„Unter der Seele“

Jetzt sind schon wieder einige Wochen vergangen, in denen so viel passiert ist.

Anfang April, 4 Wochen Freiwilligendienst, erste Woche Schulferien stehen an:

Plan: eine Mitfreiwillige in Syktywkar (allein der Name sagt schon viel über die Lage und das Klima der Stadt, sorry Frida) besuchen

Ergebnis: kurzfristige Reise nach Deutschland

Durchführung: Wöchentliches Vorbereiten der Unterrichtsmaterialien, Absprache mit Deutschlehrerin, ob eine Reise nach Syktywkar möglich wäre, ja „läppische“ 4 Tage Anreise per Zug. Alternative: Flug, zu teuer. Zufällige Suche nach Flug nach DE, nur 120 Euro von Moskau nach Köln. Ticket und Nachtzugticket gekauft. Ganz viel Vorfreude im Bauch, Vorfreude auf Sommer, Liebe, ein Stückchen Heimat.

Beobachtungen:

Jeder wird sich fragen, was macht er denn schon nach 4 Wochen wieder in Deutschland, so funktioniert kein Freiwilligendienst, er muss sich doch auf das Land einlassen, sonst kommt er doch nie an. Hat er schon solches Heimweh, dass er nach Hause fahren muss? Genau solche und ähnliche Fragen wurden mir auch beim Besuch an meiner Uni in Erfurt gestellt.

Erst einmal kann ich alle beruhigen, Heimweh habe ich hier nicht, ich fühle mich hier im 9. Stock meiner Plattenbauwohnung sehr wohl.

Für mich kam nach den ganzen Fragen, dann für mich selbst eine besondere Frage auf. Die Frage lautet: „Gibt es ihn, diesen einen „Freiwilligendienst“?

Was heißt das denn eigentlich „Freiwilligendienst“? Um das ganze Auszuführen bedarf es einer Broschüre, Kritikpunkte gibt es viele und diese sind wohl auch weitläufig bekannt. Aber was ist für mich Freiwilligendienst persönlich? „Freiwilligendienst“ das ist vor allem ein „Bindestück“ sein zwischen zwei Kulturen, zwischen zwei Ländern, zwischen zwei Menschen, im Gespräch mit dem Einzelnen. Genau, in den Küchengesprächen mit dem anderen, nicht mehr. Das heißt seine eigenen Grenzen kennenzulernen, einmal aus der „Komfortzone Deutschland“ herausgestoßen zu werden, und Blicke zu spüren, wenn man im Bus in seiner Landessprache spricht, oder auch einfach sprachlich an seine Grenzen stößt. Und auch wenn man immer noch privilegiert sein wird, und der Freiwilligendienst diese Strukturen nicht ändern kann, so ändert er zumindest das Bewusstsein, oder sollte es zumindest. Er schafft Empathie für diejenigen, um jetzt einmal explizit auf Deutschland zurückzukommen, die eben in Deutschland, aber nicht in der „Komfortzone Deutschland“ leben.

Mir ist noch etwas anderes für mich persönlich klar geworden: Nämlich, dass ich meine kulturellen Wurzeln habe, woanders lebe, es mir aber nicht schwer fällt neue Wurzeln zu schlagen, unter der Bedingung, dass meine „alten“ Wurzeln doch immer noch der Pflege bedürfen, bis neue „wachsen“ können.

Erfurt im Oktober 2016, das hieß oft pendeln zwischen meinem „Ur-Heimatdorf“ Wallhausen und Erfurt. „Du kommst niemals hier  an“, „du lebst noch zu Hause“, wie oft musste ich das hören, und doch bin ich heute so tief verwurzelt in Erfurt, wie in Wallhausen, und meine wohl beste Freundin schenkte mir ein Buchstabenreihe „Heimat“ mit Sprüchen über diesen so weiten Begriff. Weil sie schon vor mir verstanden hat, was für mich Heimat bedeutet. Heimat, das bedeutet zwei, drei, vier weitere Standbeine haben, das Schwierige ist nur, dass man mit allen versuchen muss auf dem Boden zu bleiben, und keines der erworbenen zu vernachlässigen. Und so bin ich jetzt wieder in Russland, verliebt in die Sprache, die Menschen, die Kultur, verliebt in den morgendlichen Gang durch die Plattenbauten, verliebt darin zu sehen, wie zwei ältere Damen sich im gegenüberliegenden Garten über Gott und die Welt austauschen, und zu sehen, wie ähnlich wir doch alle sind.

 

Um noch einmal explizit auf die russische Kultur zurück zukommen. Klassische Frage: „Verliebt in solch eine harte Sprache?“ Das wohl schönste Beispiel dafür, was passiert, wenn man die harte Hülle des Russischen aufbricht, zeigt sich am Wort „подушка“ (paduschka), was Kissen bedeutet. Kissen ist im Russischen mehr als weich als Beschreibung seiner physischen Eigenschaft, es ist auch in seiner Semantik „weich“,  es bedeutet nämlich wörtlich „Unter der Seele“.

Zu Deutschland an sich nicht viel, die Bilanz genügt, denn Deutschland kennen wohl die meisten Leser zu gut. Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl in ein Land zu kommen, und einfach von heute auf morgen in den Sommer „gestoßen“ zu werden, das Grüne der Bäume und Wiesen wahrzunehmen, zu sehen, zu riechen, zu spüren. Das Gesicht der Paten zu sehen, wenn man aus dem Bus aussteigt, Sie zufällig auf der Straße trifft, Sie eine Minute nicht mehr reden können, und dann anfangen zu weinen, weil Sie einfach so gerührt sind vor Freude.

Die Bilanz zur Wahrnehmung des eigenen Landes will ich an das Ende setzen, dafür ist es jetzt noch zu früh.

Noch eine kurze Anekdote zum Abschluss, weil meine Blogeinträge einfach immer viel zu melancholisch und ernst sind:

Ich war auf der Suche nach dem Second-hand Laden „Wo?Wa!“ in meiner Stadt. Dazu muss man wissen, dass Wowa auch der russische Kosename für Wladimir ist. So stieg ich aus dem Bus, um nach der Lage des Ladens zu fragen, mit dem russischen Äquivalent für die Worte: „Wo ist Wowa“? , worauf mir die Dame antwortete, dass Sie nicht wüsste, wo mein Onkel, Vater oder was auch immer sei, und weiter ging.

Es gibt noch so viel zu erzählen. Im nächsten Blogeintrag stehen dann die Reisen nach St. Petersburg und Moskau an.

Bis Bald

Nikolas

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