Lemberg, Lviv oder Lvov – Zwischenseminar in der Ukraine

(Nach 8 Tagen offline und einer kleinen Osteuropa-Reise fuer mein Handy, komme ich nun endlich dazu, wieder zu Veroeffentlichen und meine Erlebnisse auch mit Bildern zu Beschreiben…)

Für alle Freiwilligen in Nordosteuropa, das heißt das Baltikum, Weißrussland und Ukraine, ging es fuer ein Zwischenseminar nach Lviv, ganz im Westen der Ukraine und auch Lvov oder Lemberg genannt.

Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass ich ganz schön , sagen wir mal „demotiviert“, war , als wir die Nachricht erhielten, wo unser Seminar stattfindet. Ganz besonders, als ich feststellte, dass ein Flug dorthin in keinem Verhältnis stehen würde, mir also eine sehr lange Busfahrt bevorstehen würde. 14 Stunden, klasse. Andere fahren aber noch länger, bis zu 24 Stunden. Also wortwörtlich „Augen-zu“ und durch, immerhin handelt es sich bei der Verbindung um eine Nachtlinie.

Um mich herum im Bus saßen dann vor allem Ukrainer, wohl auf dem Weg in den Heimaturlaub. Jede Buspause wurde für eine Raucherpause genutzt und mit den Passagieren kommt jedes Mal ein Qualm-Aroma  mit zurück in den Bus. Das ist definitiv auch ein Kulturweit-Erlebnis J Die EU-Ausreise ist erstaunlich unkompliziert; an der polnischen Grenze, wie auch an der ukrainischen Grenze kommt ein Beamter zu uns hinein, sammelt die Pässe ein und nach etwas Warten fahren wir weiter.

Benommen, aber froh endlich meinen Sitzplatz verlassen zu können steige ich im verschneiten Lviv aus. Der Weg gleicht eher einer Schlittschuhbahn, so rutsche ich mit meiner Tasche zum Geldautomaten und stelle fest, dass ich mich vorher nicht über die ukrainische Griwna informiert habe, also keine Ahnung habe, was meine Euros so wert sind. Vorsichtshalber hebe ich erst einmal 100 ab, erfahre aber später, dass es sich bei dieser so großartig klingenden Summe um lediglich etwas unter 4 Euro handelt.

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Die Busfahrt nach Lviv hinein wird für mich definitiv zu einer prägenden Erinnerung, denn obwohl ich mich nicht in der U-Bahn von Tokio oder New York oder im Feierabendverkehr einer deutschen Metropole befinde, stehen wir wie in der Sardinendose. Mein Rucksack und die Tasche sorgen für einige wüste Beschimpfungen, aber als Ausländer kann man diese ja geflissentlich an sich vorbeiziehen lassen. Zunächst öffnet der Busfahrer an den kommenden Haltestellen weiterhin die Türen, und es passen auch immer noch ein paar Leute in den viel zu vollen Bus; aber als die Türen notwendig werden, um die Menschen in den Bus zu „quetschen“, fahren wir zum Glück weiter. Die Menschen sind sehr ehrlich und so wird noch aus dem letzten Winkel des Busses das Fahrtgeld nach vorne gereicht, sofern man eben seine Arme noch bewegen kann.

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Dann steige ich aus, mitten in Lviv, und mein erster Eindruck ist wunderbar: Um mich herum sind wunderschöne Gebäude aus der Zeit der Österreicher in der Ukraine, es gibt Parks, Cafés und alles ist von einer schönen Schicht Schnee überzogen. Nur leider weiß ich nicht wo ich bin, kann die Ukrainische Schrift nicht lesen und muss mich irgendwie zurechtfinden. So stelle ich mit dreist in die Lobby des noblen Atlas-Hotel und logge mich ins Wlan ein. Was wohl ein Reisender vor 20 Jahren getan hätte? Ich bin wohl doch definitiv ein Kind der Cyber-Generation…

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So finde ich dann den Weg zum „Old-Post-House-Hotel“, wo schon zwei andere Gestalten müde in der Küche sitzen. Fanny und Helene sind aus Weißrussland angereist, eigentlich aber aus Kiew, so wie viele in unserer Gruppe, die das Seminar und die Anreise für einen kleinen Urlaub genutzt haben.

Nach und nach kommen mehr, halb-bekannte Gesichter (wir „kennen“ uns schon vom Vorbereitungsseminar) und irgendwann beziehen wir die Zimmer.

Der „Arbeits-Teil“ des Seminars findet im George-Hotel statt, einem hübschen, historisch-wichtigem Gebäude, wo wir fortan die nächsten Tage mit Frühstück, Lunch und Kaffeepausen umsorgt werden.

