Eine Reise „ans Ende der Welt“

Ferien!!! Zeit um meine Fühler auszustrecken und die Zeit zum Reisen zu nutzen… Ganz oben auf meiner „Muss-ich-gesehen-haben-Liste“ steht die Kurische Nehrung mit ihrem besonderen Nationalpark. Geplant war ein mehrtägiger Aufenthalt, doch wie es eben so ist, musste ich meine Idee spontan anpassen…

Als Deutsche bin ich sehr an gute Bahnverbindungen gewöhnt, die hier aber hervorragend durch ein Netz von Bussen ersetzt werden. Fast jedes noch so kleine Dorf ist also auf diese recht preiswerte Weise erreichbar. In den Bussen gibt es Internet, das sogar funktioniert, wenn sich 20 Leute auf einmal einloggen 😉

Am Freitagabend habe ich noch daran gezweifelt ans Meer fahre zu können; es regnete wie zur Sintflut. Am Samstagmorgen schien dann aber wieder die Sonne, alles tropfte zwar noch von dem vor-täglichen Regengüssen aber der Himmel war blau.

Ein kleiner Bus bringt mich nach Klaipeda. Neben mir sitzt leider eine Frau mit einem Pudel auf dem Schoß. Der Pudel hat natürlich Angst und hält es nicht aus, auch nur eine Minute still zu bleiben. Außerdem dünstet er aus, vorne und hinten. Ich bin noch müde und kann so die Geruchsbelästigung einigermaßen überschlafen.

Klaipedas Busbahnhof liegt etwa 2km außerhalb des Zentrums, doch zunächst versuche ich erst einmal herauszufinden, wo ich die Nacht verbringen kann. Obwohl Samstag ist, scheint Klaipeda ausgestorben und leider gilt das auch für die Touristinfo. Die Altstadt Klaipedas ist hübsch, was man vom Drumherum nicht gerade behaupten kann. Als Hafenstadt gibt es eben auch viel Industrie und weniger hübsche Gebäude. Der alte Fährhafen hingegen ist durchaus einen Besuch wert: man hat ein wunderbares Panorama über die Nehrung und die Kräne des Hafengeländes. img_20161030_133140

Das erinnert mich an Hamburg, also meine Heimatregion und zusammen mit der frischen Brise die mir um die Nase weht fühle ich mich hier angekommen. Spontan entscheide ich mich mit der nächsten Fähre nach Smiltyne auf der Nehrung überzusetzen. Warum hierbleiben, wenn ich auf der anderen Seite der Nehrung noch näher am Meer bin und endlich mal allen Geräuschen von Autos und Industrie entfliehen kann?img_20161029_124615

Die Fähre ist sehr günstig; für nur 80 Cent erreicht man die andere Seite in einer kurzen Fahrt und die Rückfahrt ist sogar inklusive. In Smiltyne angekommen stehe ich erst einmal ratlos da, denn ich besitze keine Karte oder Broschüre über die Nehrung. Also folge den anderen Passagieren von der Fähre entlang einer Straße am Ufer. Das Wasser plätschert, der Wind briest auf und von der anderen Seite her ist das Knartschen der Kräne zu hören. Laut Angabe einer tafel am Wegrand sollte sich an dieser Straße auch das Informationszentrum des Nationalparks befinden, alles scheint aber sehr verlassen. Vorbei

an einigen verlassenen Sommerhäusern, dem ethnografischen Fischerdorfmuseum und einer Freilicht-Ausstellung für alte Fischerbote erreiche ich dann schließlich das Ende der Straße. Hier befindet sich das Meeresmuseum und ein Delfinarium, somit wird mir klar, warum alle Leute ausgerechnet in die Richtung gehen.

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Also wieder zurück, denn ich erinnere mich vage, am Fähranleger auch eine Busstation gesehen zu haben. Dort hängt leider kein Fahrplan aber eine freundliche Begrüßung auf Litauisch eröffnet mir auch ein Gespräch zu einer an der Haltestelle wartenden Frau. Von ihr erfahre ich, dass bereits Nebensaison ist. Im Sommer ist Smiltyne ein trubeliger Ort, mit Ständen für Eis und Cafes, außerdem natürlich der Touristeninfo. Im Herbst und Winter jedoch, wird es still auf der Nehrung und alle Angebote werden eingeschränkt. Der Bus fährt trotzdem immerhin 8 Mal am Tag.

