Kolumbianische Erzählungen (Teil 1)

Eine kolumbianische Frau, nennen wir sie Magdalena, hat viel erlebt in ihren 30 Lebensjahren. Manchmal sitzen wir zusammen und sprechen über Gott und die Welt, aus kolumbianischer und deutscher Sicht. Meine Augen werden groß, wenn ich ihr lange zuhöre, denn sie erzählt mir anhand ihrer Lebensgeschichte wie Kolumbien sich entwickelt und welche Zeiten dieses Land durchlebt hat. In anonymisierter Form will ich hier einige dieser Erzählungen wiedergeben und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Jede einzelne dieser wahren Geschichten übersteigt meine Vorstellungskraft.

Als Magdalena ungefähr 25 Jahre alt war, im Jahr 2010, lebte sie alleine und arbeitete viel. Heute ist sie eine schlanke Frau mittlerer Größe, mit einem Lachen auf dem Gesicht und einer Vorliebe für durchwachte Nächte. Geboren wurde sie in einem kleinen Pueblo nahe von Medellín, das sie abgöttisch liebt und oft besucht. Dort leben auch noch ihre Eltern und zwei Geschwister. Der Vater besitzt eine Metzgerei und einen Kaufladen, weshalb ihre Familie als wohlhabend gilt.

Im Jahr 2010 waren Magdalena schon viele Dinge zugestoßen, doch obwohl die am stärksten vom Drogenkrieg geprägten Jahre Kolumbiens schon vorbei waren, sollte ihr in diesem Jahr etwas Unerwartetes widerfahren: An einem normalen Arbeitstag, die Sonne schien und die Vögel sangen, wurde Magdalena entführt. Die genauen Umstände der Entführung wollte sie nicht erzählen, aber sie beschrieb den Wald, in den sie gebracht wurde. Eine abgelegene Gegend, mitten im Nirgendwo, ohne Infrastruktur oder nahe Dörfer. Die Entführer fesselten ihre Hände und ließen sie auf dem Boden einer Hütte schlafen, gemeinsam mit anderen Gefangenen. Die Vögel zwitscherten hier umso lauter, doch es war ein abgelegenes, weltfremdes Singen, das den Entführten ständig in Erinnerung rief, dass sie hier fernab jeglicher MIlitär- oder Polizeizuständigkeit auf sich selbst und das Wohlwollen ihrer Entführer angewiesen waren.

Am nächsten Tag wurde Magdalena klar, dass sie nicht besonders wichtig für ihre Entführer sein konnte: Anders als die anderen Gefangenen war sie weder Politikerin noch aktiv im Drogengeschäft. Sie war jung und der einzige Grund für ihre Entführung konnte der Wohlstand ihres Vaters sein, der ihrer Ansicht nach jedoch eher auf Gerüchten als auf echtem Reichtum fußte. Sie hatte also auch keinen Trumpf in der Hand, um sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Aber Magdalena war klug und jedes Kind in Kolumbien wusste im Jahr 2010, in welchen Händen sich Entführte normalerweise befinden: Magdalena war in die Fänge der FARC-Milizen geraten.

Für die junge Kolumbianerin folgten endlose Tage ohne Hoffnung. Obwohl ihre Entführer sie nicht folterten und sie auch nicht länger fesselten, sah sie keine Möglichkeit, um aus dieser Situation zu entkommen. Es gab weder Wasser noch Strom, die Guerillakämpfer der FARC waren arm und hatten selbst nichts zu essen, der Urwald schnitt sie von der Außenwelt ab und man lebte in ständiger Furcht vor dem kolumbianischen Militär. Bald stellte sich für die Entführten ein öder Alltag ein, der geprägt war vom Klima des Urwalds, dem einfachen Leben und dem Schlaf auf nacktem Boden.

Tatsächlich befand sich Magdalena über ein Jahr lang in den Händen der FARC.

Auf die Frage, wie sie das aushalten konnte, sagt sie, dass die Vögel im Urwald ihr Mut gemacht haben. Schon als Kind hatte sie ein besonderes Verhältnis zu Vögeln und während ihrer Gefangenschaft hat sie versucht, die Vögel im Camp zu füttern und zu pflegen. So seien die bunten Vögel immer auf ihr gelandet, hätten Zeit mit ihr verbracht und aus ihren Händen gepickt. Ihre Entführer, die sie mit der Zeit eher als Leidensgenossen denn als Feinde sah, nannten sie „Niña de los Pájaros“. Und so nennt sich Magdalena noch heute. Im Rückblick sagt sie, dass sie in diesem Jahr bei den FARC gelernt hat, wie luxuriös wir doch normalerweise leben. Allein fließendes Wasser und Strom seien Dinge, die nicht selbstverständlich sind.

Und Magdalena sagt auch, dass Pablo Escobar in den 90er-Jahren das Camp ihrer Entführer besucht hat. Er finanzierte damals die FARC-Guerilla und schaute immer mal wieder nach den politischen Gefangenen. Sie ist zwiegespaltener Meinung über den „Patrón“: Trotz all der Gewalt, die sie erlebt hat, respektiert sie Escobar auch für seine sozialen Taten und sieht ihn als Menschen, nicht als Verbrecher. Das ist ein schwerwiegender Akt von Vergebung.

Magdalena schaut in die Ferne, zu den Wäldern in den Bergen, drückt ihre Zigarette aus und geht ins Haus, um Vogelfutter zu holen.

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