Public Viewing: 7 spannende Orte zum Fussballschauen

Meine Reise im Juni führt mich in zwei grundverschiedene Regionen des Landes: Nach Boyacá und an die Pazifikküste. Zeitgleich beginnt die WM in Russland und das Kunststück der folgenden zwei Wochen besteht darin aktiv zu reisen, aber trotzdem ab 7 Uhr am Morgen Fussball zu schauen.

1) Villa de Leyva, Busterminal

Nicht weit von der Hauptstadt Bogotá liegt ein kleines, weissgetünchtes Dorf mit Kopfsteinpflastern. Villa de Leyva ist von Bergen, trockenen Tälern und Páramos umgeben. Das erste Kolumbienspiel, das in der 4. Minute durch einen Elfmeter verloren geht, schaue ich mit einer Gruppe aus Taxifahrern, Ticketverkäufern und Rentnern am Terminal des Dorfes. Bei Anpfiff um 7 Uhr sind ein Tinto und eine Empanada natürlich Pflicht. Trotz 10 Grad Lufftemperatur kochen die Emotionen: Kolumbien verliert gegen Japan.

2) Villa de Leyva, Café Monserrate

Deutschlands Niederlage gegen Mexiko verfolge ich in einem kleinen Café im Ortskern von Villa de Leyva. Rund um die riesige Plaza haben sich viele Restaurants, Kunsthandwerksläden und Cafeterías angesammelt. Vor allem wohlhabende Hauptstädtler besuchen das Kolonialdorf an den Wochenenden, deshalb sind die Grundstückspreise stark gestiegen und eine Art Gentrifizierung findet im historischen Zentrum statt. Im Café Monserrate bin ich der einzige leidende Deutsche, während alle um mich herum euphorisch Mexiko zujubeln.

3) Bogotá, Parilla del Terminal

Nach einigen Tagen in den Bergen komme ich kurz vor Beginn des nächsten Deutschlandspiels in Bogotá an. Der Verkehr im Stadtgebiet ist legendär stockend, weshalb ich schwitzend in ein Parilla-Restaurant in Salitre platze und mir ein Mittagessen bestelle. Nicht einmal Geld habe ich dabei und muss in der Halbzeitpause zum Geldautomaten rennen. Die Hauptstadt hat mich voll eingesaugt und nach den smogfreien Tagen zuvor stecke ich nun wieder inmitten von Menschen, Bussen und Abgasen. Das Spiel gegen Schweden ist glücklicherweise ein voller Erfolg und Kroos versenkt die Kugel in der Nachspielzeit.

4) Bogotá, Bodega de BBC

Der Flug an den Pazifik ist längst gebucht und mein Zwischenstopp in Bogotá neigt sich nach vielen Museumsbesuchen dem Ende zu. Nahe des Museo del Oro befindet sich das Restaurant „Menta & Miel“, ein richtig leckerer Geheimtipp für Bogotá. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite schaue ich Kolumbien gegen Polen in der Bar der „Bogotá Beer Company“. Dort gibt es eine riesige Leinwand, teures Craftbeer und komisches Publikum. Ältere Touristen, reiche kolumbianische Paare und einsame Seelen scheinen sich hier zu versammeln. Wer für ein Bier gern 20.000 Pesos bezahlt, der ist bei BBC richtig. Aber bei drei Toren gegen Polen feiert natürlich der ganze Laden, unabhängig vom Bierpreis.

5) Bahia Solano, Tienda an der Ecke

Schwüle Hitze herrscht in Bahia Solano, zwei Flugstunden von Bogotá entfernt. Nur durch Schiffe und Flugzeuge ist die Pazifikküste hier mit dem kolumbianischen Inland verbunden. Um das entscheidende Deutschlandspiel zu sehen, muss ich alle Bars in Bahia Solano abklappern. DirecTV gibt es nur in einer Tienda auf der anderen Seite des Flusses. Dort sitze ich also auf einem Plastikstuhl inmitten von Haushaltsartikeln. Ich ertrage den Spott der Umstehenden und sehe mir den Sieg Südkoreas an.

6) El Valle, Bar des „Humpback Turtle“

Im Tuc-Tuc circa 45 Minuten von Bahia Solano entfernt liegt ein weiterer kleiner Ort: El Valle. Im Ortskern herrschen einfache Verhältnisse, Fischerboote schippern in der Flussmündung und am Strand kann man eine Walflosse weit draussen im Wasser erahnen. Hier, am großen Strand, befinden sich mehrere Hostels. Die Menschen surfen, machen Touren zu Wasserfällen oder verbringen Zeit in Hängematten. Das „Humpback Turtle“ am hinteren Ende der Bucht verfügt über eine Bar im ersten Stock, wo ich zusammen mit einem deutschen Freiwilligen, der Köchin, dem Hausmeister und einigen Surfern das Spiel von Kolumbien sehe. Der wichtige Sieg gegen Senegal, die Palmen und die Meeresluft regen den Hausmeister sogar zu einem Tänzchen an. Mann des Tages: Yerry Mina!

7) Medellín, Aeropuerto Olaya Herrera

Von der Sonne verwöhnt und mit frischen Erinnerungen im Gepäck komme ich nachmittags in Medellín an. Der Satena-Propellerflieger schafft die Landung auf dem Stadtflughafen pünktlich vor Anpfiff des Achtelfinals: Kolumbien – England. In der Abflughalle läuft das Fussballspiel auf einer Leinwand. Die Stimmung entwickelt sich prächtig, jeder sitzt mit seinem Gepäck vor der Leinwand und fiebert dem Ausgleichstor entgegen. Als ein kolumbianisches Tor in der Nachspielzeit fällt, hält es niemanden auf seinem Stuhl. Musik wird aufgedreht, Salsa getanzt, ältere Männer springen auf und ab, jeder beglückwünscht sich. Als die Briten im Elfmeterschiessen gewinnen, löst sich die Versammlung auf. Die Taxifahrt nach Hause ist bedrückend, eine ganze Nation enttäuscht. Aber obwohl es zum ersten kolumbianischen WM-Titel noch nicht gereicht hat: Es gibt in Kolumbien sehr schöne Orte zum Fussballschauen!

 

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