Tag der Deutschen Einheit – In Litauen

Der Tag der Deutschen Einheit hat zugegeben in meinem Leben bisher keine Rolle gespielt. Er war ein Tag an dem ich schulfrei hatte und das Radio Feiertagsprogramm spielte, aber ansonsten? In Deutschland findet dieser Tag im Vergleich zu Nationalfeiertagen in anderen Staaten der Welt doch recht wenig Aufmerksamkeit in der breiten Masse.

Überraschenderweise bekam ich vor einiger Zeit aber dann eine Einladung der Botschaft für einen Empfang zum Einheitstag in Vilnius. Das lässt man sich natürlich nicht entgehen, zumal meine Schule mir für diesen Tag extra freigeben wollte, damit ich die Hauptstadt erkunden kann. So war ich am 4. Oktober, ja nicht am 3.Oktober, dem eigentlichen Tag der Deutschen Einheit, in Vilnius.

Davor hatte ich aber schon am Sonntag ein schönes Erlebnis zum Einheitstag, denn in der Philharmonie von Kaunas fand ein Konzert zum Tag der Deutschen Einheit statt. Die Litauer haben sozusagen den deutschen Nationalfeiertag gefeiert! Und zwar in aller Würde: Menschen jeden Alters, aber in jedem Fall in Sonntagskleidung, strömten in das Konzerthausund der kleine Saal war fast gefüllt. Der Sprecher des Konzertes sorgte mit allerhand Wissenswertem über den Tag der Deutschen Einheit für einen schönen Rahmen, aber gelohnt hat sich Konzert vor allem wegen den musikalischen Darbietungen, so wie es sein soll. Aufgetreten sind drei junge deutsche Talente, deren Namen man sich unbedingt einprägen sollte wenn man etwas für Klassik oder Jazz übrig hat: Der sechzehnjährige Sami Kimam Klavier, der erst zwölfjährige Levin Losemann und Pianist Knut Hanßen, Mitte 20.

Die Drei sind mir dann auch am Dienstagabend wieder begegnet, auf dem Empfang der Botschaft. Die Botschafterin hatte in das Museum des Großfürstenpalastes Vilnius eingeladen, ein prestigeträchtiger Ort.

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In schicken Klamotten kamen an diesem Abend also zahlreiche Vertreter des DAAD, des ZfA, der Goethe-Institute, der Stadt Vilnius, Ehrengäste und und und zusammen. Bei einem Sekt konnte man zunächst die ein oder andere Nettigkeit austauschen, dann dem Chor des Jesuitengynasiums Vilnius bei seinen Darbietungen der Nationalhymnen und Europahymnen lauschen, dann die (nicht so ganz) überzeugende Rede der Botschafterin hören und die musikalische Darbietung der drei ebenbenannten Musiker bewundern. Interessant waren die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Gäste: Bei der deutschen Nationalhymne sang allein der Chor, bei der litauischen Hymne erzitterte der Saal vom Gesang der litauischen Gäste. Es gibt kaum andere Nationen als Deutschland, bei denen der Patriotismus so unterentwickelt ist. Die deutsche Form des Nationalstolzes ist sehr einzigartig und äußert nicht durch Flagge-Schwenken oder inbrünstigen Vorführungen der Hymne. Nationalismus in dieser Form ist bei uns aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit negativ konnotiert. Ganz anders in Litauen: Der Nationalstolz drückt das Bewusstsein dafür aus, dass man nach langen Phasen der Besatzung und Unterdrückung nun ein eigenständiger Staat mit demokratischen Wertmaßstäben ist.

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Auch bei der musikalischen Darbietung der Jungen war das Laut und Leise so verteilt; während die Litauer munter weiter redeten und scheinbar kein Interesse an der Musik hatten, wurden de bösen Blicke und „Psch“ der ansonsten schweigenden Deutschen hörbar. Andere Länder, andere Sitten eben …

Der Abend endete nach nur knapp zwei Stunden, so, dass ich noch Gelegenheit hatte den Charme des nächtlichen Vilnius zu erleben, bevor mein Bus zurück in Richtung Kaunas abfuhr.

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