Während der Busfahrt nach Nida bekomme ich einen ersten Eindruck der Gegend und verstehe warum jeder der einmal hier war, unbedingt noch einmal zurückkehren will. Warum Thomas Mann, als er das erste Mal auf die Kurische Nehrung kam, so verzaubert war, dass er ein Sommerhaus baute. Durch sanfte Hügel mit leuchtenden Bäumen (der Herbst von seiner schönsten Seite) geht es durch die Hauptorte der Nehrung, durch Juodkrate, Pervalka und Preila. Die Endhaltestelle ist Nida, schon fast an der russischen Grenze. Nida ist der beliebteste Ort auf der Kurischen Nehrung und wirklich idyllisch. Während sonst bei Reportagen und Dokus über Landschaften und Städte immer der Hang zur Romantisierung da ist, kann ich die Schwärmerei für Nida an dieser Stelle nur bestätigen. Nicht nur die kleinen Häuser im Fischerhausstil oder der Blick auf das Wasser zur einen und den Wald auf der anderen Seite machen diesen Ort besonders. Die Stille, das Rauschen des Windes und das Licht machen Nida zu einem Ort für alle die Wellness für Geist und Körper brauchen.

Der kleine Busbahnhof liegt in der Dorfmitte, inder Nähe des Hafens, des einzigen Supermarktes und der Touristeninformation. Diese ist mein erstes Ziel, ich möchte mir ein Zimmer für die Nacht vermitteln lassen. Das empfiehlt mein Reiseführer. Wie sich herausstellt, ist dieser jedoch veraltet und Nida hat sich in den letzten Jahren gewandelt.Private Zimmer sind rar, Ferienhäuser in privater Hand verbreitet. Bloß will ich ja kein Haus mieten… Schließlich beiße ich in den sauren Apfel und nehme ein Zimmer für 30 Euro die Nacht, rund dreimal so viel, wie man für ein Hostel in Nida zur Sommersaison zahlen würde. Immerhin: Das Zimmer ist ruhig, sauber und hat sogar einen Wasserkocher 😉img_20161030_081953

Den Rest des Tages nutze ich um Nida zu erkunden: Es gibt einige Hauptattraktionen, so das Bernstein-Museum und das Thomas-Mann-Haus, beides hat jedoch nicht auf. So widme ich der einzigen saison-unabhängigen Attraktion, der Natur von Nida. Es gibt einen Erkundungspfad mit Erklärungen zur Fauna und Flora der Gegend. Er führt zunächst m Wasser entlang und über eine steile Treppe kommt man schließlich bis zur „Hohen Düne“, der zweithöchsten Düne Europas. Steht man ganz oben, schaut man über eine scheinbar endlose Sandfläche und bekommt ein Gefühl dafür, wie es in einer Wüste sein muss. Diese Düne ist dabei noch die kleinere Düne auf der Kurischen Nehrung, die größere Düne ist ein streng geschütztes Naturschutzgebiet hinter dem Ort Pervalka. Die Düne bewegt sich, rutscht sehr langsam ins Wasser ab. Deshalb werden Besucher dazu aufgefordert, an einer bestimmten Stelle Fotos von der Düne im Rahmen eines Forschungsprojektes zu machen, welches die Bewegung der Düne dokumentiert.img_20161029_155927

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Der Wanderweg führt weiter durch ein heideartiges Gebiet, hier kann man unter anderem zwei besondere Pinienbäume sehen. Diese kleinen, dünnen Bäume sehen aus, als wären sie keine zehn Jahre alt, in Wirklichkeit haben sie aber schon 120 Jahre Wind und Wetter erlebt. Der Weg geht weiter, etwas bergab, durch ein Waldgebiet mit Nadelbäumen.img_20161029_161508

