Jugendstil, Ost-Schick und ganz viel Kultur: Riga

img_20161104_082312Manchmal hat man ja schon das Gefühl, dass das Schicksal alles von alleine regelt; wären die Preise und Angebote auf der Nehrung besser gewesen, wäre ich nicht nach Riga gefahren. Und das war nun absolut die richtige Entscheidung. Riga ist ab sofort ganz oben auf der Liste meiner Lieblingsstädte. Selten habe ich eine Stadt besucht, die so ein besonderes Flair hat. Riga ist schick, verliert dabei aber nicht ihren historischen Charme. Zahlreiche Jugendstilhäuser mit netten Läden und Cafes bieten eine hohe Lebensqualität. Es gibt etliche Museen, Kirchen, Märkte, Theater, Galerien und wenn man genug Kultur erlebt hat, mangelt es auch nicht an Möglichkeiten Shoppen zu gehen.

Meine Eindrücke hier als Kurzübersicht in Bildern:

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Riga liegt fast am Meer, es gibt sogar einen Hafen. Aber in der Stadt ist weniger ein maritimes Flair zu erleben. Der große Fluss Daugava trennt die Stadt; auf der einen Seite die Altstadt im Jugendstil, auf der anderen Seite ein Viertel, das gerade „hip“ wird, ähnlich wie etwa Kreuzberg in Berlin

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Das berühmte Schwarz-Häupter-Haus. Hier beginnt die Stadtentdeckung für alle Touristen, denn hier ist auch die Touristen-Information untergebracht. Der Name hat übrigens nichts mit der Frabe Schwarz zu tun, sondern geht auf eine schwarz-behutete Gemeinschaft von Handelsleuten zurück. Dieser Club traf sich hier im 16. bzw. 17. Jahrhundert, zur Hansezeit Rigas also.

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Ein Rundgang durch die Altstadt; Nach dem man das Rigaer Schloss gesehen hat, vielleicht einen Abstecher in das kleine Historische Museum gemacht hat und die ältesten Häuser Rigas gesehen hat (Die sogenannten Drei Brüder), passiert man auch das „Schwedische Tor“. Riga warvon den Schweden besetzt, dieses Tor zeugt von interessanter Zeitgeschichte: Weil die Schweden einen direkten Zugang in die Innenstadt haben wollten den es zuvor nicht gab, schlugen sie kurzerhand ein Loch in eine Hauswand. Dieses „Loch“ ist das einzige, heute noch erhaltene Stadttor.

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Vorbei geht es auch am Parlament, natürlich auch ein Jugendstil-Gebäude. Man kann bei Interesse auch Führungen im „Saeima“ reservieren.

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In unmittelbarer Nähe liegt auch der Pulverturm und das Kriegs-Museum. Der Turm ist ein ehemaliger Teil der Festung Rigas, der einzige noch vorhandene von ehemals 28 Türmen. Auch dazu gibt es eine interessante Geschichte: In der ersten Okkupationszeit unter den Schweden sollte der Turm abgerissen werden. Als die Letten wieder unabhängig waren, bauten sie den Turm wieder auf. Die Schweden nahmen Riga ein zweites Mal ein, zerstörten dabei wieder den Turm. Doch im Nachhinein benötigten sie diesen Turm und bauten ihn wieder auf. Das Museum beim Turm ist im Übrigen kostenlos.

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Durch die Häuserschluchten der Altstadt gelangt man weiter zur Freiheitssäule…

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… dieses Wahrzeichen der Stadt hat eine bewegte Geschichte: Unter der sowjetischen Besatzung wollte man das Zeichen der Freiheit und Unabhängigkeit der Letten natürlich abreißen, Zeichen der nationalen Eigenständigkeit waren nicht gewünscht. Dabei griff man zu abstrusen Argumenten, so meinte man schließlich, die Säule müsse abgerissen werden, weil sie durch den Verkehr der Umgebung wahrscheinlich bald einstürze. Dem schlugen die Bewohner Rigas ein Schnippchen und erklärten die Fläche um die Säule herum kurzerhand zur Fußgängerzone. Um die Säule herum wurde dann auch für die lettische Unabhängigkeit demonstriert. Heute wird sie von Soldaten in Ehrenwache bewacht. Links und rechts des Platzes befindet sich ein wunderschöner Park, der Vermanes Park.

