Zeitreise: Thomas Mann in Nida

Das Thomas Mann- Haus konnte ich ja nun nicht sehen, aber es gibt doch einiges Interessantes über diesen Ort und seine Geschichte zu lernen…

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Nidas Hafen

„Die weiße Küste ist so schön geschwungen – man könnte meinen, man wäre in Nordafrika“. So Thomas Mann nach seinem ersten Aufenthalt auf der Kurischen Nehrung 1929. Bei einer Reise nach Ostpreußen mit der Goethe-Gesellschaft lernte Thomas Mann den osteuropäischen Ostseeraum kennen; nach einer Lesung in Königsberg, reiste er damals weiter nach Rauschen und entschloss sich dem Dampfboot einen Ausflug in den Kurort Nida zu machen. Nida, früher Nidden, ein Ort auf der Nehrung sollte für Mann und seine Familie ab da für drei Sommer zur Heimat werden. Schon lange hatte sich in Mann der Wunsch geregt, ein eigenes Sommerhaus für sich und seine Familie zu besitzen. Bei Reisen in die Schweiz und nach Italien hatte er diesen Gedanken bereits verlauten lassen. In Nida aber setzte er seinen Traum dann in die Wirklichkeit um, zumal er zu diesem Zeitpunkt auch das nötige Kleingeld besaß; das Preisgeld für seinen Nobelpreis 1929 investierte er zum Teil eben in den Bau dieses Hauses.

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Das Mann-Haus, leider nur aus weiterer Entfernung…

Das Haus wurde dann nach dem Vorbild der einheimischen Architektur gestaltet: Ein roter Anstrich, ein Dach aus Reet und blaue Fensterbalken, Giebel usw. . Eine Besonderheit wurden die sich kreuzenden Holzelemente in Form von Pferdeköpfen am First; sie sollen das Pferd „Pegasos“ symbolisieren, ein Zeichen der griechischen Mythologie für Weisheit. Auch heute noch sind viele Häuser in Nida auf diese oder ähnliche Weise gestaltet und es lässt sich nachempfinden, wie sich Thomas Mann wohl vor bald 100 Jahren an diesem Ort gefühlt haben muss.

Drei Sommer, von 1930 bis 1933, bewohnten die Manns das Haus auf der Düne. Thomas Mann zog es dabei vor, seinen gewohnten Tagesablauf weiterzuleben und das Haus wurde Erschaffungsort verschiedener Werke, so etwa der Essay „Deutsche Ansprache“, der Fortsetzung seiner Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ und zahlreicher Artikel bzw. Briefe.

Das Essay ist als Manns Reaktion auf die Reichstagswahlen von 1930 zu sehen, bei denen sich erste Erfolge der NSDAP abzeichneten. Mann wollte mit seinem Essay dazu aufrufen, im Sinne des Wohles der deutschen Gesellschaft, für die Sozialdemokratie und gegen den Nationalsozialismus einzustehen. Er analysiert die innen- und außenpolitische Lage Deutschlands, wohl auch unter dem Eindruck seine Lebens im Ausland, also seiner Zeit in Nida.

In seiner Tetralogie wiederum thematisierte Mann die biblischen Geschichten über das Leben des Josephs (Genesis 37-50), dem Lieblingssohn des Jakobs. Er formuliert die Lebensgeschichte aus und gibt ihr den Anschein einer Novelle. Der zweite Teil dieser Reihe entstand in Manns Zeit in Nida, 1933 konnten die ersten teile veröffentlicht werden. Seine Arbeit am Gesamtwerk setzte Mann aber noch bis 1943 fort. Diese Jahrzehnte-Arbeit gab Thomas Mann nach eigenen Aussagen, eine gewisse Kontinuität während des Nationalsozialismus und bis zum Schluss hielt Man seine Tetralogie für das Wichtigste einer Werke. (Ganz im Gegenteil zur Öffentlichkeit; War es zunächst ausschließlich sein Durchbruch „Die Buddenbrooks“ wofür Mann allgemein Anerkennung erhielt, sind heute auch noch „Der Zauberberg“ und „Doktor Faustus“ besonders bekannt)

