Als ob die Zeit stehen geblieben wäre…

Das Auge fürs Detail hatte ganz schön was zu tun auf dem Schulausflug in den slowakischen Rundfunk. Katrin Litschko, eine Journalistin, bei der ich mit einigen Schülern schon in Nitra einen Medienworkshop besucht hatte, gab uns neben einem Einblick in ihre Arbeit bei Radio Slovakia International auch einen Einblick in das Gebäude des Slowakischen Rundfunks.

Für einen kurzen Moment war die Laune ein wenig gesunken, als wir ankamen und in der Eingangshalle – entgegen der Vorstellungen der meisten Schüler – statt WiFi alte Telefonstationen vorfanden. Doch irgendwie hatte der sozialistische Bau doch etwas für sich:

Zunächst war da die Architektur: Angekommen in den Büros der deutschen Redaktion des Radiosenders fühlte man sich nicht wie im 7. Stock, sondern wegen der dicken Betonwände, der warmen Holzvertäfelungen und des Teppichbodens eher wie in einer Mischung aus Bunker und einer Schule der 60er Jahre. Die rechteckig angeordneten Gänge des Gebäudes könnten schnell einmal zum Labyrinth werden, wenn da nicht der zentrale Innenhof wäre, der wortwörtlich ein wenig Licht ins Dunkle fallen lässt. Die Stockwerke werden, je höher man kommt, immer grösser man fühlt sich also ein bisschen wie in einer umgedrehten Pyramide.

Und dann war die Gemütlichkeit eines Wohnzimmers der 70er Jahre. So in etwa lassen sich die Büros beschreiben – neben Computern mit ein wenig verstaubten Sofas ausgestattet, mit kleinen Dekoartikeln und Kaffeetassen, die wohl irgendjemand irgendwann einmal mitgebracht, aber nie wieder mit nach Hause genommen hat, und mit Pinnwänden voller Fotos der leidenschaftlichen Kurzwellen-Jaeger in Lila-Türkisfarbenen Jacken.


Diese Gruppe Menschen ist wohl mittlerweile vom Aussterben bedroht – aber viele Traditionen werden gerade deswegen noch immer ganz selbstverständlich aufrecht erhalten. Zum Beispiel bekommt jeder, der das Audiosignal empfängt und das dem Sender mitteilt eine Postkarte zugeschickt – früher diente dieser Postaustausch dem Radiosender dazu, um seine Reichweite festzustellen, heute haben diese Postkarten vielleicht schon einen gewissen Sammlerwert.

Wir begleiteten die Nachrichtensprecher des Tages außerdem in die Studios, wo sie ihre Sendung aufnehmen.


Hier konnte man die Veränderungen der letzten Jahrzehnte auch mit eigenen Augen beobachten. Noch immer stehen die Plattenspieler, auf denen einmal die Aufnahmen bearbeitet und verewigt wurden, auf den Tischen – im Kontrast zum Computer, vor dem der Tontechniker gerade saß und die Tonspuren digital übereinander legte.

Im Prinzip war auch er ein Highlight, mit seinem (dem Gelächter der Slowaken im Raum nach zu urteilen) wirklich einzigartigen Humor. Als wir ihn fragten, wie lange er denn schon hier arbeite, überlegte er kurz und zuckte dann mit den Schultern – keine Ahnung.

Personalisiert hatte er das Studio aber auf jeden Fall – von deutschen Bierflaschen, die im Regal stehen, über Ikea-Stifte, die, akkurat aufgereiht, die Grenze zwischen zwei Tischen markierten, bis zum Porträt einer Hollywood-Schönheit, das mit einer orangenen Baseball-Cap geschmückt war – all das sorgte für die Atmosphäre eines Band-Proberaums irgendwo im Keller eines Einfamilienhauses.

Die rote Lampe über der Glasscheibe, die den Raum in Tonstudio und Aufnahmekabine teilte, leuchtete an diesem Tag nicht nur für die Profis auf, sondern auch wir durften selbst ein paar Zeilen vorlesen und uns als Moderatoren üben, was nicht nur in der Aufnahmekabine für ausgiebige Lachanfälle sorgte.

Es war ein wirklich schöner Tag mit etwas verstaubten und verblassten, aber vor allem sehr bunten, fröhlichen Eindrücken – mir ist an dieser Stelle mal wieder aufgefallen, dass der beste Weg, eine tolle Zeit zu erleben, manchmal der ist, keine Erwartungen zu haben.

 

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