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Veränderungen

Heute ist der 8. Mai. Ich wage zu behaupten, dass dieses Datum sich für die meisten Deutschen keine besondere Bedeutung hat, dort läuft an diesem Tag alles ganz normal. Und doch – heute ist gerade für Deutschland ein Tag, an dem man wenigstens eine Minute inne halten sollte.

Denn heute vor genau 74 Jahren hat für unzählige Menschen eine grausame Zeit geendet – der zweite Weltkrieg. In vielen Städten erinnern Denkmäler an die Opfer, die dieser Krieg gekostet hat – in Budapest haben mich besonders die Schuhe berührt, die auf dem Bild oben zu sehen sind. Als ich davor stand, wurde aus der riesigen Zahl in meinem Kopf wieder Menschen mit ihrer eigenen Geschichte.

In der Slowakei wird an die Befreiung von den Nationalsozialisten durch Russland jedes Jahr mit einem Feiertag erinnert. Ich selbst habe mich ehrlich gesagt noch nicht genug mit der slowakischen Perspektive auf den 2. Weltkrieg auseinandergesetzt, um viel darüber schreiben zu können – werde das aber in nächster Zeit bestimmt tun.

Allerdings habe ich in den letzten Tagen einige sehr persönliche und interessante Gespräche über die darauf folgende Zeit unter sowjetischer Herrschaft geführt.
Wenn man durch den Ort geht, fallen Hinweise auf diesen Abschnitt der Geschichte erst auf den zweiten Blick auf – sozialistische Plattenbauten, die Lautsprecherdurchsagen mehrmals am Tag, oder auch wie ich kürzlich erfahren habe, der Gebäudekomplex, in dem sich heute neben einem Kaufhaus auch die Disco der Stadt befinden.

Wenn man genau hinschaut, sieht man auch von oben die typisch osteuropäischen Bauten aus Zeiten des Sozialismus

Deswegen hat die Erkenntnis darüber, dass ein Großteil meiner Arbeitskollegen diese Zeit sehr bewusst miterlebt haben, meine Achtung vor ihnen noch einmal um ein Vielfaches gesteigert.
Die Art, wie sie mit den radikalen Veränderungen im System und auch in ihrem Alltag umgehen, beeindruckt mich sehr – als Lehrer tragen sie die Werte einer freien Demokratie mit einem Bewusstsein darüber weiter, wie es ohne diese Werte aussah.
Sie wissen, dass Politik und das tatsächliche, tägliche Leben untrennbar miteinander verbunden sind. Von den vielen Wochenendtrips bis hin zum Kaffee in der beliebten Konditorei des Ortes ist in ihrer Jugend so einiges nicht möglich gewesen – es ist eine beachtliche Leistung der Slowaken, dass solche Veränderungen innerhalb von nicht einmal 30 Jahren in diesem Ausmaß angenommen und umgesetzt wurden.

Sommer in Nová Bana

Vor wenigen Tagen wäre die Hochzeit des vor kurzem ermordeten slowakischen Journalisten Jan Kuciak gewesen – an diesem Datum fanden Kundgebungen und symbolische Hochzeiten in den größeren Städten der Slowakei statt. Dass die Menschen sich knapp 30 Jahre später wieder genau dieser Werte und Rechte bewusst werden, auf die sie eine so lange Zeit verzichten mussten – irgendwie ist das in Zeiten des wieder aufstrebenden Nationalismus und Court-Curbings gerade in Osteuropa ein schönes Zeichen.

 

2 thoughts on “Veränderungen

  1. Hallo Helena,
    ich finde es äußerst spannend das es bei euch auch gefeiert wird 🙂
    Und das erfreut mich persönlich sehr, toll geschrieben 😉
    Alles gute zum Tag der Freiheit !
    LG
    Julia

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