Eine Anekdote

Eine kolumbianische Freundin, nennen wir sie Magdalena, hat viel erlebt in ihrer Heimat. Manchmal sitzen wir zusammen und sprechen über Gott und die Welt, aus kolumbianischer und deutscher Sicht. Ich höre ihr gerne zu, denn sie erzählt mir anhand ihrer Lebensgeschichte wie Kolumbien sich entwickelt und welche Zeiten dieses Land durchlebt hat. In anonymisierter Form gebe ich hier eine dieser Erzählungen wieder.

Als Magdalena ungefähr 25 Jahre alt war, im Jahr 2005, lebte sie alleine und arbeitete viel. Heute ist sie eine schlanke Frau mittlerer Größe, mit einem Lachen auf dem Gesicht und einer Vorliebe für durchwachte Nächte. Geboren wurde sie in einem kleinen Pueblo nahe von Medellín, das sie liebt und oft besucht. Dort leben auch noch ihre Eltern und zwei Geschwister. Der Vater besitzt eine Metzgerei und einen Kaufladen, weshalb ihre Familie als wohlhabend gilt.

Obwohl die am stärksten vom Drogenkrieg geprägten Jahre Kolumbiens 2005 schon vorbei waren, sollte Magdalena in diesem Jahr etwas Unerwartetes widerfahren: An einem normalen Arbeitstag, die Sonne schien und die Vögel sangen, wurde Magdalena entführt. Die genauen Umstände der Entführung erzählte sie nicht, aber sie beschrieb den Wald, in den sie gebracht wurde. Eine abgelegene Gegend, mitten im Nirgendwo, ohne Infrastruktur oder nahe Dörfer. Die Entführer fesselten ihre Hände und ließen sie auf dem Boden einer Hütte schlafen, gemeinsam mit anderen Gefangenen. Die Vögel sangen hier draußen in der Natur umso lauter, doch es war ein frustrierendes Zwitschern, das den Entführten ständig in Erinnerung rief, dass sie hier fernab jeglicher Militär- oder Polizeistation auf sich selbst und das Wohlwollen ihrer Entführer angewiesen waren.

Bald wurde Magdalena klar, dass sie nicht besonders wichtig für ihre Entführer sein konnte: Anders als die anderen Gefangenen war sie weder Politikerin noch aktiv im Drogengeschäft. Sie war jung und der einzige Grund für ihre Entführung konnte der Wohlstand ihres Vaters sein, der ihrer Ansicht nach jedoch eher auf Gerüchten als auf echtem Reichtum fußte. Sie hatte also auch keinen Trumpf in der Hand, um sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Aber Magdalena war klug und jedes Kind in Kolumbien wusste im Jahr 2005, in welchen Händen sich Entführte normalerweise befinden: Magdalena war in einem Camp der FARC-Milizen gefangen.

Für die junge Kolumbianerin folgten endlose Tage und Nächte. Obwohl ihre Entführer sie nicht folterten und sie auch nicht länger fesselten, sah sie keine Möglichkeit, um aus dieser Situation zu entkommen. Es gab weder Wasser noch Strom, die Guerillakämpfer der FARC waren arm und hatten selbst nichts zu essen, der Urwald schnitt sie von der Außenwelt ab und man lebte in ständiger Furcht vor dem kolumbianischen Militär. Bald stellte sich für die Entführten ein öder Alltag ein, der geprägt war vom Klima des Urwalds, dem einfachen Leben und dem Schlaf auf nacktem Boden.

Tatsächlich befand sich Magdalena fast ein Jahr lang in den Händen der FARC.

Auf die Frage, wie sie das aushalten konnte, sagt sie, dass die Vögel im Urwald ihr Mut gemacht haben. Schon als Kind hatte sie ein besonderes Verhältnis zu Vögeln und während ihrer Gefangenschaft hat sie versucht, die Vögel im Camp zu füttern und zu pflegen. Deshalb seien die bunten Vögel immer auf ihr gelandet, hätten Zeit mit ihr verbracht und aus ihren Händen gepickt. Ihre Entführer, die Magdalena mit der Zeit eher als Leidensgenossen denn als Feinde sah, nannten sie “ La Niña de los Pájaros“. Im Rückblick sagt Magdalena, dass sie in diesem Jahr bei den FARC gelernt hat, wie luxuriös wir doch normalerweise leben. Allein fließendes Wasser und Strom seien Dinge, die nicht für alle Menschen  selbstverständlich sind – und die Rebellen in den Bergen sind arm.

Nachdem Magdalena von der Polizei befreit wurde, die mit Hubschraubern und schweren Waffen das FARC-Camp infiltrierten, ging für sie das Leben weiter. Sie ist unerschrockener heute, wenn Schüsse fallen oder Gefahr droht. Aber sie ist auch politisch sehr unentschlossen – der konservative Duque, der die Guerilla mit Gewalt bekämpfen will? Oder Petro, der den Friedensvertrag mit den FARC aufrechterhalten will? In Kolumbien haben alle Menschen ihre eigenen Erfahrungen mit der Violencia gemacht. Politische Ansichten sind hier von sozialen Umständen und dem eigenen Kontostand geprägt – aber sie sind auch zutiefst subjektiv.

Magdalena schaut in die Ferne, drückt ihre Zigarette aus und geht ins Haus, um Vogelfutter zu holen.

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