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Der Vermanes Park; der kleine Hügel im Vermanes Park ist nicht natürlichen Ursprungs, er  wurde auf Bauschutt errichtet

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Am linken Ende des Parks liegt das lettische Kunstmuseum. Ex ist eines der besten Museen die ich bisher besucht habe. Zusehen gibt lettische Künstler der verschiedenen Epochen, was das Museum aber besonders macht, ist, dass es im gesamten Gebäude Wifi gibt und man über eine App des Museums eine individuelle Audioführung machen kann. Das Museum ist noch jung, denn das Jugendstil-Gebäude war lange Zeit sehr verkommen. Zu Kriegszeiten hatte man es geplündert, bzw. viele Exponate nach Russland gegeben und der Zustand der hallen war katastrophal. Dabei ist die Jugendstil-Architektur des Gebäude einzigartig und zum Glück heute wieder hergestellt.

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Die Eingangshalle: Interessant ist die Detailgenauigkeit der Architektur. So ist am Treppengeländer ein Rosenschmuck angebracht; um aber die Röcke der Damen nicht zu beschädigen, dachte der Architekt daran, die Blumen so auszurichten, dass kein Risiko bestand.

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Im Rahmen der Renovierung des Gebäudes hat man den Dachstuhl ausgebaut, neu und alt kombiniert. Hier findet sich eine moderne, rein weiße Ausstellungsfläche. Dagegen hat man bei der Gestaltung der alten Ausstellungsräume noch Farben und Muster für die Wände verwendet, da man so bei verschiedenen Kunststilen eine individuellere Wirkung erzielen konnte. Holländische Künstler wirkten z.B. besonders gut auf einem Moosgrün. Die Mustertapeten sind nicht erhalten, die Rekonstruktion wäre zu aufwendig gewesen.

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Blick über die Dächer Rigas

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Im Dachgeschoss wird nicht nur von Oben licht hineingelassen, auch der Boden ist zum Teil gläsern

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Besonders neu für mich war die Epoche der sozialistischen Kunst. Was wäre wohl gewesen hätten Maler malen dürfen, was sie wollen? Durften sie aber nicht, gemalt wurde nach Auftrag. Gewünscht waren monumentale Arbeiter- und Bauernmotive, wie links. Rechts sieht man den Versuch eines Künstlers sich zu mindestens nicht 100%-ig dem Sozialismus zu ergeben. Zwar stimmt das Motiv, es ist aber sehr naturalistisch und der Künstler hatte vor allem zum Ziel, das Fischerleben realistisch zu dokumentieren, während links eindeutig eine Heroisierung stattfindet.

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Etwas weiter befindet sich das Jugendstil-Zentrum. Hier zentrieren sich die schönsten Gebäude, sehr einheitlich und mit besonders hübschen Häusern. Inder gesamten Stadt gibt es rund 800 Jugendstilhäuser, das ist etwa jedes 3. Haus und somit kann Riga gut mit anderen Städten wie etwa Wien mithalten. Die Perlen der Stadt finden sich in der Alberta-Iela. Hier liegt auch das noch sehr junge Jugendstilmuseum.

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Fotografieren im Museum ist verboten, aber das wunderschöne Treppenhaus ist auch ein super Motiv. Das Haus ist nach wie vor bewohnt, eine der Wohnungen wurde aber rekonstruiert und ist nun Museum. Leider war im Original fast Nichts mehr erhalten, denn zwischen 1945 und 1991 wohnten mehrere Familien zugleich in den etwa 200 Quadratmeter-großen Wohnungen. Zwischen 1900-1913 errichtete man 800 dieser detailverliebten Häuser, dann kam der Krieg und nach dem Krieg wurde die Welt schneller und rationaler in Riga. Die Wohnung des Jugendstils ist sehr auf Prestige ausgelegt; Der Gast wird vom Empfangszimmer ins Gastzimmer geführt, längere Abende werden im Kaminzimmer fortgesetzt. Gespeist wurde im edlen Speisezimmer. Die Speisen wurden vom Dienstmädchen zubereitet, welches sein Zimmerchen nahe der Küche und des Lagerraums hatte. Ein Flur trennte diese beiden Bereiche der Wohnung. Der Flur war außerdem Zugang zu den Sanitärräumen. Das man Badezimmer und Klosett hatte, war eine Neuerung und stellte eine Revolution dar. Außerdem gab es natürlich Schlafräume, gerne auch mit direktem Zugang zu diesem Flur mit zweitem Hauseingang.

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Nicht weit entfernt, wieder näher am Zentrum liegt das Okkupationsmusseum. Es erzählt über die nationalsozialistische und sowjetische Besatzung. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung ist hochgradig informativ, sehr textlastig, aber die Zeitzeugeninterviews auf Video machen die Ausstellung etwas lebendiger. Nichts für Schwache Nerven und kleine Kinder, aber spannend.