Der Wind heult mir um die Ohren und trägt das Geräusch der Brandung von der Ostsee bis zu mir, aber das Meer ist auch nur noch wenige hundert Meter entfernt. Am Fuß des Hügels erreicht man die Künstlerkolonie der Nehrung, ein moderner Komplex mitten im Wald. Hier arbeiten kreative Köpfe mitten in der Natur, aber auch Touristen können sich hier für ein paar Tage ein Zimmer nehmen. Über die Straße kommt man nach Nida zurück, zu empfehlen ist aber, noch einen Abstecher zum Leuchtturm zu machen.img_20161029_164239

Am Abend wird meine Hoffnung enttäuscht, noch irgendwo nett Essen zu können. Außer einem Restaurant, das jedoch nur Fleisch anbietet, gibt es nichts mehr. Die anderen Restaurants haben nur während der Saison auf, dann kann man von Grill bis Tapas alles Mögliche essen. Aber es gibt ja noch den Supermarkt und so kriege ich zumindestens noch etwas Kaltes zu Essen. Zur Not geht auch Knoblauchbrot und Rote Bete- Möhren- Salat auf litauische Art.

Am nächsten Morgen wache ich auf und bin erstaunt wie früh es noch ist; in der Abgeschiedenheit habe ich glatt die Zeitumstellung vergessen. Zum Glück gibt es Nida eine vortreffliche Bäckerei. Litauische Bäckereien bieten zwar kein Frühstück nach deutschem Wunsch, aber ein Französisches Frühstück gibt es, sogar mit frischem O-Saft. Die Auswahl an Kuchen hier ist wunderbar, komme ich noch einmal hier her zurück, dann am Nachmittag zum Cafe. Der Apfel-Varske-Kuchen inspiriert mich zumindestens, am nächsten Tag einen eigenen Varske-Kuchen zu backen (das Rezept findet ihr auch auf meiner Seite).

Die Nehrung bietet klasse Strecken für Wanderer und Radfahrer und mit meinem Rucksack bepackt, beschließe ich mich nach Pervalka aufzumachen. Das ich dort eine Unterkunft finden werde bezweifle ich zwar schon im Vorhinein, aber dann nehme ich einfach den Bus zurück.

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Die Wanderung entlang der Küste wird ein Erlebnis, das mirfür immer im herzen bleiben wird. Der Weg führt zunächst entlang der Dünen, sanfte Hügel und Nadelbäume prägen die Landschaft. Dann wird es etwas waldiger und ein Regenschauer überrascht mich. Wie gut, dass es immer wieder Unterstände und Jagdhochsitze gibt. img_20161030_091315

Der Waldweg mündet in einer weiten Heide-Ebene und hier wird Freiheit er-spürbar. Es gibt hier auch Elche, leider sehe ich keinen, dafür aber einen Fuchs. Er läuft vor mir entlang, bleibt stehen undschaut sich ruhend um, Als er mich entdeckt, verschwindet er so plötzlich wie er vor mir auftauchte. Dann wird der Weg erst sehr sandig, später sumpfig und die Wegführung verliert sich.

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Ich bin mir sicher, an dieser Stelle falsch gegangen zu sein, mein Tipp wäre einfach entlang des schmalen Sandstreifens am Wasser weiterzulaufen. So kommt man schließlich nach Preila, ein verschlafener, kleiner Ort ohne jedes Angebot im Herbst. Nach Pervalka geht es auf dem asphaltierten Fahrradweg weiter durch einen Laubwald. Die Orangetöne der Bäume machen den recht einseitigen Weg doch zum Genuss und nach weiteren 6 km erreicht man den Ort. img_20161030_111104

Hier sieht das Angebot an Cafes etc. auch nicht besser aus, doch zur Busstation sind es nur noch 2km über die Straße. Über die Zeiten der Busverbindungen sollte man sich in jedem Fall vorher informieren, sonst wartet man schnell mal zwei Stunden in der Pampa… Der Bus bringt mich wieder nach Smiltyne und von dort fährt die Fähre nach Klaipeda. Etwas wehmütig, die Insel schon verlassen zu müssen, schaue ich zurück. Aber Pries und Erlebenis stehen für mich nicht im Verhältnis. Ich werde zurückkommen – im Sommer, mit dem Fahrrad…

Meine Planänderung sieht nun vor, mir etwas anderes anzuschauen und schon am Abend buche ich dann spontan ein Hostel in Riga… Ein Lob auf die vielfältiegn Busverbindungen hier!

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