Während Mann in seine Arbeit vertieft war und gar die Öffentlichkeit mied, erlebte das Örtchen Nida allein durch den Aufenthalt der Manns einen Aufschwung im Tourismus. Tagestouristen aus den größeren umliegenden Kurorten strömte nach Nida um ein wenig „Thomas Mann“ zu erleben. Auch wurde Gelegenheit genutzt und die literarisch Interessierten bildeten „Diskussionsclubs“, machten das einstmals verschlafene Nida zu einem „literarischen Begriff“. Thomas Mann fand sich jetzt als Souvenir im ganzen Ort wieder; beim Heringsverkäufer lagen neben den Fischen Ausgaben von „Die Buddenbrooks“ (Manns literarischen Durchbruch und Grund für seinen Nobelpreis) und die Schulkinder verkauften den Touristen Fotos vom berühmten Autor. Es waren aber zumeist deutsche Touristen die in Nida eine neue Heimat für Kultur und Literatur sahen, wachsende Spannungen zwischen Litauen und Deutschland sorgten dafür, dass die litauischen Intellektuellen es vorzogen, andernorts Urlaub zu machen, beispielsweise in Palanga (Ostseeküste Litauen). Von litauischer Seite meinte man, Nida wäre nie zu so einem Ruhm gekommen, wäre Thomas Mann dort nicht sesshaft geworden. Thomas Mann wiederum zeigte auch wenig Interesse an seinem Urlaubsland. Er beließ es bei der Ankündigung 1932 Kaunas besuchen zu wollen und hielt sich lediglich auf der Nehrung auf.

Thomas Mann und seinem Traum vom Sommerhaus wurde der Nationalsozialismus zum Verhängnis: Er war ein eindeutig humanistisch-eingestellter Schriftsteller, warnte schon vor 1930 vor den Folgen des Faschismus. In einem Interview von 1929 bezeugte er seine Einstellung gegen alles Faschistische: „Alle guten wahrhaften Geister sollen sich aussprechen, in allen Ländern, in allen Zonen. Aber: Der Charakter macht es. Ich fahre nicht nach Mussolinien, obwohl ich Italien liebe“.

Doch die nationalsozialistische Entwicklung in Deutschland sollte auch die Idylle auf der Kurischen Nehrung erreichen. Zunächst waren bereits 1932 in Königsberg Anschläge gegen Linke verübt wurden nach den sich Thomas Mann warnend äußerte. Doch im Sommer 1923 erhielten er und seine Familie ein eindeutiges Warnzeichen per Post: Man schickte ihnen ein Paket mit einer angekokelten Ausgabe von „Die Buddenbrooks“. Die Manns verließen daraufhin Nida und sollten ihr geliebtes Sommerhaus nicht wieder aufsuchen. Zunächst kümmerte sich ein befreundeter Maler bis 1939 um den Erhalt des Hauses, doch als 1939 nach Memelland von den Deutschen annektiert wurde, fiel auch das Haus an die Nationalsozialisten.

Hermann Göring persönlich beschlagnahmte das Haus, benannte es jedoch um in „Jagdhaus Eichenhain“. Es diente der Erholung von deutschen Luftwaffe-Offizieren. Durch eine Granatbombe wurde es jedoch beschädigt, so, dass es unter der Besatzung der Sowjets zunächst als „abzureißendes, weil kriegsbeschädigtes Objekt“ klassifiziert wurde.

Der litauische Schriftsteller Antanas Venclova jedoch setzte sich dafür ein das Haus zu erhalten und nach einem Treffen mit Thomas Mann 1955 in Weimar wurde nach weiteren 10 Jahren endlich saniert. 1967 wurde eine Gedenkstätte eröffnet und es begann eine zweite Welle der „Mann-Euphorie“, so, dass die Gedenkstätte schon bald auch als Zentrum für literarische Seminare genutzt wurde. Deutschen war der Besuch allerdings bis zum all der Mauer nicht möglich, erst als der „Eiserne Vorhang“ der Vergangenheit angehörte besuchten auch Deutsche wieder Nida. Zudem war nun das Interesse an allem „Westlichen“ gestiegen; „das Deutsche“ war auch Inbegriff einer neuen Lebenshaltung für mehr kulturelle Offenheit und Zukunftsperspektive. Seit Mitte der Neunziger sorgen das „Thomas Mann – Museum“ und das „Thomas Mann – Kulturinstitut“ für mehr deutsch-litauischen Austausch in Nida, jährlich kommen etwa 50.000 Besucher um einen Einblick in die Gegend zu bekommen, die Mann zu Lebzeiten so ins Herz geschlossen hatte. Das Museum beherbergt eine kleine Ausstellung über Thomas Mann und einige authentisch wiederhergestellte Wohnräume der Manns lassen sich besichtigen. Außerdem zieht das „Thomas Mann – Festival“, ein Kunst- bzw. Literaturfestival im Sommer, jedes Jahr zahlreiche Besucher an, sowohl Litauer als auch Deutsche.

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