 Müssen wir wohl durch.
    Es ist jedenfalls schön zu lesen, dass es zumindest eine „Leidensgenossin“ gibt! 🙂
    Ich wünsch dir alles Gute und weiter eine zauberschöne Zeit! Deine Esther

  4. Countdown: noch 18 Tage. Dann sind wir wieder vereint und unser neues kleines Abenteuer beginnt. Schöner Text, Paul! Das mit dem Nachdenken trifft auch bei mir genau auf den Punkt. Bleib stark, du weißt, dass ich da bin.

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