Dinge, an die ich hier denke

Pablo, Paisa, PASCH – so hab ich mir Kolumbien vorgestellt, als ich noch in Deutschland an meinem Schreibtisch saß. Schon auch wegen Narcos. Und wegen Wikipedia. Und wegen den ganzen PASCH-Newslettern und Login-Daten und Vorstellungsschreiben, die ich erhalten hatte. Kolumbien habe ich auf drei Begriffe reduziert und bin ganz gut damit gefahren – allerdings sind die Themen Pablo, Paisa, PASCH nur drei kleine Teile im bunten Kolumbienpuzzle. Welche Rolle spielt Pablo Escobar denn aber nun in meinem Leben?

Pablo Emilio Escobar Gaviria, „El Patrón“, ist hier immer noch ein Thema. Natürlich: Bei so vielen Toten im Drogenkrieg haben viele Menschen ihre Angehörigen verloren. Und er polarisiert auch noch immer: Narcos zum Beispiel wird hier ganz unterschiedlich, meist aber schlecht aufgefasst. Während manche Straßenkinder ein T-Shirt mit dem Gesicht von „El Patrón“ tragen, darf man seinen Namen nicht einmal laut in der U-Bahn sagen. Die Einstellung zu Kolumbiens Jahrzehnten der „Violencia“ hängt ein bisschen vom eigenen Einkommen, besonders aber von der Familienvergangenheit und dem Stand in der Gesellschaft ab. So scheint es mir. Auch heute noch können Touristen eine „Secret Tour“ zur Kokainherstellung in den Bergen machen. Kolumbien exportiert mehr Koks als zu Escobars Zeiten. Das Cali-Kartell ist zwar nur in Staffel 3 aktiv, die Nachfolgekartelle sitzen heute aber immer noch in Cali. Ich konnte mir bisher keine eigene Meinung zu diesem ganzen Thema bilden: Aber der tiefe, schmerzhafte Eindruck, den die 80er- und 90er-Jahre in Kolumbien hinterlassen haben, treibt im Museo Casa de la Memoria vielen Besuchern die Tränen in die Augen.

„Paisa“, so nennen sich die Einwohner im Departamento Antioquia, dessen Hauptstadt Medellín ist. Die Grenzen reichen bis zur Atlantikküste hinunter und vom schmalen nördlichen Zipfel aus, Urabá, kann man mit dem Boot an Traumstrände schippern. Im Zentrum Antioquias ist es dagegen grün und hügelig, viele Fincas und Flüsse prägen das Landschaftsbild. In einem großen Tal liegt Medellín, die zweitgrößte Stadt des Landes. Drumherum boomt die Blumenindustrie und es wächst Obst aller Form und Farbe. Was beudetet es Paisa zu sein? Zuerst einmal bedeutet das, stolzer Paisa zu sein. Heimatliebe ist zugegebenermaßen an diesem Fleckchen Erde auch angebracht. Außerdem lieben alle Paisas für einen Wochenendtrip das Dörfchen Guatapé. Und empfehlen es gern weiter. Und die Paisas erkundigen sich gerne nach deinem Wohlbefinden: „Cómo estás?“. Dann setzt man mit „Pues“ oder „Qué rico!“ nach und endet mit einem kräftigen „Hágale, pues!“. Aber mal im Ernst: Ich finde, man merkt, warum die Paisas als arbeitsam gelten. Die Mentalität ist hier anders als an der Küste, die U-Bahn um 5 Uhr morgens ist rappelvoll. Erfinderisch, unternehmerisch, ehrlich, tolerant: So habe ich die Paisas bisher empfunden. Wobei ich die Toleranz zurücknehme, wenn es um Bogotá geht – die Hauptstadt ist nicht gern gesehen.

Und welche Rolle spielt nun in meinem Leben die Arbeit für die PASCH-Initiative vom Goethe-Institut? PASCH ist eine Abkürzung und steht für: Schulen, Partner der Zukunft. Tausende Schulen auf der ganzen Welt mit vertieftem Deutschprofil sind über die Initiative miteinander verbunden. In Kolumbien gibt es mehrere Schulen und einige Freiwillige, in der Escuela Normal von Copacabana sind wir zu zweit. Ich habe bisher noch keine Gleichaltrigen hier getroffen, die einer solchen Arbeit nachgehen. Deshalb stehe ich etwas zwischen den Fronten – ich bin kein Schüler, aber auch kein Student. Ich lebe hier, aber nicht zum Austausch. Ich bin Freiwilliger, aber verdiene mir meinen Lebensunterhalt in Euros. PASCH ist mir vor allem durch die Schüler ans Herz gewachsen, da einigen Kindern wirklich Deutschlandreisen und Camps durch das Programm finanziert werden. PASCH bedeutet für mich: Ich bringe meine Kompetenzen ein, soweit ich das kann. Ich kann Menschen für meine Muttersprache motivieren, kann Fragen beantworten und kulturelle Aspekte präsentieren. Ich bin für die kolumbianische Schule eine Verbindung nach Deutschland, werde gebraucht und geschätzt. Obwohl ich kein Lehrer bin und sein werde.

In Deutschland konnte ich mir kaum ein Bild von Kolumbien machen. Mein Leben hat sich mit dem Ortswechsel schlagartig verändert. Aber kulturweit hat für mich ganze Arbeit geleistet, denn das Programm bietet einen soliden Rahmen für einen Kulturaustausch und hat nicht nur Pablo, Paisa, Pasch in mein Leben gebracht, sondern ein ganzes Land. Blick über den Tellerrand, haben sie gesagt, und sie hatten Recht.

2 thoughts on “Dinge, an die ich hier denke

  1. Hey jacob,
    Ich lese deinen blog mit grosen interesse und klingt wirklich sehr gut in kolumbien bei dir:)
    Ich wollte mal fragen ob du eventuell einen kontakt zu jemanden von kulturweit in bogota hättwst und mir diesen netterweise weiterleiten könntest, um ein paar fragen zu stellen:)
    Liebe gruese marieke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.