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Mein zentraler Orientierungspunkt war die Gertruden-Kirche in der Getruden-Straße. Die Kirche ist hübsch von innen; ihr fehlt jedoch Geld und so ist es nicht nur sehr kalt (die Musiker müssen sich die Finger an Heizstäben wärmen) und die historische Orgel bedarf dringend einer Restauration, die jedoch nicht bezahlt werden kann. In der Nähe der Kirche befindet sich mein Lieblings-Lokal in Riga. Das Bistro Stock-Pot bietet täglich fünf verschiedene Gerichte an, dazu Salat oder Smoothies und Warmes zum Trinken. Es ist sehr preisgünstig, bietet durch sein Konzept aber hohe Qualität. Man sitzt an Gemeinschaftstischen, weshalb das Bistro besonders auch bei Arbeitenden und Studenten beliebt ist.

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Laima ist der traditionelle Süßwaren-Hersteller Lettlands. Hergestellt werden von Keksen, über eine Art Apfel-Marshmallow (Zefir), Bonbons eben auch Schokolade und Pralinen. Es gibt in Riga ein Laima-Museum.

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Im Schokomuseum erfährt man alles über die Laima-Geschichte, nicht nur über die Schokogeschichte. Man kann auch Probieren und schließlich sein eigenes, personalisiertes Laima-Täfelchen produzieren.

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Der Schokobrunnen

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Für echte Schokoladen-Fans: Eine Wand aus Kakaobohnen

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Die Verpackung von Schokoladenfiguren glänzt ja bekanntlich besonders schön. Das hat sie bei der rechten Figur auch einmal, bloß vor rund 120 Jahren. Damals hat sich ein kleines Mädchen beim Vorbeigehen am Laima-Geschäft immer eine bestimmte Schokoladen-Puppe gewünscht, welche sie schließlich zum Geburtstag bekam. Diese verschmähte sie aber und bewahrte sie stattdessen wie einen Schatz, auch als sie älter wurde. Die Figur wurde mit ihr alt, überlebte sie und ging als Erbstück an die Tochter. Die Tochter vererbte wieder an ihre Tochter und so weiter… So hat eine alte Frau die Figur vor einiger Zeit mit ihrer Geschichte wieder zu Laima gebracht, wo sie nun wie ein Goldschatz gehütet wird.

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Ein Highlight in Riga ist der Zentralmarkt, täglich offen von 9-18 Uhr. Hier bekommt man frische Lebensmittel (Gemüse, Obst, Fisch, Fleisch,Käse), Backwerk, Eingelegtes, Nüsse, Blumen, handgearbeitete Souvenirs und einen authentischen Eindruck vom lettischen Marktleben. Probieren muss man unbedingt! Zum Beispiel das frische Sauerkraut, Teigtaschen, Honig oder Räucherfisch. Die Markthallen waren übrigens früher einmal Zeppelinhallen.

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Und schließlich kann man, wenn man schon am Markt ist, einen Sprung über die Straße ins Speicherviertel machen. Es sind zwar nur verhältnismäßig wenige der alten Speicher erhalten, aber dafür sind diese inzwischen gut renoviert. Hier finden sich Läden, Ateliers und Restaurants. Regelmäßig finden z.B. auch Märkte statt. Außerdem gibt es hier das Holocaust-Museum der Jüdischen Gemeinde Rigas.

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Und zum Schluss noch einen Gruß an die Heimat: In unmittelbarer Nähe der Petrikirche Rigas (hier kann man bei schönem Wetter auch den Turm hochfahren und einen weiten, aber teuren Ausblick genießen) liegt die Statue der Bremer Stadtmusikanten. Bremen ist Rigas Partnerstadt, die Figur ein Geschenk an Riga als die Partnerschaft begründet wurde. Auch historisch sind beide Städte verbunden: Als im 13. Jahrhundert das Erzbistum Riga gegründet wurde, wurde der Bremer Erzbischof von Buxthoeven dort eingesetzt.

Riga ist absolut eine Reise wert. Die Stadt ist günstig, authentisch und jung. Zu erreichen ist Riga am besten mit Bus oder Flugzeug, da die Bahnverbindungen im Baltikum noch nicht an das internationale Netz angebunden sind. Wohnen kann man im Hotel oder ab 5 Euro die Nacht im Hostel.  Im Sommer bietet Riga viele Festivals, Straßencafes und Leben außerhalb der Häuser. Dafür ist es im Winter weniger voll und Schnee und Weihnachtsbeleuchtung geben dem Stadtbild besonderen Charme, machen es heimelig.

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