Etwas verspätet…

… komme ich nun doch noch dazu, das wenige, das ich bisher während meines Freiwilligendienstes geschrieben habe, hochzuladen. Die Verpätung lässt sich vor allem auf zwei Gründe zurückführen: zum einen ist mein Wifi, wenn es denn überhaupt einmal Lust hat, nur in einer bestimmten Ecke meiner Couch verfügbar, und zum anderen war ich in letzter Zeit ziemlich viel unterwegs und hatte vor lauter Erlebnissen gar keine Zeit, das Erlebte festzuhalten.
Dem entsprechend sind das, was hier folgt, noch meine Eindrücke aus dem ersten Monat – ich hatte fast schon vergessen, dass ich sie einmal aufgeschrieben habe.

Ich kann mich noch sehr gut an den 10. März erinnern, der Tag, an dem ich mich, völlig übermüdet von 10 Tagen Vorbereitungsseminar, bei Regen und mit meinem im Verhältnis zu meiner Körpergröße eindeutig zu großen Koffer durch Berlin geschleppt habe.
In diesem Moment habe ich wahrscheinlich zum ersten Mal wirklich realisiert, dass ich meinen Freiwilligendienst im krassen Kontrast zum Vorbereitungsseminar letztendlich alleine antreten würde. Seitdem ist genau ein Monat vergangen, und obwohl ich die einzige Deutsche in Nová Bana bin, bin ich doch nicht mehr alleine.
Nachdem ich die ersten Wochen hier damit verbracht habe, nicht nur überfordert mit meinem neuen Umfeld, meinen Gedanken und der plötzlichen Freizeit zu sein, sondern vor allem erst einmal krank war, habe ich diese Phase glaube ich nun endgültig überwunden – immerhin habe ich gerade seit Langem mal wieder den Drang, etwas zu schreiben. Und nach genau einem Monat scheint es mir ein guter Zeitpunkt zu sein, um euch mit ein wenig Abstand über die ersten Tage und Wochen hier zu berichten.
Lange habe ich überlegt, ob es sich überhaupt lohnt, noch einen weiteren zu den tausenden Reise-, FSJ-, und kulturweitblogs hinzuzufügen. Aber ehrlich gesagt ist es auf diesem Weg zum einen viel einfacher, alle auf dem Laufenden zu halten, und zum anderen finde ich es schön, diese Zeit, und wenn es im Endeffekt nur für mich ist, irgendwie schriftlich festzuhalten.
Ich bin mit dem Goethe-Institut im Rahmen des Pasch-Projekts (Schulen-Partner der Zukunft) bis zum Ende dieses Schuljahres als „die neue Freiwillige“ am Gymnázium Frantiska Svantnera gelandet, um den Deutschunterricht etwas aufzulockern, die Lehrer ein wenig zu entlasten und die Schüler zum Deutsch lernen zu motivieren. Das GFS befindet sich in Nová Bana, einer idyllischen Kleinstadt (ich betone Kleinstadt, es ist KEIN Dorf!) in der Mittelslowakei. Wie ich gleich in der ersten Woche bei einer Exkursion ins städtische Museum (das zufällig genau gegenüber der Schule liegt) lernen durfte, gehört Nová Bana zu den sieben Bergbaustädten der Mittelslowakei und hat auch den deutschen Namen Königsberg. Es leben etwa 7500 Menschen hier, was sich zunächst recht klein anhören mag. Jedoch ist die Stadt so etwas wie ein Zentrum für die vielen sehr kleinen Dörfer außenrum, in dem man Ämter, Supermärkte und eine wirklich gute Bus-und Bahnanbindung finden kann.
Ehrlich gesagt hatte ich mir vor meiner Anreise wegen der (nicht vorhandenen) Größe der Stadt ein wenig Sorgen gemacht. Zum einen, weil ich Angst hatte, mangels Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung keinen Anschluss zu finden und zu vereinsamen, zum anderen, weil ich in genau so einer Kleinstadt aufgewachsen bin und weiß, wie sehr einen die sozialen Strukturen und die Tatsache, dass jeder jeden kennt, einengen kann. Deswegen war ich ziemlich froh, dass ich gleich an meinem ersten „ganzen“ Tag damit anfangen sollte, zu arbeiten, und so praktisch dazu gezwungen war, das Haus zu verlassen.