Die nächsten vier Tage verbringen wir also gemeinsam auf dem Seminar. Dabei geht es viel mehr darum, dass wir uns austauschen können, neue Inhalte und Kulturweit-Programm habe ich weniger erwartet. Auszutauschen gibt es viel: Allen von uns hat es dann doch gefehlt, sich mal auf Deutsch etwas tiefgründiger unterhalten zu können, denn selbst mit Englisch kann man die das Ausdrücken, was man auf seiner Muttersprache zu Sagen vermag. Und endlich trifft man auch Leute, die ganz ähnliche (naja, manchmal auch eben ganz andere)Erfahrungen gemacht haben, als man selber.

Super interessant finde ich zum Beispiel die Gegensätze zwischen dem Leben in den baltischen EU-Staaten und dem Einsatz in Weißrussland. Hier prallen wirklich Welten aufeinander: Unter der Herrschaft des Präsidenten Lukashenko, der sich wohl selber gerne als Held der Landbevölkerung inszeniert, werden alle Kartoffelaecker des Landes bestellt und die IT-Revolution als Unfug abgetan. Exotisches Essen, Black Friday oder gar 24-Stunden-Shopping sind in ganz Europa angekommen, doch in Weißrussland stehen die Konsumgewohnheiten noch ganz in sozialistischer Tradition. Ich mase mir nicht an, hier über das Leben in Weißrussland zu Erzählen oder gar Urteilen zu Können, aber es ist definitiv sehr lesens- bzw. erfahrenswert, was meine Mitstreiter in Weißrussland so erleben.

Aber auch die Ukraine als Land öffnet mir die Augen und ich muss zugeben: Nie hatte ich erwartet auch im Osten so schöne Städte und interessante Orte zu Besuchen, vielleicht wäre ich nie hingefahren, hätte die Seminarleitung nicht einfach darüber bestimmt wo es hingeht…

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Der Roshen Laden

In kulinarischer Hinsicht durfte ich einige neue Erfahrungen machen: Typisch für Ungarn ist nicht nur die Poroshenko-Schokolade „Roshen“, sondern z.B. auch „Vareniki“, das sind gefüllte kleine Teigtaschen, sowohl süß als auch deftig zu haben.  img_20161130_085442Ansonsten ähnelt sich die Küche der osteuropäischen Staaten sehr und vieles kommt mir sehr bekannt vor: Rote Bete- Salat, Krautsalat, Kartoffeln in jeglicher Form, viel Fleisch, Pfannkuchen und das Nationalgericht Bortsch, welches allerdings in zahlreichen Varianten existiert, weshalb man nicht von „dem Bortsch“ sprechen kann.

Gemeinsam haben wir an einem Abend den Film „Winter on Fire“ gesehen, eine Dokumentation ueber die Proteste auf dem Maidan im Winter 2013 bzw. 2014. Die Dokumentation begleitet die Entwicklung der Aufstände gegen das Aussetzen der Assoziierung abkommen zwischen EU und Ukraine mit Bildern mitten aus dem Geschehen, also die Entwicklung von friedlichen Demonstrationen hinzu einer gewaltvollen „Revolution“. Das Thema haben wir dann auch am nächsten Tag in einem Gespräch mit einem Teilnehmer der Proteste vertiefen dürfen. Der Mann war Anfang Dezember aus Lemberg nach Kiew zum Demonstrieren gefahren und hat bis Februar auf dem Maidan verharrt. Aus dem ganzen Land kamen damals Busse mit Menschen aus der Ukraine zu den Demonstrationen auf dem Maidan und schon früh entwickelte sich eine Infrastruktur für die Protestierenden, über welche sie Essen, Kleidung und Schlafplatz erhielten. Es muss eine beeindruckende Solidarität unter den Demonstranten geherrscht haben, immer wieder betont der Mann wie beeindruckt er von dieser gegenseitigen Unterstützung war. Ob es nun um eine dicke Jacke im eisigen Winter ging, das Standhalten in der Kälte oder die Bereitschaft sich der Willkür der Berkut gegenüberzustellen.

Unser Zeitplan ließ nicht viele Lücken um die Stadt zu erkunden, doch bei einer Stadtführung konnten wir doch einiges mitnehmen. Lvov hat ebenfalls eine ruhmreiche Geschichte als Handelsstadt hinter sich, was die wunderbaren Häuser in der Innenstadt erklärt. Hier residierten früher die Geschäftsleute und Bürgermeister der Stadt. Interessant ist dabei die Gestaltung der Häuser, denn während die Fronten relativ schmal wirken und alles klein und gemütlich scheint, erstreckt sich nach hinten eine gewaltige Wohnfläche auf der auch ein Bürgermeister mit 21 Kindern Platz findet.

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Das Rathaus

 

Ganz im Zentrum liegt das Rathaus, dessen Turm bestiegen werden kann um die Aussicht über das Stadtzentrum zu genießen. Alternativ kann man aber auch auf den Hügel der Stadt steigen, von welchem sich ein gleichfalls schöner Ausblick bietet.

