Zweite Anekdote

In den Jahren bevor Magdalena von FARC-Rebellen entführt und gefangen gehalten wurde, wuchs sie in einem kleinen Dorf in der kolumbianischen Provinz Antioquia auf. Magdalena ist mit Leib und Seele eine Paisa. Aber für ein Mädchen auf dem kolumbianischen Land ist es immer noch schwierig, Träume zu verwirklichen und ein eigenes Ding zu machen.

Magdalena sagt, dass ihre Eltern vor ihrer Geburt mindestens 10 Kilogramm Marihuana geraucht haben – sonst wäre ihr eigenes Leben nicht so verrückt verlaufen. Ihre Kindheit verbrachte sie inmitten von Künstlern, Musikern und Bauern. Ihr Geburtsort war für seine kreativen Seelen bekannt, insbesondere für den dort geborenen Sänger Juanes. Magdalena übte sich im Klarinettespiel und fing bald an zu malen. Als sie jedoch die Schule beendet hatte, änderte sich ihre Situation: Sie musste Geld verdienen.

Da in Kolumbien nicht zwingend eine pädagogische Ausbildung vorausgesetzt wird, wurde Magdalena Lehrerin. In ihrem Dorf kannte sie alle Schüler, und sie war auch kaum älter als ihre Schützlinge. Sie sagt, sie habe in jedem Schüler seine Talente gesehen – der eine konnte zeichnen, die andere tanzen oder mathematische Zusammenhänge analysieren. Und sie riet jedem Einzelnen, genau das zu machen, was sein Talent ihm nahelegte: Zeichner, Tänzerin, Mathematiker. Der erste Berufswunsch im Leben ist entscheidend, sagt Magdalena. Denn hier offenbaren sich wirkliche Leidenschaften.

Zu einer Kindheit auf dem Land in Kolumbiens 80er-Jahren gehörte leider immer auch die Violencia. Überall tummelten sich Guerillagruppen oder Paramilitärs. Schutzgeld zu bezahlen war für die Bauern normal und ein Toter auf der Straße kam vor. Natürlich erlebte auch Magdalena als Lehrerin diese Zeit mit: Sie erzählt mir von einer besonderen Schülerin, die so hübsch wie kein anderes Mädchen im Dorf war. Sie hatte hellbraune Haare und grüne Augen und stach aus jeder Gruppe heraus. Eines Abends, bei der Feria des Dorfes, bat ein junger Mann sie zum Tanz. Er verliebte sich in das schöne Mädchen, doch sie wusste genau, mit wem sie es zu tun hatte: Er war der Anführer der lokalen Paramilitärs. So wandte sie sich von ihm ab, der junge Mann verließ mit seinen Leuten die Feria und einige Wochen tat sich nichts. Dann erschien das schöne Mädchen nicht zur Schule und Magdalena bekam Angst.

Unsere Protagonistin war zu diesem Zeitpunkt selbst erst etwa 20 Jahre alt. Gemeinsam mit ihren Schülern und Menschen aus dem Dorf machte sie sich auf die Suche nach ihrer fehlenden Schülerin. Nach stundenlanger Suche fanden sie das vermisste Mädchen an einem Baum. Gefesselt, vergewaltigt – und ohne Kopf.

Magdalena arbeitete noch einige Zeit als Lehrerin. Es ist schwer vorstellbar, wie eine Kindheit und Jugend verläuft, die so sehr von der Gewalt geprägt ist – in Kolumbien ist Magdalena kein Einzelfall. Schon als Kinder haben viele Kolumbianer, die jetzt zwischen 30 und 40 Jahre alt sind, Tote und Gewaltverbrechen mit ansehen müssen. Schuld daran sind kriminelle Strukturen im Land, die durch den bürgerkriegsähnlichen Wettstreit der Drogenkartelle und den weltweiten Absatzmarkt für Kokain entstanden sind. Magdalena kann mit fester Stimme über das sprechen, was sie als 20-jährige Lehrerin gesehen hat. Aber man merkt ihr an, wie tief manche Wunden sitzen.

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