Von Pünktlichkeit und Vodka…

Jetzt wird es für mich auch mal Zeit mich mit meinem Blog zu beschäftigen: Es sind jetzt zwei Wochen vergangen, die ich hier in Welikij Nowgorod verbracht habe, und ich muss sagen es kommt mir vor wie drei Tage. Auch wenn die ersten Tage alles andere als einfach waren, weil man sich doch erst einmal an die „Ranzigkeit“der russischen Straßen und Gebäude in den weniger begüterten Gebieten gewöhnen muss, fängt man dann auch irgendwann an genau diese Ranzigkeit zu mögen, weil eben wie wir Menschen auch, nicht alles perfekt und uniform ist und sein muss. Dass ich die russische Sprache eben doch schon ein wenig beherrsche, wird mir auch geholfen haben mich hier schnell einzuleben und ich bin mir sicher, mir werden die stundenlangen Abenddiskussionen mit meiner litauischen Mitbewohnerin auf Russisch fehlen, wenn ich zurück in Deutschland bin.

Aber um noch einmal zurückzuschauen: Mit welcher Vorstellung geht man in dieses Land? Was verbindet der gemeine Deutsche mit dem Wort „Russland“? In erster Linie wäre das Wodka, Putin und ein gewisses Maß an Grobheit, aber darauf werde ich noch öfter zurückkommen, da es auch gerade mein persönliches Anliegen, mich mit den Schülern mit diesem Thema zu beschäftigen.

Zu meiner Schule: die Lehrer und Schüler dort sind einfach genial und ich fühlte mich sofort angenommen und angekommen. Gestern an meinem Geburtstag würde ich von einigen Schülern und Schülerinnen auf einen Kaffee und eine persönliche Stadtführung durch Welikij Nowgorod eingeladen. Ich spüre wirklich, wie auch die Menschen sich hier um einen interkulturellen Austausch bemühen. Besonders möchte ich die Rolle meiner Ansprechpartnerin Tatjana herausheben, die sich sofort um alles kümmert und deren Humor alles übertrifft.

Nun, als Politkstudent muss jetzt eben auch noch etwas Politisches folgen: Bevor ich nach Russland kam, hatte ich die Vorstellung, Politik sei ein „no-go“ Thema! Auch wenn es einige Themen gibt, die eher verschwiegen werden und Rollenbilder noch sehr ausgeprägt sind (was man anhand einiger sprachlicher Beispiele aber auch an der Tatsache beobachten kann, dass es Hausfrauenunterricht und ein Unterrichtfach gibt, in dem die Jungen lernen handwerklich zu arbeiten) so muss ich a) relativieren, dass Russen bei politischen Themen ihre Fassung verlieren oder einem den Mund verbieten, ganz im Gegenteil: ich spüre, wie die sowjetischen Küchengespräche weiter existieren und konnte das auch schon selbst in Erfahrung bringen und b) stellt sich für mich wieder einmal die Frage, wie ein Land wie Deutschland sich das Recht nimmt sich moralisch zu überhöhen, das erst 1997 die Vergewaltigung der Frau in der Ehe unter Strafe stellt. Für die Menschen hier ist dieses „Moralapostelspielen“ nicht nachvollziehbar. Aber für heute erst einmal genug von Politik. Darüber könnte man eine 20-seitige Dissertation schreiben.

Vorstellung: ich bezahle meine Miete, indem ich es online überweise; falsch gedacht. In Russland läuft nichts ohne nicht mindestens zwei Behördengänge. So musste ich zunächst bei der Studentenverwaltung (ich wohne in einem Studentenwohnheim für ausländische Studenten), dort einen Scheck unterschreiben, diesen kopieren und dann das Ganze dann auf einer Bank überweisen lassen. Die Rechnung musste ich dann wiederum zur Hausverwaltung bringen, wo mich eine sehr freundliche Dame zu einem Tee einlud. Und genau diese beiläufige Gastfreundlichkeit macht das Ganze so sympathisch.

Es gibt einfach so viel zu erzählen, dass ich das Ganze auf die nächsten  Beiträge verteilen werde. Ich freue mich auf jeden Fall auf meine weitere Zeit hier im Russland. Ach übrigens: die Vorstellung, dass es hier sehr kalt ist, stimmt. Gerade hat es wieder 20cm geschneit und ich bekam von meinen Freunden in Deutschland eine Nachricht, dass sie bei 20 Grad im T-Shirt grillen. Dann heißt es wohl das Beste draus machen und Schlitten fahren!

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