Zufallsverkäufer

Bevor ein erster Atemzug den Körper mit frischer Luft versorgt, bevor ein Kind zum ersten Mal im Bauch der Mutter strampelt und bevor die erste Zellteilung beginnt, findet die große Geburtslotterie statt.

Ein jedes Kind wird in eine Umgebung hineingeboren, die es sich nicht ausgesucht hat. Kinder werden auf Kontinente verteilt, in Nationalitäten eingeordnet und in Familien unterschiedlicher sozialer Herkunft gesteckt. Sie wachsen mit zwölf Geschwistern oder als Einzelkind auf. Sie besuchen eine Schule oder tragen Trinkwasser in Eimern zu Blechhütten.

Früher oder später realisieren Kinder, dass sie eine andere Sprache sprechen, andere Kleidung tragen oder eine andere Hautfarbe haben als andere Kinder ihres Alters. Bis zu diesem Zeitpunkt hat kein einziges dieser Kinder eine eigene Entscheidung gefällt – ihr gesamtes Leben wird von einem Zufall bestimmt, von einem zufälligen Los, das sie in der großen Geburtslotterie gezogen haben.

Die Wahrscheinlichkeiten dieses Glücksspiels sind ungleich verteilt.

In Medellín gibt es eine kleine Oberschicht, die teure Mercedes-Autos fährt, in exquisiten Clubs im Stadtteil Poblado tanzt und eine Finca mit Jetski in Guatapé besitzt.

Es gibt eine fleißige Mittelschicht, die kleine Läden im Zentrum betreibt, zur Miete in Hochhäusern wohnt und mehrmals im Jahr zu den Großeltern in die Pueblos reist.

Und dann gibt es die sogenannte Unterschicht. Hunderttausende Menschen leben in kleinen Hütten, weit entfernt von Poblado, dem Zentrum oder dem Metrosystem. Sie essen manchmal Reis und Bohnen und leben als Tagelöhner von einigen hundert Pesos in der Woche. Die Kinder, die an den Berghängen wohnen, müssen sich früh mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Sie haben ein Los gezogen, das sie später vielleicht einmal als Niete bezeichnen werden. Auch in einer fortschrittlichen Stadt wie Medellín haben sie kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt, geschweige denn an den teuren Universitäten und Schulen. Die Menschen, die in den Marginalsiedlungen der Berghänge wohnen, verdingen sich, sofern sie durch Gondeln oder Straßenbahnen zum Stadtzentrum gelangen, als Kaugummi-, Zigaretten-, oder Drogenverkäufer. Manchmal schieben sie etwas Gemüse auf einem Karren vor sich her oder betteln an großen Kreuzungen.

Es ist schwer mitanzusehen, wie ungerecht der Reichtum in Medellín verteilt ist. Hier leben kulturweit-Freiwillige wie Könige und Lehrer verdienen den Mindestlohn, aber nicht viel mehr als 300 Euro. In Fitnessstudios und Fincas amüsieren sich reiche, oft hellhäutige Kolumbianer, während venezolanische Flüchtlinge an Ampeln jonglieren und dunkelhäutige Mestizen nächtelang Müllsäcke schleppen – ganz in kolonialer Manier. Und obwohl die Schere zwischen Arm und Reich natürlich aufgrund struktureller, politischer und postkolonialer Missstände immer weiter auseinanderklafft, so werde ich doch den Gedanken nicht los, dass die Einzelschicksale aller Kinder in Medellín letztendlich nur vom Zufall im Voraus bestimmt werden. Die Startbedingungen, die wir für unser Leben erhalten, werden in einer großen Geburtslotterie festgelegt. Für viele Kolumbianer bedeutet das, dass der Zufall ihnen schon zu Beginn ihres Lebens große Möglichkeiten verbaut.

Und was mich besonders traurig macht, das sind die aufrechtgehenden, alten Männer mit gegerbter Haut, um deren Hälse ein kleiner Druckerkasten hängt, und die zu jeder Tageszeit durch die Straßen eilen, ohne innezuhalten oder zurückzublicken.

Das sind die Stadtrandbewohner, die als Kind in ein Schicksal hineingerutscht sind, das sie zu Zufallsverkäufern gemacht hat.

Das sind die alten Männer, die in den Straßen rufen: „Hör auf dein Glück!“

Das sind die Losverkäufer von Medellín.

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