Ich merkte sofort, dass ich mir umsonst Sorgen gemacht hatte – die Menschen sind mir ausnahmslos mit einer Freundlichkeit und Offenheit begegnet, die ich vorher noch nicht gekannt hatte. Sowohl von meinen Gasteltern, einem älteren Ehepaar, wurde ich sehr herzlich aufgenommen und seitdem regelmäßig mit frischem Salat und leckerem slowakischem Essen versorgt, als auch in meiner Einsatzstelle. Das Gymnasium hat nur 150 Schüler, weshalb ich nach einer Woche schon fast jeden kannte und mich sehr wohlfühlte. Auf der anderen Seite bestätigte sich aber mein Verdacht, der schon während meiner Anreise mit dem Zug entstanden war: ich hatte eine wichtige Sache komplett unterschätzt – die Sprache. Slowakisch hat nämlich wirklich mit keiner der mir bekannten Sprachen Gemeinsamkeiten. Und zum ersten Mal in meinem Leben half mir auch Englisch nicht weiter (zumindest bei den Menschen Ü30) – die Antwort auf die Frage „do you speak english?“ ist meist ein Kopfschütteln oder ein verständnisloser Blick. Nicht selten spricht mich mein Gegenüber dann aber mit „Sie sprechen deutsch?“ an – ich glaube, es wird noch eine Weile dauern, bis ich mich daran gewöhne, dass man mit Deutsch mehr Erfolg hat.
Generell hat mich der deutsche Einfluss in der Slowakei sehr überrascht. So gibt es vom Lidl und kaufland über dm bis zu Obi und Wüstenrot sehr viele deutsche Geschäfte – allerdings schaffen es die Slowaken, trotz dieser so ähnlichen Voraussetzungen, ganz sie selbst zu bleiben. Man kann also schnell mal vergessen, dass man sich im Ausland befindet, doch spätestens wenn man aus dem Lidl hinausgeht, fällt einem beim Überqueren des Zebrastreifens wieder ein, dass nicht ganz eine solche Zucht und Ordnung herrscht, wie man sie aus Deutschland gewohnt ist.
Die meisten Erlebnisse hier waren alltäglicher Art – von der Bombendrohung in der Bankfiliale neben der Schule über abenteuerliche Busfahrten bis hin zu zerbrochenen Balkontüren – doch natürlich habe ich vor allem die Wochenenden auch damit verbracht, das Land besser kennen zu lernen.
Ich jetzt schon drei der sieben slowakischen Bergbaustädte (bei jeder einzelnen habe ich meine 10 Versuche gebraucht, bis ich den Namen richtig aussprechen konnte – aber von Tag zu Tag wird mein „Sprachgefühl“ besser) und habe das Rotlichtviertel Bratislavas aus nächster Nähe miterlebt (natürlich nicht so, wie man jetzt denken könnte – die WG einer Mitfreiwilligen ist zufällig direkt nebenan). Ostern habe ich mit einer anderen Freiwilligen in Krakau damit verbracht, in einem 4 Sterne Hotel (das ein einmaliges Schnäppchen war) zu residieren, mich dank der nicht ganz zentralen Lage dieses Hotels mit dem Taxi herumkutschieren zu lassen, mich mit Pirogi vollzustopfen und Kaffee in den außergewöhnlichsten Cafés zu trinken (die Highlights waren wohl das Harry-Potter-Café, in dem es von Butterbier bis zu Kürbispasteten alles gab, was das Zaubererherz begehrt, und das Katzen-Café, wo man nicht nur einen Katzengesicht in seinem Milchschaum vorfindet, sondern vor allem Katzen streicheln durfte).

Seitdem ist so viel passiert, dass ich es nicht wirklich in Worte fassen kann. Einige Orte meiner „Das will ich alles unbedingt sehen!!“ – Liste habe ich besucht und mittlerweile habe ich einen Weg gefunden, der trotz vieler Reisen an den Wochenenden auch sehr viel Raum für mein Leben und mein soziales Umfeld in Nová Bana bleibt, das sich entgegen meiner Befürchtungen ganz natürlich ergeben hat.

 

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