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Weitere touristische Highlights der Stadt sind aber z.B. auch Kaffee, Kirschlikör oder Schokolade. Nur wenige Meter voneinander entfernt und ganz in der Nähe des Rathauses liegen drei Läden für diese Spezialitäten. Im Laden für den Kirschlikör kann man sich einen Becher mit heißem „Kirschsaft“ kaufen, und genauso wie sie es nennen trinken die Ukraine dieses hochprozentige Getränk auch. In der Kaffeerösterei gegenüber duftet es wunderbar und man kann alle möglichen Accessoires zum Kaffee erstehen oder auch eine Tasse Kaffee genießen. Das kann man aber auch in einem der zahlreichen anderen Cafés der Stadt, gefühlt kann man in jedem zweiten Haus nämlich Kaffee kaufen. In der Chocolaterie kommen dann Schokophile auf ihre Kosten, schon beim Eintritt in das Haus strömt ein betörender Duft in die Nase. In Stockwerk 1 stellen die Chocolatiers Schokolade her, darüber gibt es zwei  Stockwerke Verkaufsfläche und in den obersten beiden Stockwerken liegt das Café. Hier kann man „echte“ heiße Schokolade kosten.

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Der Schokoladenladen

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Lviv ist auch für einige außergewöhnliche Bars bekannt: So gibt es anscheinend eine Bar mit einer lebenden Gans, es gibt Katzen-Cafés, ein jüdisches Restaurant in welchem man um den Preis feilschen muss oder eine Masochisten-Bar (der Begründer des Masochismus stammt aus Lemberg), in der man außer Cocktails auch andere Angebote in Anspruch nehmen kann. Ist man in Lemberg sollte man außerdem einmal zu einem Puzata Hata-Restaurant gehen, dem ukrainischen Burgerking- oder McDonalds-Pendant; im Kantinenfeeling erhält man hier alles was die ukrainische Küche so hergibt.

Die Zeit in Lemberg reichte leider nicht, um sich genauer mit der juedischen Geschichte der Stadt auseinanderzusetzen oder das armenische Viertel zu besuchen. Es soll nur erwähnt sein, dass Lviv auch in dieser Beziehung recht interessant ist.

Die Stunde vor der Abreise habe ich noch dazu genutzt, dem Markt von Lemberg noch einmal zu besuchen. Der zentrale Markt bietet neben Kleidung und Blumen ein großes Angebot an Gemüse, Obst, Honig, Fleisch, Käse und Süßem. Als ich später zuhause davon erzählte, dass ich Honig gekauft hätte wurde ich natürlich gefragt, welche Sorte Honig denn. Erst da viel mir überhaupt auf, was für mich mittlerweile irgendwie ein Stückzeit normal geworden ist: Der Honig ist in keiner weise irgendwie beschriftet, die Kunden vertrauen beim Kauf der Lebensmitteln ihren Verkäufern. img_20161129_142209Das selbige gilt auch für Fleisch oder Käse, die in Osteuropa garantiert nicht nach EU-Hygiene oder Handelsvorschriften verkauft werden – Da wird das Fleisch einfach auf dem Tisch zerhackt. Andererseits: Zu mindestens jetzt im Winter ist es ja kalt genug, da braucht man bezüglich Ungeziefer am Essen keine Sorge zu haben, Fliegen gibt’s ja nicht… 🙂

Für die Rückreise standen wieder 14 Stunden Busfahrt an, und wieder war der Bus zum Busbahnhof so voll, dass Rebecca und ich fast den Ausstieg nicht erkannt hätten. Im Bus bemerkte ich dann, dass sich mein Handy von mir verabschiedet hatte, das heißt, es war im Hostel geblieben. Eine Katastrophe in unserer Zeit, selbst 40 Jahre ältere Kollegen bedauerten mich in den folgenden Tagen. Aber was soll es,  das Handy brauchte wohl ein paar Tage Urlaub und dank Rebecca konnten wir das Gerät ausfindig machen und auf die Rückreise per Post schicken… Und noch ein Gutes hatte es auf der Rückfahrt, dass wir zu zweit waren: An der Grenze zu Polen haben wir sagenhafte 2 Stunden gewartet bis wir überhaupt in die Kontrolle einfahren durften. Dann hieß es für alle „Aussteigen“ und mit all unseren Sachen standen wir an der Einreisekontrolle an. Nach fast 3 Stunden war die Prozedur überstanden… Beide haben wir uns in der Nacht an eine Diskussion vom Seminar zum Thema „Alle Grenzen abschaffen?“  erinnert gefühlt, da haben wir uns dagegen gestellt, aber so an der Einreisekontrolle, mitten in der Nacht…  😉 Unserer jungen Generation sind die offenen Grenzen der EU viel zu selbstverständlich, wir kennen es nicht mehr anders. Allein der Freizügigkeit wegen lohnt sich das Projekt EU!

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